Süddeutsche Zeitung

ADAC:Mit Vollgas gegen die Wand

Am Samstag wählt der ADAC einen neuen Präsidenten, mitten in der schwersten Krise seit Jahren. Es toben Machtkämpfe, Funktionäre begehren auf - und nun werfen auch noch zwei Top-Managerinnen hin.

Von Uwe Ritzer

Er wisse nicht so recht, sinniert der ADAC-Mann am Telefon, wie er über das Chaos beim DFB denken solle. Einerseits müsse der ADAC heilfroh sein, dass seine Probleme und Machtkämpfe nicht öffentlich eskalieren wie beim größten deutschen Sportverband. Andererseits werde beim DFB wenigstens nicht alles mit Harmoniesoße übergossen wie beim drei Mal so großen Automobilverein. "Sich öffentlich zu streiten muss manchmal sein und hat ja auch was Reinigendes und Klärendes", sagt der ADAC-Mann, "bei uns geht das nicht."

Der ADAC zelebriert Harmonie, auch wenn es intern kracht. So wird es vermutlich auch an diesem Samstag sein, wenn die rein digitale Hauptversammlung einen neuen Präsidenten wählt. Nach sieben Jahren tritt August Markl, 72, ab, Christian Reinicke, 56, dürfte sein Nachfolger werden. Der Rechtsanwalt und Notar aus Hannover ist bislang Generalsyndikus - und einziger Kandidat. Alles andere als ein Wahlergebnis in der prozentualen Größenordnung, mit der sich Diktatoren gerne scheinlegitimieren lassen, wäre eine Überraschung.

Dabei gäbe es vieles zu diskutieren, zu klären und aufzuarbeiten. Im ADAC herrscht Unruhe wie seit der großen Glaubwürdigkeitskrise um die manipulierten Wahlen des "Lieblingsautos der Deutschen" vor sieben Jahren nicht mehr. Das zeigt sich allein daran, dass nach SZ-Informationen gleich zwei Spitzenmanagerinnen hinwerfen. Marion Ebentheuer, Dienstälteste im Vorstand der ADAC SE, verlässt den Milliardenkonzern nach zehn Jahren im Top-Management. Und Andrea David die ADAC-Stiftung, der sie seit 2016 vorsteht. Alle Beteiligten lassen auf Nachfrage ausrichten, man trenne sich im besten Einvernehmen, die Frauen wollten sich beruflich neu orientieren und der ADAC bedauere ihr Ausscheiden. Tatsächlich ist das jedoch Folge der herrschenden Zustände in der unheilen ADAC-Welt.

Als Konsequenz aus dem Autowahl-Skandal hat sich der ADAC bekanntlich dreigeteilt - in den eigentlichen Verein, der sich hauptsächlich um Pannenhilfe kümmert, in die kommerzielle SE, die Versicherungen und einiges mehr verkauft, und in eine Stiftung, zu der unter anderem die Luftrettungssparte gehört. Es ist das große Verdienst von Markl, der auf dem Höhepunkt der Krise als Präsident einsprang, diese Dreiteilung durchgesetzt und damit dem ADAC seinen Rechtsstatus als Verein gerettet zu haben, der von Gerichtsseite akut bedroht war. Doch was für eine klare Trennung zwischen Vereinsarbeit und Geschäft sorgen sollte, funktioniert in der Praxis nicht.

"Es wird blockiert, verhindert, gegängelt."

Viele Mitarbeiter verirren sich tagtäglich im Zuständigkeitswirrwarr. Mit der Folge, dass man sich mehr mit der eigenen Organisation beschäftigt als mit den Mitgliedern und deren Interessen. Insider erzählen, Führungskräfte sicherten sich bei Entscheidungen doppelt und dreifach ab aus Angst, irgendwo im ADAC-Kosmos an die Wand zu fahren. Aber nicht nur der interne Abstimmungsbedarf sei aufwendig und mühselig geworden, die Manager trauten sich zum Teil auch untereinander kaum über den Weg. In einigen strategischen Fragen sei man sich uneins, von Intrigen ist die Rede. Während die Sprecherin des ADAC-Vereins versichert, die Vorstände von e. V. und SE würden "konstruktiv, vertrauensvoll und zielorientiert" zusammenarbeiten, sagt ein Insider: "Es wird blockiert, verhindert, gegängelt." Ein anderer meint, alles werde "so oft hinterfragt, dass mehr juristische Prüfungen anfallen, als notwendig wären."

