Süddeutsche Zeitung

Markus Kamieth:Wird er der neue BASF-Chef?

Der Chemiker Markus Kamieth könnte im kommenden Jahr Martin Brudermüller an der Spitze des Dax-Konzerns ablösen. Doch es gibt noch eine Kandidatin für den Posten.

Von Elisabeth Dostert, München

Im Berufsnetzwerk Linkedin liegt, Stand Donnerstag, Markus Kamieth, 52, schon mal vor Melanie Maas-Brunner, 54. Er hat knapp 9600 Follower, sie knapp 7000. Beide gelten seit Monaten als heiße Kandidaten für die Nachfolge von Martin Brudermüller als Vorstandschef oder Vorstandschefin des Chemiekonzerns BASF. Oder muss es schon heißen ... "galten", denn wie die Financial Times berichtet, ist die Entscheidung gefallen. Kamieth werde mit der Hauptversammlung 2024 Brudermüller ablösen, will die britische Zeitung wissen. Noch sei keine Entscheidung gefallen, sagt hingegen ein Konzernsprecher der SZ.

Eine lange Weile war auch Saori Dubourg als Kandidatin gehandelt worden. Doch ziemlich überraschend verließ das Vorstandsmitglied im Februar binnen weniger Tage den Konzern. So wurde aus dem Dreikampf ein Zweikampf. Dubourg, so wurde damals kolportiert, sah das große Engagement in China weit kritischer als ihre Vorstandskollegen. Der Konzern baut gerade in Zhanjiang für zehn Milliarden Euro einen neuen Standort. Trotz der geopolitischen Spannungen mit China hält BASF daran fest. Die erste Anlage läuft schon. Keiner aus dem BASF-Vorstand war in den vergangenen Monaten näher an der Baustelle als Markus Kamieth, seit 2017 gehört er dem Vorstand an und seit Anfang 2020 ist sein Dienstsitz China.

Die Begeisterung für das Land teilt er mit Martin Brudermüller. Vor vier Monaten postete er ein Foto, das ihn auf der Baustelle in Zhanjiang zeigt. Auf Linkedin empfahl er als "Lesenswert!" einen Gastkommentar des ehemaligen Beiersdorf-Manager Liu Zhengrong im Handelsblatt, demzufolge das aktuelle China-Bild so verzerrt sei, dass es gefährlich ist. So sieht das Kamieth wohl auch. Auch Brudermüller war lange in China. Ein Aufenthalt dort für einige Jahre scheint mittlerweile ein Pflichtkriterium für den Spitzenposten im Konzern zu sein.

Auch Maas-Brunner hat ein Faible für China, auch sie war eine Weile für BASF in Hongkong. Aber das ist eben schon ein paar Jahre her. Und dem Vorstand von BASF gehört sie erst seit Februar 2021 an. Kamieth schon ein paar Jahre länger, er saß dort schon, als Kurt Bock noch Vorstandschef war, und der ist seit Sommer 2020 Chef des Aufsichtsrats von BASF, er führt also das Gremium, das den Vorstandschef aussucht.

Kamieth ist Chemiker, Maas-Brunner auch. Beide sind Eigengewächse, sie kennen den Konzern in- und auswendig. Eine lange Karriere im Konzern war bislang ein weiteres Qualifikationskriterium für den Posten des Vorstandschefs.

"Wir könnten mit beiden leben - mit Markus Kamieth und Melanie Maas-Brunner", sagt Arne Rautenberg von der Fondsgesellschaft Union Investment: "Für Kamieth spricht, dass er sich in Asien bewährt hat." Noch lieber wäre es Rautenberg gewesen, BASF würde auch externe Kandidaten prüfen. "Jemand aus den eigenen Reihen signalisiert, es geht weiter so", so Rautenberg. "Das ist in Ordnung, wenn es gut läuft. Aber bei BASF läuft es nicht gut." Als Brudermüller im Mai 2018 antrat, lag der Aktienkurs bei rund 87 Euro, am Donnerstag kostete das Papier nicht einmal mehr 50 Euro.

Die Meldungen der Chemiekonzerne sind Warnschüsse für die gesamte Konjunktur

Vergangene Woche gab der Konzern eine Gewinnwarnung für das Jahr 2023 heraus, die er selbst in seiner Mitteilung vergangene Woche als Anpassung deklarierte. Dabei wird BASF die ursprünglichen Prognosen deutlich verfehlen. Auch andere Chemiekonzerne wie Lanxess, Evonik und Wacker Chemie mussten sich von ihren alten Jahreszielen trennen. Weil die Nachfrage schwächelt, werde sich die Konjunktur nicht so schnell erholen wie ursprünglich prognostiziert, sagt Fondsmanager Rautenberg. Chemiewerte sind Frühindikatoren für die Konjunktur, weil sie liefern, was dann später in Produkten landet, Lacke und Kunststoffe zum Beispiel. Die Meldungen der Chemiekonzerne sind Warnschüsse für die gesamte Konjunktur. "Die Erholung kommt, aber später und langsamer", sagt Rautenberg.

Wie es aussieht, verabschiedet sich Brudermüller, 62, nächsten Mai mit einem mäßigen Ergebnis. Seit Mai 2018 führt er den Konzern und fast ebenso lang ist die Pechsträhne. Immer war was, und Brudermüller konnte nur reagieren: Im Sommer 2018 das Niedrigwasser des Rheins, Güter erreichten das Werk in Ludwigshafen nicht mehr. 2020 die Corona-Pandemie. Im Februar 2022 der Angriff Russlands auf die Ukraine. Brudermüller habe einiges angestoßen, sagt Rautenberg: "Es ist ihm aber auch einiges dazwischengekommen." Die geplante Trennung vom fossilen Konzern Wintershall hake wegen des Ukraine-Krieges. Ob die Investition in China eine gute Entscheidung war, werde sich erst in Jahren, wenn nicht gar Jahrzehnten zeigen, so Rautenberg. Stand heute sehen das viele skeptisch, auch er.

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