Süddeutsche Zeitung

Milchersatzprodukte:Vegane Milch boomt - aber die Bauern profitieren nicht

  • Kuhmilch bekommt Konkurrenz von Produkten aus Soja, Hafer oder Mandeln.
  • Die Umsätze der Hersteller steigen rasant - doch viele Mandelbauern können kaum noch davon leben.

Silke Maringer greift tief zwischen die Regalreihen und hat Glück. Lächelnd zieht sie das letzte Tetra-Pak mit Mandelmilch heraus und legt es in ihren Einkaufskorb. Kuhmilch landet nicht darin - der Klassiker bekommt Konkurrenz von Produkten aus Soja, Hafer oder Nüssen.

Diese sind noch relativ neu im Handel, aber die Verkaufszahlen steigen rasant. Mittlerweile werden Kunden auch im großen Supermarkt fündig und nicht mehr nur in Bio-Läden. Rund 2,6 Millionen Haushalte kauften 2014 Milchersatzprodukte, im Vorjahr war es noch fast eine halbe Million weniger, sagt die Gesellschaft für Konsumforschung. Der Umsatz des Segments ist ihr zufolge im gleichen Zeitraum um 40 Prozent gestiegen.

Nicht nur etwas für Veganer und Allergiker

Veganer trinken Milchersatzprodukte, weil keine Tiere in die Produktion involviert sind. Wer keine Laktose verträgt, kann so seine Intoleranz umgehen. Doch auch wer Käse und Joghurt mag, gehört mittlerweile zur Zielgruppe - so wie Sabine Maringer im Supermarkt. "Eigentlich bin ich echt kein Öko", sagte sie. Trotzdem greift sie nicht zu herkömmlicher Milch, sondern zu einem Ersatzprodukt aus Mandeln. Ihr schmecke das besser, sagt sie.

Was erklärt den Erfolg der Milchkopien an der Supermarktkasse? "Vermutlich spielt der Wunsch nach einer nachhaltigeren und gesünderen Ernährung eine Rolle", sagt Christine Behr-Völtzer, Professorin für Ernährungswissenschaft an der Universität Hamburg. "Dabei ist die Zusammensetzung der Getränke alles andere als optimal."

Die Produkte bestehen größtenteils aus Wasser und Zucker

Milchersatzprodukte bestehen größtenteils aus Wasser, an zweiter Stelle steht bei den meisten Herstellern Zucker. Vitamine oder Mineralstoffe werden künstlich zugesetzt. "Wären die Produkte nicht mit Calcium versetzt, wären sie als Nährstofflieferanten wertlos", sagt Behr-Völtzer. "Für Menschen ohne Unverträglichkeiten gilt: Gesünder als tierische Milch sind die Ersatzprodukte definitiv nicht."

Der deutsche Markt wird von zwei Firmen dominiert. Am meisten Milchersatzprodukte verkauft nach eigenen Angaben Alpro. Das belgische Unternehmen startete als Spezialist für Sojaprodukte, bietet aber seit 2012 auch Getränke aus Kokos, Mandeln oder Haselnuss an. Der zweite große Anbieter hierzulande ist Alnatura. Anfangs verkaufte das Unternehmen seine Produkte in Drogeriemärkten, mittlerweile existieren in Deutschland rund 100 eigenständige Alnatura-Filialen. Daneben gibt es auf dem Markt noch Produkte von Eigenmarken der Super- und Drogeriemarktketten, die den Produkten der großen Hersteller aber sowohl inhaltlich als auch preislich sehr nahe sind.

Die Preise für Mandelmilch liegen zwischen 2,69 Euro und 2,95 Euro pro Liter. Ähnlich viel muss der Verbraucher für Reis- oder Haferdrinks bezahlen. Lediglich Sojagetränke liegen mit 85 bis 95 Cent im unteren Preissegment. Tierische Milch ist jedoch momentan mit 55 Cent pro Liter so billig wie nie. Da ein Verbraucher aufs Jahr gerechnet durchschnittlich rund 58 Liter Milch trinkt, betrüge die Differenz fast 140 Euro, würde er sie durch Mandelmilch ersetzen. Aber woher kommen die hohen Preise?

