Süddeutsche Zeitung

Lebensmittel-Kette:Kochhaus meldet Insolvenz an

  • Die Firma Kochhaus verkauft Lebensmittel nach Rezept an gut betuchte Stadtmenschen und nennt das "lifestyleorientierten Lebensmittelkauf".
  • Trotz großer Fangemeinde wird die Kette einfach nicht profitabel, vor allem das Online-Geschäft schwächelt.

Von Vivien Timmler

Ein begehbares Kochbuch wollten sie sein. Ein Einkaufsladen ohne Gemüseabteilung, Nudelregal und Frischetheke, sortiert einzig und allein nach Rezepten. Das indische Curry für zwei soll es sein? Kein Problem, alle Zutaten sind nur eine Armlänge entfernt hübsch auf einem Tisch drapiert - so das Geschäftsmodell.

Das hat nun einen Dämpfer bekommen. Das Berliner Unternehmen Kochhaus hat Insolvenz angemeldet. Zwar soll der Betrieb mit seinen 190 Mitarbeitern an neun Standorten zunächst aufrechterhalten werden. Der Firma stehen aber ungemütliche Zeiten bevor. "Wir wollen das Kochhaus innerhalb eines geordneten Prozesses sanieren und auf der Grundlage unseres Konzepts alle Kochhäuser langfristig erhalten", sagt Gründer und Geschäftsführer Ramin Goo. Vor mehr als zehn Jahren hatte er die Firma zusammen mit zwei Kollegen gegründet, es aber nie geschafft, mit ihr profitabel zu werden. So stieg der Umsatz Goo zufolge im vergangenen Jahr zwar um fünf Prozent auf 8,4 Millionen Euro, Gewinn machte die Firma aber nicht. Zu den Gründen der Insolvenz möchte sie sich auf Anfrage nicht äußern.

Kochhaus gilt als Erfinder des Kochboxen-Konzepts, bei dem vor allem junge Leute Rezepte und die dazugehörigen Lebensmittel online bestellen und sich nach Hause liefern lassen. Kochhaus erfand das Ganze jedoch in der Offline-Welt: Das Konzept richtet sich an Städter, die zwar selbst kochen wollen, das aber auf hippe Art und Weise - und zu Preisen, zu denen man sich in vielen Restaurants auch gleich bekochen lassen kann. "Lifestyleorientierter Lebensmittelkauf" nennen das die Gründer, ihre Zielgruppe ist 20 bis 40 Jahre alt und wohnt vor allem in den Städten Berlin, Hamburg, München, Köln und Frankfurt. Ein gewagtes Konzept im doch eher konservativen deutschen Lebensmittelhandel.

Denn wer ein Kochhaus betritt, darf eigentlich nicht auf der Suche nach etwas Bestimmten sein, oder er darf zumindest nicht erwarten, dass er es dort findet. Das Sortiment des Ladens ist bewusst klein gehalten: Was nicht Teil eines der zwölf bis fünfzehn wöchentlich wechselnden Rezepte ist, findet sich auch nicht im Angebot.

Neben Lebensmitteln bietet Kochhaus auch Küchenutensilien, Bücher, Geschenke, Kochkurse, Snacks, Weine und diverse andere Lebensmittel zum Verkauf, außerdem gibt es in den geschäftseigenen Küchen regelmäßig Kochkurse und Koch-Vorführungen - ein weiterer Aspekt des "Lifestyle-Konzepts".

Gegen Lebensmittelverschwendung, aber nicht gegen Plastikmüll

Auch beim Thema Nachhaltigkeit versucht Kochhaus einen Nerv zu treffen, wenn auch nicht immer erfolgreich. Zwar setzt das Unternehmen ein Zeichen gegen Lebensmittelverschwendung, indem die Zutaten immer genau für zwei oder vier Personen abgepackt sind. Überschüssige Reste gibt es nach einem Kochhaus-Einkauf schlicht nicht. Dafür eine Menge Plastik, denn Zutaten wie Sesamkörner, eine Prise Zimt oder 20 Milliliter Sojasoße sind einzeln in Kunststoff abgepackt.

Seit einigen Jahren bietet Kochhaus seine Rezepte mit den dazugehörigen Lebensmitteln auch online als Kochboxen an. Allerdings ist der Anteil der Käufer solcher Boxen in Deutschland nach wie vor sehr gering, mit "Hello Fresh" und "Marley Spoon" besetzen zudem bereits zwei etablierte Start-ups diese Nische. Statt auf das eigene Onlinegeschäft setzte Gründer Ramin Goo deshalb bei den Kochboxen zuletzt auf Kooperationen mit Rewe, Edeka oder Amazon Fresh - und eben auf das eigene Offline-Geschäft. Dementsprechend schwer tat sich Kochhaus im vergangenen Jahr in der digitalen Welt: Das Unternehmen machte online lediglich 20 Prozent seines Umsatzes.

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Quelle:
SZ vom 29.03.2019
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