Süddeutsche Zeitung

Fernsehköchin:"Ich war die Königin des Klauens"

Sarah Wiener über ihre Jahre als junge Ausreißerin, die dicken Werbeverträge ihrer Kollegen und über Essen, das krank macht.

Sarah Wiener ist eine von denen, die aus der Abgeschiedenheit ihrer Restaurantküchen in die Öffentlichkeit katapultiert wurden - weil sie im Fernsehen kocht. Aber sie wirkt nicht so kalkuliert und harmlos wie viele ihrer glatten Kollegen. Bevor sie in Berlin ihr erstes eigenes Restaurant eröffnete, in dem bald reihenweise Politiker ihre Hintergrundgespräche veranstalteten, trampte sie ein paar Jahre durch Europa.

SZ: Sarah Wiener, reden wir über Geld. Sie sind heute eine Fernsehfigur und Unternehmerin mit drei Restaurants . . .

Wiener: . . . hm, zur Zeit sind's fünf.

Ah. Auf jeden Fall begann Ihre Berufsausbildung ungeordneter, als fünf Restaurants vermuten lassen. Sie haben gar keine Berufsausbildung, oder?

Und keinen Schulabschluss. Ich war ein unglückliches, zorniges, faules, melancholisches Kind, das sich keinem Druck beugen wollte. Mit 16 bin ich von Wien nach Südfrankreich, um Schäferin zu werden. Ich stellte mir vor, in der Natur, um mich herum Panflötenspiel, Sonnenuntergang . . .

Aber?

Früh aufstehen, füttern, Zäune bauen, Krankheiten kurieren. Kein Paradies, in dem mir die Schafsmilch in den offenen Mund fließt. Ich war halt naiv.

Und dann?

Hab ich mich nicht nach Hause getraut, weil ich ja ein paar Wochen vorher großkotzig alles aufgegeben hatte. Ich hab drei Jungs aus der Schwesterschule überredet, mit mir loszutrampen. Die standen kurz vor dem Abitur, ihre Eltern schalteten Interpol ein. Aber die fanden uns nicht.

Wo waren Sie?

In Sizilien, in einem Dorf vor Palermo. Halt da, wo uns der Schaffner wegen Schwarzfahrens rausgeschmissen hatte. Immerhin waren wir von Innsbruck bis Sizilien gekommen. Das waren Jungs aus besseren Verhältnissen, ich war der Straßenköter. Ich musste das Klauen übernehmen . . .

. . . weil die anderen Schiss hatten?

Ja, aber ich war auch sozusagen die Königin des Klauens. Ganze Brote habe ich aus dem Supermarkt geschmuggelt. Und gebettelt (sie streckt die Hand aus) : Cento lire, per favore! Ich hatte ja vier Leute zu ernähren.

Klingt anstrengend.

Ganz toll waren die Leute aus dem Dorf. Im Café baten wir um Wasser, da stellten sie uns Pizza hin. Nach ein paar Tagen kamen sie zu unserem Zelt und bauten einen Pizzaofen. Eine Familie wollte uns adoptieren. Eine enorme Welle der Liebenswürdigkeit und keine Angst vor dem Fremden. Weil Sie über Geldreden wollen: Ich denke manchmal, vielleicht könnte man eine Gesellschaft auf Solidarität aufbauen, nicht nur auf Geld wie bei uns.

Wohin gingen Sie von Sizilien?

Die anderen machten Abitur oder mussten das Jahr wiederholen, ich stromerte durch Europa. Ich wollte zu Orten, die toll klingen, Tokio, Shanghai, Madagaskar. Aber das Geld reichte nur für Berlin. Ich lebte von Sozialhilfe, mit einem kleinen Kind, alleinerziehend. Das war hart.

Wie kamen Sie zum Kochen?

Ich erinnerte mich daran, dass mein Vater in Berlin war . . .

. . . der Romanautor und Philosoph Oswald Wiener, der die Familie verlassen hatte, als Sie zwei waren.

Er betrieb ein Restaurant, in Kreuzberg. Er sagte: Du brauchst Knete, also geh doch in die Küche und arbeite.

Trampen, Sozialhilfe, in der Küche jobben - und auf einmal starteten Sie eine eigene Firma.

Mit 28 packte mich der Ehrgeiz. Ich wollte nicht mehr nur für ein paar Leute kochen. Ich wollte Catering für Filme und Konzerte machen.

