Süddeutsche Zeitung

Libor-Skandal der Deutschen Bank:Wie die "French Connection" zuschlug

Lesezeit: 5 min

Realer Thriller: Ein kriminelles Kartell aus Banken und Händlern manipuliert den Zins, um zur Blütezeit freier Finanzmärkte das große Geschäft zu machen. Gerne korrespondierten sie dabei auf Französisch. Nun muss die Deutsche Bank diese bizarre Affäre aufarbeiten - und fünf Millionen E-Mails.

Hans-Jürgen Jakobs, München, und Markus Zydra, Frankfurt

Sie korrespondierten gerne auf Französisch - einer Sprache, die in der angelsächsischen Finanzwelt selten gepflegt wird. Vieles sollte geheim bleiben. Sie kannten sich gut, mochten wohl Paris und saßen in den größten der großen Banken. Sie manipulierten dort das Wichtigste, was diese Welt hat, den Zins. Der heißt hier Libor oder Euribor. So machten sie zwischen 2005 und 2007, in der Blütezeit freier Finanzmärkte, blendende Geschäfte.

Sie, das waren internationale Geldhändler, eine profitable "French Connection". Insgesamt 16 Banken und drei Dutzend Trader sind in einen Skandal verstrickt, der derzeit die Finanzwirtschaft erschüttert und die Politik alarmiert.

Auch in Deutschland schauen Parteigranden auf diese Story, denn zum französischen Kartell gehörten Mitarbeiter der Deutschen Bank. Das macht die Sache zur Herausforderung für die erst seit Anfang Juni amtierende neue Führung.

Die Vorstandschefs Anshu Jain und Jürgen Fitschen sowie der Aufsichtsratsvorsitzende Paul Achleitner haben alles zu tun, die bedrohliche Affäre aus der Welt zu schaffen - und müssen doch auf den Bericht der Aufsichtsbehörde Bafin warten. Der kommt nach Informationen der Süddeutschen Zeitung Mitte August, in zwei Wochen also. Ende August ist dann mit den gesammelten Erkenntnissen der Bank zu rechnen.

Aufsichtsratschef Achleitner soll intern Entwarnung für Vorstandschef Jain gegeben haben: "Wir werden zu ihm halten", hat er angeblich erklärt. Jain habe schließlich, nach derzeitigem Stand, nichts Unrechtes getan und nichts von den Vergehen gewusst. Die Zinsmanipulationen seien vier Ebenen unter ihm passiert. Offiziell nimmt das Finanzinstitut keine Stellung. Am kommenden Montag und Dienstag wird sich der Aufsichtsrat der Deutschen Bank mit den Kalamitäten befassen. Schon seit 2010 laufen intern Untersuchungen, damals angestoßen von Ex-Chef Josef Ackermann und von Ex-Risikovorstand Hugo Bänziger.

Zügig wird die Aufkläung nicht möglich sein

Zügig lief die Aufklärungsarbeit nicht. Der Fall ist hochkomplex, die Abstimmung mit den Aufsichtsbehörden scheint schwierig gewesen zu sein. Ackermann erklärte jüngst gegenüber Vertrauten, die Zins-Affäre sei auch ein Grund, weshalb er nicht den fürs Investmentgeschäft zuständigen Jain als Nachfolger vorgeschlagen habe. In der Bank sind viele genervt wegen solcher Indiskretionen.

Inzwischen rollen 200 Mitarbeiter die Geschichte dieses Betrugs auf. 34 Millionen E-Mails wurden erfasst, 5,1 Millionen werden überprüft. Gefahr ist in Verzug, aber eine Vorverurteilung wäre schlimm.

In den bankinternen Stellungnahmen, die fortwährend ein "Update" erfahren, dreht sich offenbar vieles um Christian Bittar, den frankophilen Händler, der die Bank 2011 im Zuge der Affäre mit einem Kollegen verlassen musste. Vier andere Deutschbanker wurden degradiert, finanziell wie karrieretechnisch. Man hätte sie wohl gern aus dem Job expediert, musste aber Prozesse fürchten, heißt es in Finanzkreisen. Bittar arbeitet inzwischen in Genf beim Hedgefonds Blue Crest. Eine Anfrage lässt er so beantworten: "Wir können nichts erklären, außer dass Herr Bittar von Blue Crest beschäftigt wird."

Libor hoch und runter parliert

Dieser Experte für Zinspapiere soll eng mit der zentralen Figur dieser Affäre kooperiert haben, mit Philippe Moryoussef. Der Marokkaner, der in Rabat auf eine französische Schule ging und lange bei Société Générale in Paris arbeitete, war zwischen 2005 und 2007 Händler bei der Barclays Bank in London.

Mit zur "French Connection" sollen beispielsweise auch Michael Zrihen (Crédit Agricole) und Didier Sander (HSBC) gehört haben. Ein kleiner Kreis also parlierte den Libor und den Euribor hoch oder runter. Je nachdem, wie es in die eigenen Spekulationsgeschäfte passte. Diese Zinssätze der Banken geben Leitwerte vor.

Allein am Libor hängen Finanzprodukte im Wert von rund 500 Billionen Dollar. Wird dieser Zins zu hoch angegeben, dann sind etwa Kreditnehmer geschädigt, die eigentlich weniger hätten zahlen müssen. Wird dagegen der Zins künstlich nach unten gedrückt, leiden Geldanleger. Sie kassieren weniger, als normal gewesen wäre, etwa für Tagesgeld.