Woher kommen die hohen Preise?

Klar, Mandeln sind kein billiger Rohstoff: Gut 14 Euro bezahlen die Getränkehersteller im Nusshandel derzeit für ein Kilogramm. Aber das ist kein Grund für die hohen Preise. Denn wo Mandel draufsteht, ist nicht immer auch viel Mandel drin. Der Anteil beim Hersteller Alnatura beträgt sieben Prozent, beim Marktführer Alpro sind es sogar gerade einmal zwei Prozent. Das entspricht einer Handvoll Mandeln im Wert von gerade einmal 30 Cent.

Die Unternehmen führen als Grund für den Preis die aufwendige Gewinnung des Mandelextraktes an. Einem Alpro-Sprecher zufolge ist es unumgänglich, die Mandeln erst aufwendig zu rösten, bevor der Drink daraus entsteht. Experten bezweifeln das, können ihre Zweifel jedoch nicht belegen. Alpro und Alnatura möchten ihre Hallen nicht für Journalisten öffnen. Sicher ist aber, dass ihre Rechnung aufgeht. Alnatura verzeichnet nach eigenen Angaben ein Absatzwachstum von jährlich 20 Prozent allein mit Milchersatzprodukten. Bei Alpro schweigt man über konkrete Zahlen, deutet aber an, dass sich das Wachstum in einem ähnlichen Bereich bewegt und man "mit dem Umsatz durchaus zufrieden" sei.

Längst nicht alle profitieren

Das können nicht alle behaupten, die an dem Geschäft beteiligt sind. Enrique Costa Halcón ist "einer von der anderen Seite", wie er sagt. Vor sechs Jahren kaufte der Spanier, der sich als "Stimme der andalusischen Mandelbauern" versteht, 130 Hektar Land nahe Málaga. Spanien befand sich mitten in der Wirtschaftskrise, aber das Geschäft mit Mandeln war vielversprechend und zudem subventioniert. Auch die Mandeln der Alpro-Drinks stammen aus Südeuropa. "Die ersten zwei, drei Jahre liefen gut, und es blieb genug Geld übrig, um Maschinen abzubezahlen - aber dann wurde alles anders", erinnert sich Costa Halcón.

Noch vor fünf Jahren lag der Erzeugerpreis für ein Kilo Mandeln bei sechs bis sieben Euro. Nun gehen die Mandelbauern davon aus, dass es im dritten Jahr in Folge unter drei Euro sein werden, weniger als die Hälfte als noch vor fünf Jahren. Der Grund ist die Konkurrenz aus den USA: In Kalifornien werden jährlich mehr Mandeln produziert als in Spanien und Italien zusammen, insgesamt um die 300 000 Tonnen. Und anders als in Spanien sind die Mengen, mit denen die Bauern ihre Felder bewässern dürfen, kaum reguliert.

Die USA drücken die Preise und die Hersteller gehen mit

Die USA drücken also die Preise, und die großen europäischen Unternehmen gehen mit. "Wir Bauern verstehen das nicht. Bei Obst legt man so viel Wert darauf, dass die Produkte aus Europa kommen. Und bei Nüssen kaufen die Hersteller in Übersee, wenn wir uns nicht auf ihr Preisdiktat einlassen", sagt Costa Halcón. Trotz der Subventionen deckten die Erlöse nicht einmal die Kosten vieler Mandelbauern für die Ernte und das Säubern der Mandeln.

Offenbar profitieren demnach nicht alle Seiten von dieser Milch, die eigentlich gar keine ist. Der Gesundheit der Verbraucher ist sie nur bedingt förderlich, ihren Geldbörsen kein bisschen, und viele Mandelbauern können von dem Geschäft kaum noch leben. Allein die Hersteller dürften sich die Hände reiben - denn was gibt es für sie Besseres, als ein stark nachgefragtes Produkt bei vermeintlich günstiger Herstellung zu gesalzenen Preisen verkaufen zu können.

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Quelle:
SZ vom 05.11.2015
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