Süddeutsche Zeitung

Unternehmensbilanz:Lufthansa beendet ihr schlimmstes Jahr

Niederschmetternde Bilanz und Reiserestriktionen: Es sind die schlechtesten Zahlen, die jemals ein Lufthansa-Chef präsentieren musste. Trotzdem gibt sich Carsten Spohr zuversichtlich.

Von Jens Flottau, Frankfurt

Normalerweise würden jetzt hier die besten Lufthansa-Kunden noch ein Glas Champagner trinken, bevor sie vom eigenen Chauffeur per Luxuslimousine zu ihrem Flugzeug gebracht würden. Doch am Dienstag stand Lufthansa-Chef Carsten Spohr in seinem First-Class-Terminal am Frankfurter Flughafen vor einer Kamera - und nichts konnte die aktuelle Tristesse besser beschreiben als die leeren Sofas und Tresen im Hintergrund. "Ich hätte mir nie vorstellen können, dass ich morgens um zehn Uhr einmal in einem leeren Terminal stehen würde", schilderte er seinen Zuhörern bei der virtuellen Bilanzpressekonferenz.

Die Zahlen zu den Bildern: 76 Prozent weniger Passagiere im Jahr 2020, 67 Prozent weniger Flüge, 63 Prozent weniger Umsatz (13,6 Milliarden Euro), ein Nettoverlust von 6,7 Milliarden Euro, ein negativer Cash-Flow von 3,7 Milliarden. Es sind die schlechtesten Zahlen, die jemals ein Lufthansa-Chef präsentieren musste nach einem Jahr, in dem die Bundesregierung das Unternehmen auf dem Höhepunkt der Krise im vergangenen Frühsommer mit einem Neun-Milliarden-Euro-Paket vor der Insolvenz retten musste.

Spohr, der seit mehr als 25 Jahren für Lufthansa arbeitet und seit 2014 an der Konzernspitze steht, muss hart im Nehmen sein. Denn trotz der niederschmetternden Bilanz, weiterhin rigiden Reiserestriktionen und der beginnenden dritten Welle der Corona-Pandemie glaubt er, dass "das Schlimmste hinter uns liegt. Sie erleben mich heute durchaus zuversichtlich". 2021 werde für Lufthansa nicht mehr ein Jahr des Überlebenskampfes, sondern der Modernisierung, Transformation und der Verkleinerung.

140 000 Mitarbeiter hatte der Konzern Anfang 2020, mittlerweile sind es nur noch 110 000, und Spohr will auf jeden Fall mindestens 100 000 im Unternehmen halten. Ob das gelinge, hänge sehr stark davon ab, ob die Gewerkschaften verpflichtenden Teilzeitmodellen zustimmen. Bislang gibt es so eine Vereinbarung nur mit der Flugbegleitergewerkschaft UFO, sowohl beim Bodenpersonal als auch den Piloten laufen Übergangstarifverträge Anfang 2022 aus. Ohne Einigung würden rund 1100 der 5000 Lufthansa-Piloten vor der Entlassung stehen.

Spohr rechnet damit, dass die massiven Einschränkungen beim Reisen bald fallen werden

Auch wenn das Schlimmste hinter der Airline liegen mag, die Erholung wird länger dauern. Lufthansa kassierte das Ziel, 2021 insgesamt bis zu 60 Prozent der Vorkrisenkapazität anbieten zu wollen, und geht nun nur noch von höchstens 50 Prozent aus. Für den Sommer hält sie sich aber bereit, bis zu 70 Prozent anbieten zu können, sollte das die Nachfrage wieder hergeben. 2024 soll die Lufthansa wieder 90 Prozent ihres Angebots von 2019 bereitstellen - auch das klang schon einmal optimistischer.

Spohr rechnet aber damit, dass nach den jüngsten Corona-Beschlüssen Ende des Monats auch die massivsten Einschränkungen beim Reisen fallen könnten. Lufthansa setzt auf den von der Europäischen Kommission geplanten digitalen Pass, der nicht nur Impfungen, sondern auch Tests registriert. Quarantäneregeln seien nicht geeignet, das Infektionsgeschehen zu beherrschen, Testen sei viel besser und werde allen, die ein negatives Ergebnis aufweisen, auch das Reisen wieder ermöglichen.

Unter dem Eindruck der Krise stellt der Konzern seine Finanzstrategie um, damit er in Zukunft nicht mehr so verwundbar ist. Verantwortlich dafür, dies durchzusetzen, ist der neue Finanzvorstand Remco Steenbergen - Vorgänger Ulrik Svensson musste im Frühjahr 2020 aus gesundheitlichen Gründen plötzlich zurücktreten. Lufthansa will künftig die liquiden Mittel immer bei mindestens sechs bis acht Milliarden Euro halten, vor der Pandemie waren es nur zwei bis drei Milliarden. Steenbergen will auch so schnell wie möglich ein Investment-Grade-Rating zurückbekommen. Er schloss weder neue Finanzierungsrunden über den Kapitalmarkt noch eine Kapitalerhöhung aus. Und während der neue Finanzchef für 2021 nur einen geringeren Verlust als für 2020 zu prognostizieren wagte, machte er schon jetzt klar, dass Lufthansa 2022 wieder schwarze Zahlen schreiben will.

Von den Staatshilfen hat Lufthansa bislang nur 2,3 Milliarden Euro gezogen, laut Steenbergen sollen diese so schnell wie möglich zurückgezahlt werden, auch wenn sich Lufthansa auf dem Kapitalmarkt mehr Geld besorgen kann. Steenbergen machte deutlich, dass der Finanzdienstleister Lufthansa Airplus ebenso verkauft werden soll wie der Rest des Catering-Unternehmens LSG Skychefs, von dem Lufthansa schon Teile verkauft hat. Es sei auch denkbar, einen Minderheitsanteil an Lufthansa Technik entweder an einen Investor zu verkaufen oder an die Börse zu bringen. Dies sei aber ein komplexes Verfahren und werde noch länger dauern.

Wie lange die Rückkehr zur Normalität dauern wird, macht auch ein Blick auf die Flotte deutlich: von den mehr als 800 Maschinen werden 2021 im Durchschnitt rund 350 am Boden stehen, im kommenden Jahr noch 250, und selbst 2023 wird Lufthansa noch 150 Maschinen zu viel haben. Doch auch hier will sie die Krise als Chance nutzen: Flugzeuge, die älter als 25 Jahre sind sowie die meisten viermotorigen Jets, die besonders ineffizient sind, werden dauerhaft ausgemustert.

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