Süddeutsche Zeitung

Elektro-Märkte in der Krise:Mehr Service oder mehr Schlussverkauf

Jahrelang boomten die großen Elektro-Ketten, doch seit einigen Monaten stocken die Verkäufe. Die Branche ändert sich derzeit radikal. Marktanteile verschieben sich und viele Anbieter suchen verzweifelt nach neuen Geschäftsmodellen. Ein Fünftel des Geschäfts mit Unterhaltungselektronik läuft schon jetzt über das Internet.

Von Stefan Weber, Düsseldorf

Vor einem schwarzen Bildschirm haben sich viele gefürchtet. Und deshalb kauften sie neue Fernseher, Empfänger und andere Hilfsgeräte, bevor Ende April die analoge Fernsehtechnik abgeschaltet wurde. Auch Fußball-Europameisterschaft und die Olympischen Spiele steigerten das Geschäft mit Fernsehern in der ersten Jahreshälfte kräftig. Die Branche jubelte. Aber dann kam die Flaute. Schon seit dem Sommer stocken die Verkäufe.

Da klang auch die Prognose des Branchenverbands Bitkom wenig spektakulär, im nächsten Jahr würden die Verkäufer von Unterhaltungselektronik ähnlich gute Umsätze machen wie 2012. Das würde bedeuten, dass Elektro-Fachmärkte wie Media Markt, Saturn oder Pro Markt, sowie Internetverkäufer und traditionelle Händler, die oft Verbundgruppen wie Electronic Partner, Euronics oder Expert angeschlossen sind, 2013 erneut mehr als zwölf Milliarden Euro erlösen.

Ein Plus wäre das nicht - und trotzdem besitzen nicht alle in der Branche so viel Optimismus. Aber selbst wenn, gemessen am Umsatz, alles beim Alten bleibt: Der Handel mit Unterhaltungselektronik steckt im Umbruch. Es gibt heftige Rangeleien zwischen den Wettbewerbern. Viele Anbieter suchen verzweifelt nach neuen Geschäftsmodellen, Marktanteile verschieben sich und die Auslese unter den Händlern beschleunigt sich.

Schleppendes Weihnachtsgeschäft

In diesen Tagen geht es vor allem darum, die Verkaufsbilanz für 2012 noch ein wenig aufzupolieren. "Das Weihnachtsgeschäft ist sehr schleppend angelaufen", sagt Jörg Ehmer, Sprecher des Vorstands von Electronic Partner. Jetzt hoffen die Verkäufer von Unterhaltungselektronik auf Spätentschlossene und auf diejenigen, die erst nach Weihnachten geschenktes Geld ausgeben.

Der Verkaufsdruck ist gewaltig. Die Hersteller sitzen auf hohen Warenbeständen, weil ihr Geschäft vor allem in Südeuropa in den vergangenen Monaten kräftig eingebrochen ist. Und im Handel herrscht noch stärkere Rivalität, seit Online-Verkäufer etablierten Anbietern massiv das Geschäft abnehmen. Der Wettbewerb wird vor allem über den Preis ausgetragen. Marktführer Media Saturn hat im zweiten und dritten Quartal kräftig die Preise gesenkt, um verlorene Marktanteile zurückzuerobern. Da mussten Mitbewerber nachziehen.

In diesem Jahr haben Fachhandel und Fachmärkte ein wenig Boden gutmachen können gegenüber der Konkurrenz aus dem Internet, weil viele Kunden im Zusammenhang mit der Umrüstung auf digitale Fernsehtechnik beraten werden wollten. "Das hat dem stationären Handel geholfen", sagt Ehmer. Dennoch: Knapp ein Fünftel des Geschäfts mit Unterhaltungselektronik läuft bereits über das Netz. Reine Online-Verkäufer wie Redcoon (eine Tochter von Media Saturn) oder Notebooksbilliger.de (an dem Electronic Partner mit 25,1 Prozent beteiligt ist) erwirtschaften Umsätze von mehreren hundert Millionen Euro pro Jahr. Tendenz: stark steigend.

