Süddeutsche Zeitung

Deutsche Bahn:Mehdorns Trümmerhaufen

Der neue Bahn-Chef Rüdiger Grube übernimmt ein Reich des Misstrauens. Nun muss er ein neues Klima schaffen.

Michael Bauchmüller

Nächste Woche will Rüdiger Grube eine erste Runde durch das Unternehmen drehen. Er ist dann ganz offiziell der künftige Bahn-Chef. An diesem Samstag will der Aufsichtsrat seine Bestellung bestätigen, Anfang Mai tritt er an. Grube hat schon angekündigt, er wolle sich erst mal selbst ein Bild machen vom Unternehmen, das er führen soll. Wenn er genau hinschaut, wird er seinen Augen kaum trauen. Was er im Inneren der Bahn vorfindet, wird erschreckend sein.

Mehr als neun Jahre lang hat Hartmut Mehdorn Deutschlands größten Staatskonzern geführt. Er hat die Bahn zu einem globalen Logistikkonzern gemacht, er hat ihre Zahlen poliert, er hätte sie fast an die Börse gebracht. Viele dieser Leistungen wurden in den vergangenen Wochen von höchster Stelle hervorgehoben, auch zu Recht. Nachdem Mehdorn, ausstaffiert mit einer glänzenden Bilanz, so plötzlich doch ein Einsehen hatte und aufgab, wollte keiner mehr nachtreten.

Das tun jetzt die Mitarbeiter selbst. Als wäre eine Fessel abgefallen, beginnen viele in der Konzernzentrale zu reden; ihre Berichte sind Zeugnisse der Einschüchterung, Belege für ein Klima des Misstrauens. Bahn-Mitarbeiter erzählen von Manipulationen und Mobbing, zu Hunderten wurden ihre Festplatten gefilzt und Kontakte ausgespäht. Abteilungen wie die "Konzernsicherheit" und die "Konzernrevision" schnüffelten um die Wette. Jenseits von Expansion und Börsentraum ging es anscheinend finster zu.

Rechtschaffene im Visier

"Unternehmenskultur" ist ein klangvolles Schlagwort aus dem Wörterbuch der Wirtschaft. Wie sehr ein Mangel an solcher Kultur ein Unternehmen beschädigen kann, lässt sich an der Bahn glänzend studieren. Der Ausgangspunkt war nicht einmal spektakulär. Offenbar war es einfach so, dass die Spitze des Konzerns keine Widerrede duldete. Wer fundamentale Leitlinien missachtete, insbesondere die Doktrin eines Groß-Börsengangs der Bahn samt Schienennetz, hatte in Führungspositionen nichts mehr zu suchen. Wer eine andere Meinung vertrat und diese mit anderen teilte, konnte sich der besonderen Aufmerksamkeit seiner Vorgesetzten gewiss sein; vielfach ersetzte Repression die Diskussion.

Der Loyalitäts-Wahn ging soweit, dass selbst Rechtschaffene in den eigenen Reihen ins Visier der internen Fahnder gerieten - weil sie kriminelle Machenschaften bei Vorgesetzten vermuteten. Das System der gegenseitigen Kontrolle funktionierte so gut, dass es erst jetzt ruchbar wird. Lange schwiegen die Ängstlichen. Lange fanden sie auch keinen, der zuhörte.

Wie viel auf Mehdorns Konto geht und wie viel auf das übereifriger Untergebener, lässt sich schwer rekonstruieren. Grube aber wird sich - jenseits aller wirtschaftlichen Turbulenzen - vor allem um das Klima im eigenen Haus kümmern müssen. Er wird das Fundament für einen Umgang legen müssen, der alle, gemeinsam und im gegenseitigen Respekt, am Unternehmenserfolg mitarbeiten lässt; der auch Raum für Kritik lässt. Die Loyalität kommt dann von ganz allein.

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SZ vom 25.04.2009/tob
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