Süddeutsche Zeitung

Lohnerhöhung:Arbeitnehmer - jetzt sind sie dran

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Die Krise ist vorbei, 2011 dürfte das Jahr der Arbeitnehmer werden: Experten rechnen mit höheren Lohnabschlüssen von mindestens drei Prozent - und erwarten am Arbeitsmarkt so viele Beschäftigte wie seit 20 Jahren nicht.

Thomas Öchsner

Die Arbeitnehmer in Deutschland können 2011 auf spürbar mehr Lohn und Gehalt hoffen. Zugleich dürfte sich die Lage am Arbeitsmarkt weiter verbessern. Die Unternehmen wollen eher neues Personal einstellen als Beschäftigte entlassen. DGB-Chef Michael Sommer wünscht sich ein neues Jahr, in dem die Arbeitnehmer endlich "ihren gerechten Anteil am Wirtschaftswachstum bekommen."

Der Gewerkschaftschef sagte der Süddeutschen Zeitung: "2011 muss ein Jahr werden, in dem gute Arbeit und faire Löhne wieder das Maß aller Dinge auf dem Arbeitsmarkt sind und nicht Leiharbeit, prekäre Beschäftigung und der Ausbau des Niedriglohnsektors Blüten treiben." Eine neue Ordnung auf dem Arbeitsmarkt sei "mehr als überfällig".

Sommer erinnerte daran, dass 2010 ein Großteil der neuen Stellen in der Zeitarbeitsbranche geschaffen wurde. Darüber seien viele Belegschaften "zu Recht erbost". Im neuen Jahr solle deshalb "der Einsatz von Leiharbeit nicht länger zur Bedrohung ganzer Stammbelegschaften führen". Vielmehr müsse sie wieder das Instrument werden, "wozu es erfunden wurde, zur Abdeckung von Auftragsspitzen".

Außerdem sollte für alle Beschäftigten eine deutlich höhere Bezahlung herausspringen. Die Erfolge, die die Arbeitnehmer für die Unternehmen mit erwirtschaftet hätten, müssten bei den Beschäftigten 2011 ankommen. "Wir brauchen auch angesichts von steigenden Kosten, die die Bundesregierung den Bürgern aufbürdet, einen spürbaren Anstieg der Löhne", sagte der DGB-Chef.

Im Arbeitgeberlager gibt es dafür ein gewisses Verständnis. Dieter Hundt, Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), warnt aber davor, die Erwartungen zu hoch zu schrauben. "Der Aufschwung hat noch nicht alle Branchen und Unternehmen erfasst." Nötig seien "flexible und produktivitätsorientierte Tarifabschlüsse, welche die wirtschaftliche Lage in den einzelnen Betrieben berücksichtigen", sagte Hundt.

Sicher ist: Der Spielraum zum Verteilen ist im kommenden Jahr größer. Bei den Metall- und Elektrounternehmen füllen sich bereits die Geldbeutel der Mitarbeiter. Nach Einbußen in der Krise beteiligen viele Unternehmen die Beschäftigten mit Sonderzahlungen an den wieder sprudelnden Gewinnen. Etliche Firmen wie Bosch, Siemens, Porsche, Audi oder Continental haben angekündigt, die für April vorgesehene Erhöhung der Tarifentgelte auf den Februar 2011 vorzuziehen. Dieser Trend dürfte sich bei den Tarifrunden 2011 fortsetzen.

Die Stahlindustrie als Orientierungsmarke

Als Orientierungsmarke dient dabei der neue Tarifabschluss in der Stahlindustrie mit einem Plus von 3,6 Prozent: Die Chemiegewerkschaft IG BCE hat bereits Zuschläge zwischen sechs und sieben Prozent gefordert. Im öffentlichen Dienst der Länder gibt verlangt Verdi insgesamt fünf Prozent. Auch bei Volkswagen, am Bau, den Versicherungen und im Großhandel- und Einzelhandel wird über neue Tarife verhandelt.

Überall wird dabei die Devise der Gewerkschaften lauten: Diesmal muss mehr drin sein als im alten Jahr, eine Drei vor dem Komma sollte schon herauskommen. Die Tarifabschlüsse 2010 zeigen dagegen noch Spuren der Krise: Nach den Berechnungen des Sachverständigenrates der Bundesregierung stiegen sie, auf Stundenbasis gerechnet, um lediglich 1,7 Prozent.

Das Wachstumsplus im nächsten Jahr, das Wirtschaftsverbände und Ökonomen je nach Prognose zwischen 1,7 und 2,4 Prozent taxieren, dürfte sich auch am Arbeitsmarkt positiv auswirken. Jedes fünfte Unternehmen will 2011 mehr Arbeitsplätze schaffen. Das ergab eine Umfrage des Ifo-Instituts bei 650 Firmen.

Allerdings planen demnach fast drei Viertel der Unternehmen, weder Personal einzustellen noch zu kürzen. Deutlich positiver fiel eine Umfrage des Verbandes "Die Familienunternehmer" aus. Danach kündigten immerhin 40 Prozent der Firmen an, ihren Personalbestand zu erhöhen. Nur sechs Prozent wollen ihn reduzieren.

Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn rechnet mit einem Rückgang der Erwerbslosen um etwa 300.000 auf durchschnittlich 2,9 Millionen. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) gibt sich ebenfalls optimistisch. Die Forscher sehen die "Unterbeschäftigung" schwinden.

Darunter versteht das IAB die Zahl der registrierten Arbeitslosen plus Erwerbslose, die von bestimmten Fördermaßnahmen der Bundesagentur profitieren, aber in der Statistik nicht mitgezählt werden, sowie Jobsuchende, die von der BA überhaupt nicht erfasst sind. Ihre Zahl könnte sich um 370.000 auf 3,81 Millionen verringern - das wären so wenige wie niemals zuvor im geeinten Deutschland. Gleichzeitig erwartet das IAB, dass im neuen Jahr im Schnitt 40,63 Millionen Menschen erwerbstätig sind - ebenfalls so viele wie noch nie seit der Wiedervereinigung.

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Quelle:
SZ vom 31.12.2010/1.1.2011/aum
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