Dagegen tut sich die stationäre Konkurrenz noch immer schwer mit Internet-Konzepten. Media Saturn ist zwar nach einigem Hin und Her inzwischen im Netz präsent. Aber sonderlich gut läuft das Geschäft noch nicht, wie es im Umfeld des Unternehmens heißt. Das mag auch an dem vergleichsweise kleinen Sortiment liegen. Erst gut 6000 Produkte sind in den Onlineshops von Media Markt und Saturn zu haben. Bald sollen es 8000 sein. In den Niederlanden, wo die Metro-Tochter schon länger im Internet verkauft, umfasst das Angebot 12.000 Produkte - dort läuft das Geschäft ordentlich.

Kaum jemand in der Branche wagt eine Prognose, welchen Stellenwert das Online-Geschäft künftig einnehmen wird. Auch die Berater von Roland Berger ziehen es in einer ansonsten sehr detaillierten Studie zur Branche vor, mehrere Szenarien zu entwickeln statt eine konkrete Prognose abzugeben. "Service ist geil" haben sie eine der möglichen künftigen Realitäten überschrieben. In dieser Welt nutzen die Käufer Onlineangebote zwar nach wie vor sehr intensiv - aber vornehmlich, um sich über Angebot und Preise zu informieren. Sie kaufen dagegen komplexere Produkte im stationären Handel.

Electronic-Partner-Chef Ehmer hält dieses Szenario für wahrscheinlich, weil der Beratungsbedarf der Kunden nach seiner Meinung eher wächst. "Hauseigene Netzwerke sind das Zukunftsthema der Branche. Aber die können nur wenige Verbraucher selbst installieren." Ladenbetreiber, die noch stärker auf Beratung und Service setzen, besäßen deshalb die besten Chancen, im Wettbewerb zu bestehen.

Riesig große Fachmärkte gelten als Auslaufmodell

Media Saturn und große Onlineanbieter hoffen dagegen, dass ein Szenario Wirklichkeit wird, das die Roland-Berger-Berater mit "Schlussverkauf" überschrieben haben. Dabei gehen sie davon aus, dass viele kleine und auf Service spezialisierte Händler mit den weiter sinkenden Preisen nicht mehr zurechtkommen. Und dass dann auch größere Ketten wie die Rewe-Tochter Pro Markt zu Fusionen gezwungen sein werden.

Die Wahrheit wird wahrscheinlich irgendwo zwischen den beiden Szenarien liegen: Beratung wird weiter stark gefragt sein, aber es werden nach wie vor auch Ladenbetreiber ihr Geschäft aufgeben müssen. Noch geschieht das eher im Stillen. Wenn hier und dort ein Geschäft schließt, fällt das nur wenigen Kunden auf. Sollten aber bald mehrere, vielleicht sogar mittelgroße Ketten ausscheiden, so könnte dies die Branche kräftig durcheinanderbringen. Denn dann käme kurzfristig viel Ware auf den Markt, was den Druck auf die Preise weiter verstärken würde.

Wie es auch kommt: Branchenkenner haben keinen Zweifel, dass viele Ladengeschäfte in Zukunft anders aussehen werden als heute. Fachmärkte mit mehreren tausend Quadratmetern gelten als Auslaufmodell. Denn die Größe des Angebots ist kein geeignetes Mittel mehr, um sich von der Konkurrenz abzuheben. Schließlich ist die Auswahl im Netz immer noch größer. So wird vor allem Media Saturn mit seinen großen Märkten schon bald das gleiche Problem haben wie heute die Buchkette Thalia. Die setzte bis vor Kurzem ebenfalls auf riesige Läden. Inzwischen aber fragt sie sich: Was tun mit den Flächen?

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Quelle:
SZ vom 20.12.2012/olkl
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