Mal hü, mal hott sei die Devise, hört man, es fehle an einer klaren Strategie. Eine vor Jahren angekündigte Mobilitäts-App gibt es bis heute nicht, stattdessen versucht sich der Pannenhelfer-Verein neuerdings mancherorts als Schlüsseldienst. Selbst Corona-Tests wollte man anbieten, die Idee sei aber schon wieder vom Tisch. Weil die Kräfte immer mehr auseinanderdriften, rief Präsident Markl unter dem Slogan "Ein ADAC" die Wiedervereinigung aus. Nicht im rechtlichen, aber im ideellen Sinne sollen sich alle hinter der gelben ADAC-Fahne versammeln.

Doch in der täglichen Praxis gibt es Widersprüche. So betreibt die SE eine expansive Geschäftspolitik. Der Konzern vertickt Versicherungen, Reisen, Kreditkarten, Leihwagen und sogar Charterflugzeuge, kooperiert eng mit der Allianz, mit Banken, Autoherstellern, E-Bike-Firmen und Tankstellen. Das passt nicht zum Anspruch des ADAC-Vereins als SE-Mehrheitsaktionär, eine unabhängige Test- und Verbraucherschutzorganisation zu sein. Wie will man Kooperationspartner der eigenen SE neutral prüfen oder gar kritisieren? "'Ein ADAC' heißt noch lange nicht, dass es auch eine Strategie gibt", sagt ein Altgedienter.

Die Regionalclubs führen mitunter ein Eigenleben

Die Kernfragen lauten: Wer regiert den ADAC, wer bestimmt dort was? Die Trennlinien laufen nicht mehr nur zwischen Vollgas-Automobilisten und solchen, die auch eine Eisenbahn oder ein Fahrrad als Fortbewegungsmittel gelten lassen. Sondern auch zwischen Managern, die auf Eigenständigkeit pochen, und ehrenamtlichen Funktionären, die mitreden (wollen). Zum Durcheinander trägt bei, dass die 18 historisch und rechtlich ziemlich autarken Regionalclubs ein munteres Eigenleben entfalten und einige dem Präsidium und den Managern in der Münchner Zentrale gerne in die Parade fahren. Über Steuerfragen kam man sich 2019 so ins Gehege, dass fünf Regionalclubs ihre Dachorganisation ADAC e. V. verklagten. Ein peinlicher Prozess konnte gerade noch verhindert werden.

Umstritten ist auch die als eigenständige GmbH organisierte Compliance-Sparte, die darauf achten soll, dass der ADAC ethisch sauber und korrekt wirtschaftet. Was in jeder mittelmäßigen Firma heutzutage Standard ist, gefällt im ADAC nicht allen. Gleich mehrere Regionalclubs beteiligen sich nicht an der Compliance GmbH. Der Regionalclub Nordbayern steigt zum Jahresende aus, obwohl er selbst schon Schauplatz war von klärungsbedürftigen, aber ohne personelle Konsequenzen an der Spitze ad acta gelegten Sexismus- und Abhörvorwürfen. Dort hat man auch die Altersgrenzen für Funktionäre auf über 73 Jahre ausgedehnt - allen Verjüngungsappellen des ADAC-Präsidiums zum Trotz.

Wie umgehen mit den Daten der 21,2 Millionen Mitglieder?

Streit gibt es aktuell auch über den Umgang mit dem wertvollsten Schatz, den der ADAC neben seinem milliardenschweren Immobilien- und Anlagevermögen hat: die Daten der 21,2 Millionen Mitglieder. Manche in SE und Regionalclubs wollen sie stärker nutzen, um noch mehr Leistungen, Versicherungen oder Reisen zu verkaufen. Gegner warnen vor Drückermethoden und halten den Datenschutz hoch. Nebenbei offenbart dieser Streit auch ADAC-interne Parallelkulturen. Während in den Regionalclubs die Funktionäre (fast durchweg Herren im fortgeschrittenen Alter) durchregieren und ihnen die Geschäftsführer gehorchen, halten Präsidium und Geschäftsführer auf Bundesebene den Grundsatz von der Trennung in Verein und Kommerz hoch. Insider glauben, dass der Jurist Christian Reinicke daran nichts ändern wird.

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