Süddeutsche Zeitung

Ausbildungsmarkt:Mehr Jobs, weniger Lehrlinge

Trotz Rekordbeschäftigung in Deutschland schwindet die Zahl der Ausbildungsplätze. Das geht gar nicht, sagt die Bertelsmann-Stiftung und fordert Politik und Unternehmen auf, mehr dagegen zu tun.

Von Thomas Öchsner, Berlin

Kleine und mittlere Betriebe gelten als das Herz der beruflichen Ausbildung in Deutschland. Ob Bäcker, Installateur, Kfz-Mechaniker oder Uhrmacher - 70 Prozent aller Auszubildenden lernen in Betrieben mit sechs oder maximal 500 Mitarbeitern. Doch während die Zahl der Erwerbstätigen steigt und mit mehr als 44 Millionen auf Rekordhöhe liegt, bilden in Deutschland immer weniger Betriebe aus. Dies gilt vor allem für kleinere Unternehmen. Das geht aus einer neuen Studie des Soziologischen Forschungsinstituts Göttingen und der Universität Göttingen hervor, die von der Bertelsmann-Stiftung gefördert wurde. Demnach hat sich die Entwicklung von Ausbildung und Arbeit in Deutschland "entkoppelt".

Die Zahlen, die die Forscher am Freitag vorlegten, sind eindeutig: Von 1999 bis 2015 wuchs die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten um gut zwölf Prozent. Die Zahl der Auszubildenden ging im gleichen Zeitraum jedoch um 6,7 Prozent zurück, besonders seit der Finanzkrise in den Jahren 2008 und 2009. Rein rechnerisch kamen 1999 genau 6,1 Auszubildende auf je 100 Beschäftigte, 2015 waren es nur noch 5,1. "Eine Trendwende ist nicht in Sicht", heißt es dazu bei der Bertelsmann-Stiftung.

Vor allem Jugendliche mit Hauptschulabschluss werden noch schwerer fündig

Ausbildung und Beschäftigung driften der Untersuchung zufolge über alle Betriebsgrößen hinweg auseinander. Besonders dramatisch ist die Lage bei den Kleinst- und Kleinbetrieben mit bis zu 49 Mitarbeitern. In Kleinstbetrieben mit bis zu fünf Mitarbeitern sank von 1999 bis 2015 die Zahl der Beschäftigten leicht um 3,2 Prozent. Die Zahl der Auszubildenden verringerte sich allerdings im gleichen Zeitraum um ein Drittel. Rückläufig war die Zahl der Azubis auch in Kleinbetrieben mit einer Belegschaft von sechs bis 49 Mitarbeitern, bei denen etwa ein Drittel aller Auszubildenden lernen. Mehr Azubis haben nur Betriebe mit 50 bis 249 Mitarbeitern. Doch auch bei diesen ist die Zahl der Beschäftigten im untersuchten Zeitraum stärker gewachsen.

Die Wirtschaftsverbände nennen für die Misere immer zwei Gründe: Die Zahl der Schulabgänger ist drastisch zurückgegangen. Gleichzeitig wollen mehr junge Menschen als früher studieren. Dazu wird in der Studie angeführt: Der demografische Wandel und die erhöhte Studierneigung junger Menschen schränkten die Zahl der Bewerber und die Auswahlmöglichkeiten der Betriebe ein. Die Forscher verweisen aber auch auf den "technologisch bedingten Wandel der Produktionsprozesse", weshalb von Azubis immer mehr verlangt werde. Oft passten Angebot und Nachfrage nicht zusammen. Deshalb blieben 2016 bereits 40 000 Ausbildungsplätze unbesetzt, obwohl 80 000 Bewerber keine Lehrstellen fanden.

Damit dürften sich Politik und Unternehmen jedoch nicht abgeben, warnen die Forscher und stellen fest: "Die Ausbildungslosen von heute sind die Arbeitslosen von morgen." Vor allem Jugendliche mit maximal einem Hauptschulabschluss treffe der Rückgang der Ausbildungsplätze. "Wenn Unternehmen in der aktuell guten Konjunktur- und Beschäftigungslage nicht mehr junge Menschen ausbilden, ist der Fachkräftemangel hausgemacht", sagt der Vorstand der Bertelsmann-Stiftung, Jörg Dräger.

Zu wenig

"Großbetriebe sollten ihre Ausbildungsaktivität steigern", fordert die Bertelsmann-Stiftung."

Die Stiftung fordert daher, staatliche Hilfsangebote wie die assistierte Ausbildung mit Coach auszubauen, damit benachteiligte Jugendliche bessere Chancen haben. Außerdem empfiehlt sie, die innerdeutsche Mobilität von Azubis zu fördern, um Lehrstellen überregional besetzen zu können. Die Stiftung nimmt zugleich die Unternehmen in die Pflicht: Vor allem im Lebensmittelhandwerk und in der Gastronomie bleiben viele Ausbildungsplätze unbesetzt. Dazu merkt die Stiftung an: "In Zeiten der Konkurrenz um eine sinkende Zahl von Bewerbern wird es hier unumgänglich sein, die Rahmenbedingungen wie Arbeitszeit, Vergütung oder Karrierechancen weiter zu verbessern, um die offenen Stellen wieder besetzen zu können."

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Quelle:
SZ vom 29.07.2017
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