Süddeutsche Zeitung

Kommentar:Hohe Inflation? Sie ist schon da

Die Preise für Energie, Lebensmittel und Wohnen steigen schon lange. Darunter leiden Menschen mit geringem Einkommen.

Von Markus Zydra

Die Preise steigen, aber wie: Der wichtigste deutsche Aktienindex Dax hat in den letzten zwölf Monaten 50 Prozent zugelegt, der Kurs für die Kryptowährung Bitcoin stieg im selben Zeitraum um 750 Prozent. Menschen, die am Kapitalmarkt ihr Geld investiert haben, können sich freuen, während andere vielleicht über eine verpasste Chance murren. Auch die Energiepreise in Deutschland steigen. Im März legten sie um 4,8 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat zu. Bei Heizöl beträgt das Plus 19,4 Prozent und Kraftstoffe verteuerten sich um 12,7 Prozent. Auch Obst und Molkereiprodukte kosten etwas mehr, wie das Statistische Bundesamt am Donnerstag mitteilte. Insgesamt liegt die offiziell gemessene Inflationsrate in Deutschland nun bei 1,7 Prozent. Im Februar waren es 1,2 Prozent, im Dezember 2020 fielen die Preise noch um 0,3 Prozent. Die Wirtschaftsweisen erwarten im Jahresschnitt eine Teuerungsrate von 2,1 Prozent - nach 0,5 Prozent im Vorjahr.

Muss Deutschland Angst haben vor der Rückkehr der Inflation? Das ist eine schwierige Frage, denn Inflation ist eine zutiefst persönliche Erfahrung. Anleger, sprich Menschen, die Geld übrig haben, um es an den Börsen zu investieren, sind glücklich angesichts der steigenden Preise. Auch Immobilienbesitzer freuen sich über Wertsteigerungen von 50 Prozent und mehr in den letzten Jahren. Ganz anders ist die Situation jedoch für Menschen, die kein Geld übrig haben, um es zu investieren, Menschen, die ihr knappes verfügbares Einkommen jeden Tag für ihren Lebensunterhalt ausgeben und unter den stark gestiegenen Wohn-, Energie- und Lebensmittelkosten leiden.

Die Deutschen haben aufgrund ihrer Geschichte besonderen Respekt vor der Geldentwertung. Eingebrannt in den Köpfen vieler Menschen hat sich aufgrund ausführlicher Würdigung in den Schulbüchern die Erfahrung von 1923, dem Jahr der Hyperinflation in der Weimarer Republik. Dazu kamen die notwendigen Währungsreformen 1924 und 1948. Zuletzt kletterten in den 1980er-Jahren die Preise um zehn Prozent jährlich. Doch in den letzten 20 Jahren sind die Preise hierzulande und global immer weiter gesunken. Mitunter drohte sogar eine Deflation, mithin eine Phase längerfristig sinkender Preise. Es gibt verschiedene Erklärungen für sinkende Inflationsraten. Zum einen sinkt die Nachfrage, weil in der immer älteren Gesellschaft der westlichen Industriestaaten die Menschen mehr Geld zurücklegen. Zudem wird weniger investiert, die Produktivität sinkt. Gleichzeitig erzeugt die Konkurrenz in der globalisierten Welt einen permanenten Preisdruck. Dieser Trend wird sich wohl fortsetzen, auch wenn die Preise in diesem Jahr etwas mehr steigen werden.

Doch die offiziell gemessene Inflationsrate ist nur ein Teil der Wahrheit, denn darin finden steigende Kurse für Aktien und andere Vermögenswerte keinerlei Niederschlag. Auch die Haus- und Wohnungspreise spielen keine Rolle, denn es werden lediglich die Mieten erfasst. Doch rund 70 Prozent der Menschen in Europa wohnen nicht zur Miete, sondern in Immobilien, die einem der Haushaltsmitglieder gehören und in vielen Fällen noch abbezahlt werden müssen. In Deutschland beträgt die Eigenheimrate rund 50 Prozent. Die offizielle Inflationsstatistik berücksichtigt aber nur durchschnittliche Bestandsmieten, die den Immobilienpreisen stark zeitverzögert folgen.

Doch jeder Arbeitnehmer, der aktuell wegen Jobwechsels oder Eigenbedarf des Eigentümers umziehen muss, spürt die unbarmherzige Härte des überhitzten Immobilienmarktes sofort. Bei der Messung der Inflation müssen die Häuserpreise deshalb künftig stärker berücksichtigt werden. Der aktuelle Warenkorb geht an der Lebenswirklichkeit vieler Menschen vorbei und untergräbt am Ende das Vertrauen in die Europäische Zentralbank. Denn die Währungshüter begründeten ihre lockere Geldpolitik mit der offiziell niedrigen Inflationsrate. Gleichzeitig sorgten die niedrigen Leitzinsen dafür, dass Investoren ihr Geld in den Immobiliensektor steckten, was zu den höheren Preisen führte.

Die Frage, ob man in Deutschland Angst haben muss vor einem kräftigen Inflationsschub, führt deshalb in die Irre. Für sehr viele Menschen sind hohe Preise für lebensnotwendige Dinge schon lange eine traurige Realität.

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