Süddeutsche Zeitung

Bestechungsverdacht bei Sanofi-Aventis:Wenn Arzneien Ramsch-Ware werden

"Diese Händler spielen mit der Gesundheit der Menschen": Aus Anlass des Bestechungsverdachts gegen Mitarbeiter des Pharmakonzerns Sanofi-Aventis fordern Verbraucherschützer und Apotheken mehr Sicherheit bei Medikamenten.

Sibylle Haas

Verbraucherschützer sind alarmiert. "So etwas darf nicht vorkommen und sollte auch geahndet werden", sagte Kai Vogel von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Der Hintergrund: Im Zusammenhang mit Hilfslieferungen von Medikamenten nach Nordkorea sollen die Arzneien teilweise wieder über einen Großhändler in deutschen Apotheken gelandet sein. Die Staatsanwaltschaft Verden ermittelt wegen des Verdachts auf Bestechlichkeit unter anderem gegen Mitarbeiter des Pharmakonzerns Sanofi-Aventis, wie der Sprecher der Staatsanwaltschaft bestätigte.

Reimporte sind grundsätzlich nichts Ungewöhnliches. Verbraucher sollten sich durch solche Vorkommnisse nicht gleich verunsichern lassen: "Reimporte sind durchaus eine Möglichkeit, um Kosten zu sparen", sagte er. Auch dass das Verfallsdatum der Arzneien teilweise weniger als ein Jahr betragen haben soll, findet Vogel nicht dramatisch. Die Medikamente seien damit ja noch in Ordnung. "Allerdings sollte ein Medikament, das man in der Apotheke kauft, noch eine Zeit lang haltbar sein."

Für die Patienten sei es aber oft sehr schwierig, die Handelsströme von Arzneien zu verfolgen, kritisierte Vogel. "Die Patienten müssen darüber genauer informiert werden, als das bisher der Fall ist." Notwendig seien schärfere Kontrollen der staatlichen Stellen.

Auch die deutschen Apotheker sind erbost. "Wir halten nichts von diesen intransparenten und auch auf den zweiten Blick unseriösen Geschäftspraktiken", sagte Fritz Becker, der Vorsitzende des Deutschen Apothekerverbandes (DAV), der Süddeutschen Zeitung. Es gehe offenbar zu wie auf einem Basar. Dies habe nichts mit dem Auftrag einer sicheren Versorgung der Verbraucher mit Arzneien zu tun.

"Einige Pharma- und Zwischenhändler verschieben Arzneimittel nach Gutdünken, aus dem besonderen und in der Regel hoch wirksamen Gut Arzneimittel wird Ramschware. Das ist für Patienten und Apotheker inakzeptabel", kritisierte Becker. Immer mehr Apotheker bekämen die Macht der Pharmagroßhändler zu spüren. In Deutschland dominierten fünf Handelsfirmen etwa 90 Prozent des Arzneimittelmarktes. "Die Apotheken sind zunehmend den mächtigen Händlern ausgeliefert. Deshalb ist es wichtig, Arzneimittel sicherer zu machen", fordert Becker.

Sanofi weist alle Vorwürfe zurück

Es sei inzwischen üblich, das Angebot künstlich zu verknappen. Dies sei dann der Fall, wenn Großhändler komplette Arzneimittel-Chargen aufkaufen. "Das mindert die Lieferfähigkeit der Apotheken. Und das ist schlecht für den Patienten, der seine Arzneimittel dringend benötigt", sagte Becker. Durch die Verknappung kämen Großhändler dann mit Apotheken ins Geschäft, zu denen sie bisher noch keine Beziehungen hatten. "Diese Händler spielen mit der Gesundheit der Menschen", so Becker.

Sanofi-Aventis weist unterdessen die Vorwürfe im Zusammenhang mit den Hilfslieferungen nach Nordkorea "entschieden" zurück. Sanofi liefere zudem grundsätzlich Ware, die über ein ausreichend langes Verfallsdatum verfügt, sagte eine Firmensprecherin. Die Ware habe in der Regel eine Laufzeit von mehr als zwölf Monaten, wenn sie das Lager verlasse. Auch gebe es kein separates Lager für Hilfslieferungen.

"Die Ware, die mit 20 Prozent Rabatt zweckgebunden für Nordkorea an einen Pharmagroßhändler in Norddeutschland geliefert worden ist, wurde gleichzeitig zum Normalpreis ohne Rabatt an den deutschen Großhandel geliefert mit gleicher Laufzeit", sagte die Sprecherin. Es sei für Sanofi außerdem unsinnig, das eigene Deutschland-Geschäft durch Rabatte und Provisionen an Dritte zu schmälern.

Vor einem Jahr hatte Sanofi-Aventis Strafanzeige gegen den Großhändler MTI gestellt. Der Konzern sei darüber getäuscht worden, dass zu humanitären Zwecken gelieferte Ware an deutsche Großhändler verkauft wurde. Die Staatsanwalt habe die Ermittlungen jedoch "mangels Tatverdachts" eingestellt, sagte Rechtsanwalt Oliver Pragal, der die MTI-Geschäftsführung vertritt. "Mein Mandant ist vollständig von der falschen Verdächtigung rehablilitiert", sagte Pragal der SZ.

MTI hatte seinerseits Ende vorigen Jahres Strafanzeige erstattet. Daraufhin leitete die Staatsanwaltschaft Verden unter anderem gegen Manager von Sanofi-Aventis und gegen einen Pharmaexperten ein Ermittlungsverfahren wegen Bestechlichkeit ein. Sanofi weist die Vorwürfe zurück. Der Pharmaexperte war MTI-Einkaufsbeauftragter und zugleich Chef der Hilfsorganisation, die für die Hilfslieferungen zuständig war.

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SZ vom 21.06.2011/jab
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