Süddeutsche Zeitung

Geldwäsche:Daten auf Knopfdruck für die Banken

  • Vor allem bei verzweigten Firmengeflechten kann es für Banken sehr aufwändig sein, genügend über ihre Kunden zu erfahren - etwa um Geldwäsche zu vermeiden.
  • Unlängst hatten mehrere große deutsche Banken versucht, mittels einer gemeinsamen Datenplattform diesen Prozess zu vereinfachen. Doch man konnte sich nicht auf einen gemeinsamen Standard einigen.
  • Nun wollen in diese Lücke mehrere bankenunabhängige Anbieter stoßen.

Die Prozedur ist zweifelsohne notwendig, allerdings auch derart aufwendig, dass vom Mittelständler bis zum Großkonzern inzwischen viele Firmen darüber klagen: Es geht um die immer strengere Identitätsprüfung von Bankkunden. Das Problem: Kreditinstitute sollten gut über ihre Kunden Bescheid wissen - richtig gut. "Know your Customer", kurz "KYC" heißt der Vorgang in der Fachsprache, also "kenne deine Kunden". Nur so können Banken ansatzweise verhindern, dass ihre Konten und Dienste für Geldwäsche, Terrorfinanzierung oder anderen Verbrechen missbraucht werden. Und nur so können sie hohe Strafen oder gar die Schließung vermeiden, wenn dennoch derartiges auffliegt.

Vor allem bei verzweigten Firmengeflechten kann eine "KYC"-Prüfung aber bis zu einem Monat dauern, selbst dann, wenn das Unternehmen bereits eine Geschäftsbeziehung mit der Bank unterhält. Dabei müssen Firmen hunderte Fragen beantworten, zur Art der Gesellschaft, Tätigkeit, Branche, zur Anzahl der Mitarbeiter, zu den Besitzverhältnissen oder zur Firmenstruktur. Weil viele Unternehmen in der Regel mehrere Bankbeziehungen und Dutzende, wenn nicht gar Hunderte einzelne Konten haben, multipliziert sich der Aufwand. Erschwerend kommt hinzu, dass sich die "KYC"-Anforderungen auch noch von Land zu Land unterscheiden. Nach wie vor durchleuchtet zudem jede Bank in Deutschland ihre jeweiligen Kunden eigenständig für sich, obwohl die Firmen den Geldhäusern im Grunde jeweils die gleichen Daten liefern müssen.

Nicht nur viele Firmenkunden drängen daher auf eine gemeinsame Datensammelstelle. Auch für die Banken wäre das nach Ansicht von Experten ein einfacher Weg, Kosten zu sparen - jenseits von Großfusionen, die sich oft gar nicht rechnen. Kein Wunder, dass sich unlängst mehrere große deutsche Banken, darunter Commerzbank und Deutsche Bank, daran versucht hatten, eine derartige gemeinsame Datenplattform ins Leben zu rufen. Der ehrgeizige Plan versandete jedoch: Wie so oft bei derartigen Gemeinschaftsprojekten deutscher Unternehmen konnte man sich nicht auf einen gemeinsamen Standard einigen.

Nach wie vor durchleuchtet jede Bank in Deutschland jeden Firmenkunden eigenständig

In diese Lücke wollen nach SZ-Informationen nun gleich mehrere bankenunabhängige Anbieter stoßen. Die Bertelsmann-Tochter Arvato zum Beispiel will dazu noch in diesem Jahr ein Pilotprojekt mit einer Bank starten. Arvato hatte vor eineinhalb Jahren ohnehin die Ausschreibung gewonnen, die Plattform für die Banken umzusetzen. Nachdem die Institute das Projekt aber gestoppt hatten, hat Arvato nun beschlossen, alleine loszulegen. Man habe einen "guten zweistelligen Millionenbetrag" investiert, um die Dienstleistung an mehreren internationalen Standorten anbieten zu können, sagt Paul Haase, der das Projekt bei Bertelsmann verantwortet. Zielgruppe seien Unternehmen in ganz Deutschland. Sie könnten kostenlos ihre Daten eingeben, was sie von individuellen Anfragen ihrer Banken befreie. Auf diese Weise könnten die Banken nicht nur Kosten sparen, sie bekämen zudem einen gemäß aufsichtsrechtlicher Vorgaben geprüften Datensatz, was wiederum die Bafin freue, so Haase.

Die Finanzaufsicht hatte zuletzt die Prüfprozesse mehrere Banken kritisiert und ist bei dem Thema entsprechend sensibilisiert. Bei Bedarf könne Arvato die Daten auch nach Auffälligkeiten hinsichtlich Geldwäsche oder anderen Verstößen überprüfen lassen. Geldwäsche-Verdachtsmeldungen und Einschätzungen dazu müssen Banken aber weiterhin selbst abgeben. Diese Verantwortung könne man nicht auslagern, so Haase. Eine der größten Herausforderungen sei es bislang gewesen, sich auf einen Standard zu einigen. Es gebe daher weltweit viele gescheiterte Projekte. Bei Arvato könnten sich die Banken ihren Standard aber "selbst konfigurieren".

Aber nicht nur Arvato auch die Wirtschaftsauskunftei Schufa, die Daten über Schuldner sammelt, sowie Swift, eine Organisation für Geldtransfer, haben dem Vernehmen nach gerade entsprechende Projekte angestoßen. Über das Netzwerk Swift wickeln Banken seit 1973 ihre internationalen Überweisungen ab. Der Vorteil: Swift sammelt bereits viele Daten und gehört den Kreditinstituten. Swift sei bereits von zahlreichen Unternehmen angesprochen worden, um die eigene KYC-Plattform zu erweitern, sagt Deutschland-Chef Jürgen Marstatt. Konzerne wie Siemens oder Dassault hätten den Plan begrüßt: "Als Genossenschaft können wir diesen Service auf Kostendeckungsbasis und frei von Interessenkonflikten anbieten", so Marstatt.

Die Banken wiederum verfolgen die Projekte derweil "mit großem Interesse", wie es bei verschiedenen Instituten hieß. Man gehe aber davon aus, dass nur eine der Plattformen das Rennen mache. Immerhin: Es wäre das Ende der Kleinstaaterei.

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Quelle:
SZ vom 12.06.2019/hgn
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