Süddeutsche Zeitung

Internationale Automobil-Ausstellung: Welche Stadt bekommt die IAA?

Die Automesse muss sich neu erfinden, das haben die Eklats im vergangenen Jahr in Frankfurt gezeigt. Nun soll alles anders werden - notfalls in einer anderen Stadt. Sieben Kandidaten haben sich beworben.

So wie bislang kann es nicht weitergehen mit der großen deutschen Automobilausstellung, der IAA. Das wurde der Industrie und ihrem Lobbyverband VDA spätestens 2019 bewusst, als die Messe im September in Frankfurt anlief. Selbst Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) hatte sich eingereiht in die Reihen der Kritiker. Die Stadt brauche "mehr Busse und Bahnen, aber nicht mehr SUVs", hatte in seinem Redemanuskript gestanden. Die sonst übliche Eröffnungsrede für Frankfurts Stadtoberhaupt entfiel - offiziell aus Zeitgründen. Draußen sperrten Demonstranten die Eingänge, um für mehr Klimaschutz zu demonstrieren, drinnen kletterten Umweltschutz-Aktivisten auf die Dächer ausgestellter Wagen.

Aber auch das Geschäft an sich ist in der Krise: Aussteller wie Besucher haben den Gefallen verloren an der deutschen PS-Leistungsschau. Wichtige Hersteller aus Japan, den USA, Frankreich oder China blieben fern und ein Drittel der Gäste. Nur noch gut eine halbe Million Besucher kamen zu der Messe, die gemeinsam mit Paris, Genf, Detroit und Shanghai zu den bedeutendsten der Industrie zählt. Nun soll alles anders werden, die kommende IAA im Herbst 2021 soll eine Mobilitätsschau werden, eingebunden in die Gesellschaft - und nicht mehr unbedingt in Frankfurt.

Sieben große deutsche Städte haben Ende vergangener Woche ihre Bewerbungen in der VDA-Zentrale in Berlin vorgestellt. Mit Oberbürgermeistern, Landesministern, Messemanagern und Wirtschaftsvertretern reisten die Delegationen an; auf der anderen Seite: die VDA-Geschäftsführer, die neue Präsidentin Hildegard Müller und die Marketingchefs der wichtigsten Autounternehmen. Es geht um viel, die Berliner Gesandtschaft hatte sogar Fußballidol Jürgen Klinsmann als Botschafter zum "Pitch" mitgebracht. "Der Funke ist übergesprungen", war sich Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller nach der Präsentation sicher. Tatsächlich heißt es von Beteiligten: Die Berliner hatten das interessanteste Konzept - obwohl der gesellschaftliche Rückhalt dort am geringsten ist. Hoffnung machen sich neben Berlin auch noch Hamburg, Hannover, Köln, München und Stuttgart. Auch Frankfurt will sich wieder beweisen.

Für den VDA entpuppt sich der angedrohte Abschied als Coup. Denn plötzlich ist die Tonlage eine andere. Die Messe, die ja auch Wirtschaftsfaktor ist, wird nun umworben. Die Proteste gegen das Auto scheinen beinahe vergessen. Jedenfalls reiste Frankfurts OB Feldmann zusammen mit dem grünen hessischen Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir nach Berlin, um die Veranstaltung doch noch in Frankfurt zu halten. Auf die Ängste der Klimaschützer will man künftig eingehen und dazu die Zäune der Messe abbauen, die Paulskirche soll Raum für Diskussionen bieten. Doch ein Neuanfang an gleicher Stelle wäre wohl schwierig. Im Verband gibt es gewichtige Stimmen für einen Ortswechsel. An diesem Mittwoch wird der VDA-Vorstand - darin sind die Vorstandschefs der größten Autokonzerne und Zulieferfirmen vertreten - eine Vorauswahl treffen. Mit den Finalisten, "mindestens zwei", will der Verband dann noch mal verhandeln und sich schon wenige Wochen später auf den Ausrichter festlegen. "Willkommen" will man sein, heißt es aus der Industrie, das spricht gegen Berlin, wo die Senatsverwaltung den Verkehr aus der Stadt drängen will. Aber für Berlin spricht ein junges Image und die Nähe zur Macht. Und so gibt es für jede der sieben Städte eine Reihe von Pro- und Contrapunkten.

Wer es wird? Das sei tatsächlich offen, heißt es von maßgeblichen VDA-Mitgliedsunternehmen. Der Verband erstelle gerade ein Ranking, aber es sei nicht gesagt, dass diese "Tischvorlage" am Mittwoch durchgewunken werde. Die Angelegenheit sei eine hochpolitische Chefsache.

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SZ vom 28.01.2020
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