Woher kam denn der Ehrgeiz?

Im Grunde ist es die Persönlichkeitsstörung, die viele haben: etwas machen, um anerkannt zu werden, von Wildfremden. Ich hab' mir als Kind vorgestellt, ich bin tot, 100 Leute kommen zu meiner Beerdigung und weinen. Die sehen auf einmal, was sie an mir gehabt hätten.

Das Gefühl, nicht geschätzt zu werden.

Ja, das Gefühl, die Welt ist gemein. Wenn ich gehe, hab ich wenigstens die Befriedigung, dass sie mich zu spät als Verlust empfinden. Tja.

War das so einfach mit dem Catering?

Ich hatte mir gerade als Berliner Meisterin im Taekwondo das Kreuzband gerissen. Danach lief ich los, kaufte Porzellan auf dem Flohmarkt, baute einen alten Wagen der Nationalen Volksarmee um. Mein erster Catering-Auftrag war ein Filmdreh mit Tilda Swinton, die kannte damals keiner. Das war mein Coming-out als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft (lacht) .

Welche Stars haben Sie am meisten beeindruckt?

Och, ich bin da wie alle. Ich bin aufgeregt, wenn ich höre, es kommt Janet Jackson oder Bruce Springsteen. Von Springsteen kannte ich nur die Musik, aber keine Fotos. Ich bin rein in die Garderobe, da waren zwei Typen, auch so ein 60-Jähriger. Zu dem sagte ich "Hey Bruce", aber das war der Manager. Dann wollte ich dem echten Bruce sagen, dass er nicht so alt aussieht. Wegen meines schlechten Englischs sagte ich: "You look old". Oh Mann.

Und wer hat Sie enttäuscht?

Es ernüchtert, wenn mancher Schauspieler ungeschminkt an einem vorbeiläuft, mindestens einen Kopf kleiner ist als im Kino, keine Ausstrahlung und grobporige Haut hat. (lacht).

Sie fingen mit Catering aus einem Wagen der DDR-Armee an, heute haben Sie fünf Restaurants, und die Leute kennen Sie aus dem Fernsehen.

Das Leben ist ungerecht. Ich hab mich mit 28 Jahren selbständig gemacht und mir mehr als 18 Jahre den Arsch . . . (zögert) - wie sagt man es nett?

. . . sehr hart gearbeitet . . .

. . .genau. Als Caterer hast du immer das mieseste Zimmer, Doppelklo an der Autobahn. Ich musste um jede 50 Cent feilschen, konnte nie einen Pfennig sparen. Und dann stehe ich durch einen blöden Zufall nicht mehr hinter, sondern vor der Kamera . . .

. . . in einer ARD-Geschichtsserie mit dem Titel "1900 - Leben im Gutshaus" . . .

. . . und plötzlich bin ich diejenige, die in den guten Hotelzimmern übernachtet und den Kaffee serviert bekommt. So wenig wie seither habe ich körperlich noch nie gearbeitet.

Hatten Sie lange Existenzangst?

Immer wieder. Aber ich bin vielleicht entspannter als andere, weil ich gesehen habe, wie es ganz unten aussieht. Wenn man auf der Straße lebt und nichts zu fressen hat. Angst hat man ja meist vor dem, was man nicht kennt. Also bin ich entspannt. Meist.

Sie könnten ja Werbung für McDonald's oder Fertiggerichte machen wie andere Fernsehköche.

Vielleicht für fünf Millionen Euro, dann wander' ich mit der Kohle aus? (überlegt) . Nein, ich kann's nicht.

Warum machen die Kollegen es?

Geld ist ein Transportmittel für unsere Ängste. In unserer reichen Gesellschaft könnten wir uns doch entspannen. Stattdessen fragen wir ständig, was ist morgen? Also machen viele noch einen Werbevertrag, egal wofür. Heute noch mal alles nur für mich. Das Paradoxe ist, damit zerstören wir das Morgen. Agroindustrie und Industrienahrung zerstören unsere Lebensgrundlagen. Es gibt nichts Wichtigeres als gesunde Böden. Wir leben von dem Dreck, auf dem wirstehen.

Sie kämpfen für gesünderes Essen und bessere Tierhaltung. Wie viel Geldmüsste ein Bauer für ein einzelnes Huhn verlangen, damit er es anständig halten kann?

