Süddeutsche Zeitung

Autoindustrie:Fords Kahlschlag-Pläne dürften auch deutsche Werke treffen

  • Ford will in Europa tausende Stellen abbauen und womöglich auch ganze Werke dicht machen. Experten schließen sogar einen kompletten Rückzug nicht mehr aus.
  • Die Geschäfte der Amerikaner in Europa liefen lange erfolgreich, doch zuletzt gab es hohe Verluste.
  • Die Sparpläne könnten vor allem Deutschland treffen, wo Ford zehntausende Mitarbeiter beschäftigt.

Von Thomas Fromm

Steven Armstrong spricht von einem "Redesign", wenn er erklärt, wie er das Geschäft in Europa wieder profitabel machen will. Redesign - als wenn es darum ginge, ein älteres Automodell noch mal neu zu designen. Oder ein Armaturenbrett oder einen Kotflügel. Was der Ford-Europachef aber eigentlich meint, ist etwas ganz anderes: Ford hat in Europa seit Quartalen nur Verluste geschrieben und will deshalb Tausende der aktuell mehr als 50 000 Stellen hier streichen, um wieder profitabel zu werden. Und wenn es hart auf hart kommt, könnten nicht nur ganze Werke geschlossen werden - selbst dass sich Ford komplett aus Europa zurückziehen könnte, schließen Experten nicht mehr aus.

Redesign ist also, wenn man so will, eine ziemlich harmlose Beschreibung für das, was auf die Standorte in Köln, Saarlouis und anderswo zukommt. Wie viele Jobs wo gestrichen werden, welches Werk eventuell komplett dichtgemacht wird, wird derzeit noch verhandelt. Nur eines machte Armstrong an diesem Donnerstag klar: Es gibt keinen Bereich mehr, an dem sich Mitarbeiter derzeit sicher fühlen können, egal ob sie Arbeiter in der Fabrik sind oder Büroangestellte in der Kölner Verwaltung. Um Kosten zu senken, sollen Tausende gehen -mit Altersteilzeit oder Abfindung, möglichst freiwillig, und möglichst bald. Vor allem die großen deutschen Standorte Köln und Saarlouis mit Tausenden von Mitarbeitern dürfte es treffen.

Was ist da passiert? Ford und Deutschland, das ist eine lange Geschichte. Im August 1925 wurden die Ford-Werke AG in Berlin gegründet, doch was jahrzehntelang ein florierendes Geschäft war, ist zuletzt immer weiter in die Krise gerutscht. Im dritten Quartal 2018 hatte Ford in Europa einen Verlust von 245 Millionen Dollar ausgewiesen - in den Monaten davor waren es Verluste von 192 Millionen Euro. Es geht um die klassischen Pkw-Modelle, die nicht mehr so nachgefragt sind wie früher. Es geht um immer härtere Preiskämpfe in den Autohäusern, die auf die Rendite schlagen, und es geht um die Angst vor dem Brexit. Einerseits, sagt Armstrong, sei der Umbauplan noch keine unmittelbare Folge des geplanten Austritts Großbritanniens aus der Europäischen Union.

"Wir sind schon länger nicht so profitabel, wie wir sein sollten", sagt er. Und er macht klar: Sollte es zu einem harten Brexit kommen, dann dürften die angepeilten Maßnahmen noch einiges drastischer ausfallen, als man es heute plant. "Wenn wir das falsche Ergebnis bekommen und einen harten Brexit haben, dann sollte man erwarten, dass die Folgen deutlich dramatischer werden als das, worüber wir nun nachdenken", sagt Armstrong. Es klingt wie eine Warnung, und es ist wohl auch eine. Großbritannien ist für den zweitgrößten US-Hersteller ein wichtiger Markt - spitzt sich die Lage zwischen der Insel und Europa zu, bekäme auch Ford das zu spüren. Nicht zufällig kündigte auch der größte britische Autobauer Jaguar Land Rover am Donnerstag an, rund 4500 Arbeitsplätze abzubauen - die meisten davon in Großbritannien. Noch hat der zum indischen Tata-Konzern gehörende Autobauer in Großbritannien an die 44 000 Beschäftigte.

Ford wird nun mächtig in Europa aufräumen. Weniger Jobs, weniger Fahrzeugmodelle, dafür mehr Geländewagen und in den nächsten Jahren mehr Autos mit alternativen Antrieben. Modelle, die sich nicht mehr verkaufen, werden aus dem Konzern geworfen - im schlimmsten Fall könnte sich Ford komplett aus Europa zurückziehen. "Man hat in der Industrie verstanden, dass man nicht mehr in allen Weltregionen eine Rolle spielen muss", sagt Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen. Vor allem dann nicht, wenn man dort auch noch Geld verliert.

"Die ersticken an ihren hohen Entwicklungskosten", sagt Autoexperte Dudenhöffer

Der große US-Rivale General Motors hat es im Grunde schon vorgemacht, als er sich vor einiger Zeit von seiner deutschen Tochter Opel trennte und damit aus Europa zurückzog. Jahrelang Verluste, jahrelang Querelen - unter dem französischen Autokonzern Peugeot läuft es für Opel besser - und GM hat ein Problem weniger am Hals. Experten halten vor allem die hohen Forschungskosten bei Ford für fatal. Kosten, die man sich - anders als jetzt Peugeot und Opel - mit niemandem teilen könne. "Die ersticken an ihren hohen Entwicklungskosten und brauchen dringend eine Kooperation", sagt Autoexperte Dudenhöffer.

Das Problem: Viele Autos würden einzig nur für Europa entwickelt; nicht für den Weltmarkt. Die Lösung: Eine Zusammenarbeit bei leichten Nutzfahrzeugen wird gerade mit dem Volkswagen-Konzern sondiert. Für kommende Woche wird erwartet, dass Deutsche und Amerikaner ihre Kooperation bei der Automesse in Detroit bekanntgeben. "Wenn es mit VW nicht klappt, wird es sehr schwierig", sagt Dudenhöffer. Hier bleibt Ford erst einmal vorsichtig: "Es ist zu früh, um zu spekulieren, wie sich die VW-Allianz auf unsere Strategie auswirken wird", sagt Armstrong.

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SZ vom 11.01.2019/jps
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