In einem der Dokumente der amerikanischen Ermittler wird Moryoussef als "Trader E", als Händler E bezeichnet. Dieser E hat demnach im Oktober 2006 vier Banken gebeten, den Zins für den Euribor als zu hoch anzugeben. So etwas lohnte sich. Und viele andere zahlten drauf.

Schon 2008 erste Indizien

Es gibt bereits eine Sammelklage, der sich das Geldinstitut des Privatbankiers Friedrich von Metzler angeschlossen hat; er ist am Finanzplatz Frankfurt eine Größe. Auch Goldman Sachs in New York fühlt sich geschädigt und erwägt eine Klage.

Bereits im April 2008 hatte ein Barclays-Mann gegenüber der US-Notenbank erklärt: "Wir wissen, dass wir keinen ehrlichen Libor angeben." Danach liefen langsam Ermittlungen an. Auch die deutsche Aufsichtsbehörde Bafin begann 2010 mit Untersuchungen, immer schön abgestimmt mit den Behörden in London (FSA) und in den USA (CFTC). Doch richtig in Schwung kam in die Sache erst mit großformatigen Schuldbekenntnissen in London.

Barclays räumte vor einigen Wochen Zinsvergehen ein, zahlte eine halbe Milliarde Dollar Strafe und schickte Vorstandschef Bob Diamond von dannen. Nun, mit diesen Geständnissen, packten die Bafin-Aufseher ihre schärfste Waffe aus: Sonderprüfung. Mitarbeiter der Bundesbank untersuchen derzeit im Bafin-Auftrag in der Deutschen Bank die Spuren der Geldbande.

Der Bericht der Kontrolleure wird im August sehnlichst von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) erwartet, in dessen Ressort die Bafin beheimatet ist. Schäuble weiß um die Brisanz des Themas. Kollegin Ilse Aigner, Verbraucherministerin, erklärt im Handelsblatt, die Deutsche Bank müsse "reinen Tisch machen, und zwar schnell". Solche Emotionalausbrüche haben derzeit Konjunktur. Und Schäuble fürchtet weitere populistische Attacken des SPD-Chefs Sigmar Gabriel, der im Finanzgeschäft aufräumen will. Rechtzeitig vor der Bundestagswahl 2013 möchte auch der Finanzminister Tatkraft signalisieren.

Deutsche Bank steht für Milliarden-Strafe

Die Deutsche Bank dürfte der Skandal am Ende einiges kosten, auch wenn sie womöglich zusammen mit anderen Instituten einen Vergleich anstrebt, und in Brüssel für den Euro-Raum und in der Schweiz für die Franken-Zone Kronzeugenstatus erlangt hat. Das bewirkt üblicherweise einen gewissen Strafbonus. Die Bank Morgan Stanley hat den Schaden für das Geldinstitut bereits auf 1,04 Milliarden Dollar hochgerechnet, was intern in der Deutschen Bank aber auf ziemliches Unverständnis gestoßen sein soll.

Bafin-Chefin Elke König merkte bereits im Spiegel zur Causa Libor an, das sei eine "Einladung zur Manipulation" gewesen. Und sie erklärte, Banken müssten grundsätzlich für eventuelle Schäden "angemessene Rückstellungen" bilden. Die dürften im aktuellen Quartalsbericht der "Deutschen", der Ende Juli erscheint, noch fehlen.

Üblicherweise wird so etwas bilanziert, wenn sich die Schadenssumme konkret abzeichnet. Im Bericht zum ersten Quartal heißt es noch allgemein, die Bank sei von Behörden in Europa und in den USA um Auskünfte "im Zusammenhang mit der Quotierung von Zinssätzen im Interbankenmarkt für verschiedene Währungen" gebeten worden.

Manche in der Bank aber fürchten "Whistleblower" in eigenen Reihen: Mitarbeiter, die Interna nach draußen tragen. Schließlich trennt sich das Institut gerade von 1000 Mitarbeitern aus dem sensiblen Investmentbanking. Kosten sollen gespart werden. Da ist Rache nicht fern.

Hätte der neue Deutsche-Bank-Chef besser kontrollieren müssen?

Ob Anshu Jain, der langjährige Chef der Investmentsparte, hätte besser kontrollieren können? Das wird von der Bundesbank derzeit geprüft. Sie erforscht dem Vernehmen nach, bis zu welcher Hierarchie-Ebene das Wissen um die Tricks reichte. Dass der Händler Bittar ganz allein gehandelt habe, ohne Wissen von Vorgesetzten, ist demnach kaum denkbar.

Erst seit einigen Monaten meldet in der Bank eine Gruppe den Zins für Libor und Euribor, nicht mehr eine einzelne Person. Jains Verteidiger weisen daraufhin, das Libor-System sei in einer Welt ohne Derivate entstanden. Damals wollte man echte Eindrücke vom Markt und konnte sich einen solchen Missbrauch nicht vorstellen. Nun werden womöglich Libor und Euribor ganz eingemottet: Die wichtigsten Notenbanker der Welt reden am 9. September in Basel über Reformen. Bis dahin wird es vermutlich einige Festnahmen gegeben haben.

Paul Achleitner, einst Allianz-Vorstand und nun Schadensbewältiger in Frankfurter Banktürmen, hat schon lange seine eigene Sicht auf die Bankenwelt gefunden. Er teilt sie nun ein in "BC" und "AD", in "before crisis" (vor der Krise) und "after deleveraging" (nach der Entschuldung).

Derzeit steckt Achleitner mittendrin.

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Quelle:
SZ vom 25.07.2012/rela
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