Ohne Medikamente, in wesensgerechter Freilandhaltung? Nachdem ich gerade ein artgerechtes Suppenhuhn für 18 Euro gekauft hab' . . . Was ist es uns wert? Aber ich weiß auch, dass wir in einer Zweiklassengesellschaft leben, in der sich einige ökologisches Essen leisten wollen, während die Masse Fastfood und Fertigprodukte isst. Gestern veranstaltete ich in Bremen einen Kinderkochkurs. Wie viele dieser Kinder, glauben Sie, kannten Matjes-Hering?

Die Hälfte?

Kein einziges. In Bremen! Fisch finden die eklig, nur Fischstäbchen sind okay. Einige kennen Petersilie nicht. Ich erlebe Kinder, die sich vor einem Apfel vom Baum grausen, weil das Natur ist.

Woran liegt das?

Ach, da hat schon eine Generation vorher das Kochen verlernt. Am Geldliegt's jedenfalls nicht: Selberkochen ist ja immer günstiger als Fertigprodukte. Ich weiß, wovon ich rede. Als mein Vater ging, war es ein permanenter Überlebenskampf. Meine Mutter ist Künstlerin, die wusste nie, ob sie die Miete zahlen konnte. Aber zu essen hatten wir immer genug.

Warum essen heute viele Menschen mit wenig Geld Fertigprodukte?

Weil es ein Riesengeschäft für die Konzerne ist. Weil die Werbung suggeriert, dass diese Produkte gesund sind und schmecken. Dabei sind Fertigprodukte totes Essen, voll mit Konservierungsstoffen, Geschmacksverstärkern und Aromen.

Die Menschheit war Jahrmillionen beschäftigt, genug zu essen aufzutreiben, nicht, auf die Qualität zu achten.

Ja, aber das schlechte Essen macht uns krank. Unser Stammhirn kommuniziert mit dem Darm (legt die Hand auf den Bauch) . Die Ernährung beeinflusst unsere Psyche, unsere Seele. Das wussten einige schon vor vierzig Jahren, man nannte sie Spinner. Heute zeigt sich, dass falsche Ernährung Fettsucht, Allergien, oder Neurodermitis auslöst und uns sicher nicht glücklicher macht.

Haben Sie als Kind gesund gegessen?

Nein (lacht) . Ich kam oft heim und stopfte mir schnell Margarine-Brote mit Extrawurst rein. Mag ich noch immer ab und an. Es gab aber immer Frisches und Selbstgekochtes. Also doch gesund. Ich hab aber auch mal mein ganzes Taschengeld für eine Woche für eine Kaki-Frucht ausgegeben, weil ich neugierig war. Das war köstlich, saftig, vollreif.

Und wann interessierten Sie sich fürs Kochen?

Mit 13. Da habe ich freiwillig einen Kurs gemacht, ausgerechnet bei der Lehrerin, die ich am meisten hasste. Die unterrichtete Haushaltswirtschaft, ich hab ihr mal ins Bügeleisen gepinkelt. Ah, das Zitat gebe ich euch nicht frei.

Sie sind eine TV-Köchin, die nun lieber Dokus über regionales Essen dreht als in Kochshows zu rühren. Warum?

Meine Arte-Sendung hatte ich schon immer. Die Kochshows haben eine Weile total Spaß gemacht, Die erste Garde bei Johannes B. Kerner sind noch immer enge Freunde von mir. Ich mochte das Spontane und Unberechenbare. Heute ist es einfach ein anderes Format.

Sie betreiben die Restaurants, eine Stiftung für Kochkurse an Schulen, eine artgerechte Hühnerfarm, seltene Gemüsesorten und alles Mögliche. Haben Sie Sorge, mal finanz iell den Überblick zu verlieren?

Klar. Ich hab auch schon aus Eitelkeit Knete verbrannt mit Plänen. Aber zum Glück habe ich gute Leute, überall in der Firma. Sarah Wiener ist nur die spinnerte Visionärin, die eine Spur legt, aus der meine 160 Mitarbeiter was machen. Aber natürlich kann im Geschäftsleben nächstes Jahr alles vorbei sein.

Sie wirbeln so rum, dass man sich nicht vorstellen kann, dass Sie aufhören.

Rumhängen bringt's nicht, das hatte ich in jungen Jahren genug.

Erschienen in der SZ vom 27. April 2012.

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Quelle:
SZ vom 06.04.2018
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