Süddeutsche Zeitung

IT-Messe Cebit:Wenn die Fahrradkette spricht

  • Auf der Cebit 2015 geht es um die Verschmelzung von digitaler Welt und Wirtschaft.
  • Zur Eröffnung spricht unter anderem der Chef des chinesischen Online-Konzerns Alibaba, Jack Ma. Seine Vision für die Zukunft: sprechende und denkende Maschinen.
  • Das "Internet der Dinge" ist ein großes Thema, viele Firmen präsentieren Alltagsgegenstände, die durchdrungen sind von künstlicher Intelligenz.
  • Die Technikmesse ist seit diesem Montag für Besucher geöffnet und dauert bis zum 20 März.

Von Thomas Hahn, Hannover

Im Kuppelsaal von Hannovers Kongresszentrum steht ein drahtiger Chinese und gibt eine Lektion in Sachen Zukunft. Jack Ma, der Gründer des E-Commerce-Giganten Alibaba, hat die Bühne betreten bei der Eröffnung der Cebit 2015. Mit Spannung hat das Publikum seinen Auftritt erwartet. Spätestens seit Ma im Herbst Alibaba an die New Yorker Börse gebracht hat und zum reichsten Mann Chinas aufgestiegen ist, herrscht reges Interesse an jedem Satz, den er spricht.

Zehn Minuten hat Ma Zeit, aber das reicht ihm, um ein Weltbild von morgen zu entwerfen, in dem Daten in Gegenstände fließen und Dinge in intelligente Geschöpfe verzaubern. "Die Maschine muss sprechen", sagt Jack Ma, "die Maschine muss denken."

China ist Partner der Cebit, die an diesem Montag beginnt. Und zwar laut Oliver Frese, Vorstand der Deutschen Messe AG, "der stärkste Partner, den wir jemals hatten". Frese sagt: "Die chinesische Industrie wird sich hier als globaler Lösungsanbieter zeigen." Alle können also was von China lernen, was einerseits seltsam klingt, denn Chinas Partei-Regierung zeigt ja auch, dass sie ihre Zensur-Gepflogenheiten an die digitale Welt angepasst hat. Aber wenn man Jack Mas Rede vom Sonntag bedenkt, kann man sich tatsächlich vorstellen, dass viele Ideen für die nächsten hundert Jahre aus China kommen. Die Vision von den sprechenden Maschinen ist jedenfalls in Arbeit.

Das "Internet der Dinge" ist ein großes Thema bei der Cebit. Der Mensch feiert sich als Schöpfer einer neuen Welt, in der Alltagsgegenstände durchdrungen sind von künstlicher Intelligenz. Die Telekom hat mit der Rad-Firma Canyon ein Fahrrad gebaut, das den Zustand seiner Einzelteile erfasst und diese per Klick selbständig nachbestellt, wenn sie verschlissen sind. Dieses Rad wird bestimmt eines Tages sprechen.

Samsung hat einen Spiegel entwickelt, der nicht nur den zeigt, der in ihn hineinschaut, sondern in lebensechter Farbgebung die neuesten Kollektionen der Mode-Industrie einblendet. Irgendwann wird wohl auch dieser Spiegel sprechen. Märchen werden wahr. Wobei der Text im Konsumzeitalter natürlich anders geht als bei den Brüdern Grimm. "Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?" - "Du bist die Schönste im ganzen Land. Aber mit diesem sündteuren Versace-Strickjäckchen siehst du noch tausendmal schöner aus."

Die Cebit ist überschrieben mit dem Motto "d!conomy". Diese Wort-Satzzeichen-Schöpfung zeigt, worum es gerade geht: um die Verschmelzung von digitaler Welt und Wirtschaft. Alles kann auf Dauer Teil eines gigantischen Marktplatzes werden - das Auto, das Fahrrad, der Spiegel an der Wand. Der Handel nach Daten dringt immer tiefer in die Privatsphären ein.

Kultur-Pessimisten müssen das nicht schön finden. Aber erstens bringt der digitale Wandel auch viele nützliche Neuerungen; das Telekom-Rad zum Beispiel erkennt Stürze und kann im Notfall Hilfe rufen. Zweitens kann man der Wirtschaft ja kaum verwehren, nach neuen Chancen zu greifen. Das IT-Gewerbe wirkt jedenfalls ziemlich dynamisch. Erstmals seit 2001 ist die Cebit wieder größer als im Vorjahr. "Sie wächst in der Fläche um mehr als fünf Prozent bei stabiler Zahl der Aussteller von 3300 aus 70 Ländern", sagt Frese.

Die Messe hat das Angebot für den Mittelstand erweitert. 350 Start-ups stellen sich vor. Zukunftsdenken in den verschiedensten Bereichen bekommt ein Forum, von Stadtplanung bis Landwirtschaft. Und China soll einer der Schrittmacher sein in dieser Ideenfabrik. Jack Ma sagt: "Nicht die Technologie verändert die Welt. Die Träume hinter der Technologie tun es."

Und der Telekommunikationsausrüster Huawei aus Shenzhen zeigt, wie er die neuen Wunderwelten denkt. Die Firma stellt ein digitales Informationssystem für Fußballstadien vor, bei dem Fans abgefahrene Video-Einstellungen aus dem Spiel und Fußballer-Daten abrufen können. Und die Vereine können die Stadionbesucher mit den neuesten Trends aus dem Fanartikel-Verkauf versorgen. Borussia Dortmund und Schalke 04 sind schon Huawei-Partner. Diesen Montag soll der nächste Bundesliga-Deal vorgestellt werden. Eines Tages werden wohl auch die Sitze im Stadion zu uns sprechen.

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Quelle:
SZ vom 16.03.2015
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