Süddeutsche Zeitung

Spacs:Geht ein Promi an die Börse

Bekannte Investoren setzen auf leere Beteiligungshüllen, die junge Firmen übernehmen wollen - und bekommen dafür Milliarden. Erstmals seit Langem geht ein solches Finanzvehikel in den Frankfurter Handel.

Von Meike Schreiber

Der zweite Karriereweg vieler Finanzpromis lässt sich neuerdings mit einem Akronym zusammenfassen: Spac. Es steht für "Special Purpose Acquisition Company" oder auf Deutsch: Akquisitions-Zweckunternehmen. Was sperrig klingt, ist seit ein paar Monaten die große Versuchung für Topbanker, selbst unternehmerisch tätig zu werden - nachdem sie als angestellte Manager großer Geldhäuser jahrelang eher den Abstieg als den Aufbruch verwalten mussten. Zuletzt jedenfalls verging kaum eine Woche, in der nicht irgendein prominenter Ex-Manager einen Spac ankündigte: Martin Blessing wagt sich heran, früher Chef der Commerzbank, ebenso wie Jean Pierre Mustier, zuletzt Vorstandschef der italienischen Großbank Unicredit, oder auch Tidjane Thiam, einst Credit Suisse.

Zunächst einmal sind Spacs leere Hüllen, Beteiligungsgesellschaften, die bei Investoren viele hundert Millionen Euro einsammeln, obwohl sie zunächst gar kein eigenes Geschäft haben, oft nur drei bis vier Mitarbeiter, eine Webseite, dafür aber ein Listing an der Börse, was in den USA mit der strengen Regulierung durch die Börsenaufsicht SEC einhergeht. Im Gegenzug versprechen sie, in maximal zwei Jahren eine echte Firma zu kaufen, die unter den Mantel der Börsenhülle schlüpft und an deren Erfolg oder Misserfolg die Anleger dann teilhaben können - im Idealfall können Investoren damit zu einem frühen Zeitpunkt und auch für kleines Geld in ein junges Unternehmen investieren, bevor dieses später viele Milliarden wert ist.

Woher kommt künftig das Kapital für aufstrebende europäische Unternehmen?

Aber Spacs sind wohl mehr als nur ein Hobby für frühere Banker oder eine nette Investment-Idee, es geht dabei auch um die Frage, woher künftig das Kapital für aufstrebende europäische Unternehmen kommt und wer dort das Sagen hat. Ausgerechnet im Corona-Jahr 2020 erlebten Spacs in den USA nämlich einen ungeahnten Boom: Insgesamt gingen 248 solcher Vehikel an die US-Börsen, sammelten die Rekordsumme von 83 Milliarden Dollar ein, die Hälfte dessen, was Unternehmen dort über normale Börsengänge einwarben. Allein in den ersten Wochen des Jahres kamen 143 amerikanische Spacs hinzu, die mehr als 44 Milliarden Dollar Anlegergeld gewinnen konnten und auch in Europa auf Einkaufstour gehen. Einige sind sogar auf nachhaltige Investments fokussiert, was bisher als schwer finanzierbar galt.

Nun schwappt die Spac-Welle auch nach Europa, nachdem die heimische Finanzgemeinde das Thema zunächst eher mit Skepsis verfolgt hat, schließlich sind ähnliche Vehikel vor mehr als zehn Jahren schon einmal gescheitert. Vorreiter hierzulande ist Klaus Hommels, der zwar nicht ganz so prominent ist wie die früheren Bankchefs Blessing oder Mustier, dafür aber als Finanzinvestor höchst erfolgreich ist, etwa als früher Financier von Milliarden-Unternehmen wie Spotify, Facebook oder Klarna.

An diesem Montag ging Hommels Spac "Lakestar I" an die Frankfurter Börse, das erste Listing dieser Art seit mehr als einem Jahrzehnt. Insgesamt 275 Millionen Euro hat Hommels eingesammelt, um damit später ein Tech-Unternehmen zu kaufen. Die Nachfrage war deutlich größer als das Angebot, die Emission neunfach überzeichnet. Geleitet wird sein Spac unter anderem von Stefan Winners, früher Manager bei Burda.

Der Finanzinvestor hat sich bewusst für Frankfurt entschieden

Hommels hätte sein Vehikel auch in den USA an die Börse bringen können, was günstiger gewesen wäre und mit Blick auf die Investoren-Suche einfacher, aber der Finanzinvestor hat sich bewusst für Frankfurt entschieden, um die neue Finanzierungsform auch hier zu etablieren und zu verhindern, dass nun US-Spacs reihenweise europäische Firmen kaufen. "Es ist fatal, dass deutsche Unternehmen fast nur noch durch Kapital aus dem Ausland finanziert werden, vor allem, wenn es um kritische Infrastruktur wie Biotech oder Zahlungsverkehr geht, da müssen wir unsere Souveränität behalten", sagt Hommels. Die größten Defizite sieht er bei Firmen, die kurz vor der Börsenreife stehen. Diese bräuchten im Schnitt 200 bis 300 Millionen Euro Kapital, um weiter wachsen zu können, bekämen das Kapital aber oft nicht von europäischen Beteiligungsfonds. "Das heißt, wir wären komplett abhängig von ausländischen Fonds, vor allem aus den USA und China, die dann auch einen entsprechenden Einfluss auf die Unternehmen bekommen", sagt er. Noch sind Spacs kein Selbstläufer bei deutschen Investoren. Aber immerhin: Ungefähr die Hälfte seiner Geldgeber stammt aus Europa, was vergleichsweise viel ist.

Mittelfristig würden sich Spacs auch hierzulande etablieren, sagt auch Thorsten Pauli, Experte für Börsengänge bei der Bank of America. Ein unterstützender Faktor seien die Negativzinsen. Dadurch hatten Investoren keinen großen Nachteil, wenn ihr Kapital ein bis zwei Jahre unverzinst in einem Spac angelegt ist, bis das Vehikel einen Übernahmekandidaten findet. Aber es würden natürlich nicht alle Spacs Erfolg haben. Zumal nun viele nach Übernahmekandidaten suchen und die Preise hochtreiben.

Sind US-Spacs aber wirklich eine Bedrohung für deutsche Unternehmen? Pius Sprenger, früher Investmentbanker und heute Tech-Investor, möchte sich der Meinung von Hommels nicht anschließen. Sprenger hat mit anderen Partnern, darunter einem prominenten New Yorker Immobilieninvestor, ein Spac an die US-Börse Nyse gebracht, das sich auf "Prop-Tech" konzentriert, also ein Unternehmen kaufen will, welches vereinfacht gesagt die Immobilienwirtschaft digitalisiert. Sprenger schaut sich auch in Europa und Deutschland nach Übernahmekandidaten um. "Wir bieten einer Firma damit nicht nur das Listing an einer US-Börse, was mit einem hohen Standard an Transparenz und guter Unternehmensführung einhergeht, sondern über unser Netzwerk auch Zugang zum amerikanischen Markt", sagt er. Wie Hommels hält er Spacs indes für eine gute Möglichkeit, auch in Deutschland Finanzierungslücken zu schließen, rein privatwirtschaftlich, jenseits von staatlichen Förderkrediten, wie sie in der Corona-Krise in Mode gekommen sind. Zugleich könnten sich Anleger über die Börse auch für geringe Beträge an Wagniskapital, also Firmen in der frühen Wachstumsphase beteiligen, was normalerweise erst ab enorm hohen Mindestanlagen möglich ist. "Spacs", so Sprenger, "demokratisieren damit auch den Kapitalmarkt ein Stück weit".

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