Süddeutsche Zeitung

Mode:Macht euch frei

Bei den Männerschauen in Mailand und Paris lassen sich die Designer von den Roaring Twenties inspirieren - und feiern höchst hedonistisch die nackte Haut.

Von Anne Goebel

Der Badeanzug von Jay Gatsby? Die meisten Kinofans werden sich an den knappen Dress erinnern. Körpernah geschnitten, ultraschmale Träger, sowohl Robert Redford als auch Leonardo DiCaprio posierten darin als schillernder Aufsteiger am Pool in den "Great Gatsby"-Verfilmungen. Ein ikonischer Look der freizügigen Zwanziger - und, wenn man den Trendforschern glauben kann, auch ein Sinnbild der Gegenwart. Die Roaring Twenties gelten als Modell für den postpandemischen Lebenshunger, auf den wir nach final überstandener Covid-Krise zuhalten wie damals die Davongekommenen der Spanischen Grippe. Und wenn man sich die Mode für kommendes Frühjahr so ansieht: Könnte stimmen. Reichlich Licht und Luft, spärlich Stoff, so viel nackte Haut gab es selten zu sehen auf den Männerlaufstegen.

Das gilt vor allem für Mailand, das am Beginn der Menswear-Schauen steht und erste Tendenzen für die kommende Saison ankündigt. Die zeigen sich in der italienischen Industriemetropole ja oft auf lässigere, alltagstaugliche Art, ein bisschen wie der Auftritt des jüngeren Cousins im Vergleich zum ausgeklügelt zurechtgemachten Flaneur aus Paris. Diesmal haben die Mailänder die unverkrampfte Parole "bloß nicht zu angezogen" wörtlich genommen. Aufgerollte Hosenbeine, entblößte Oberarme, bei manchen Kollektionen wirkte es fast so, als hätten sich die Designer bei jedem Stückchen Textil zweimal überlegt, ob es wirklich nötig ist. Endlich Schluss mit den Zwängen und Einschränkungen: So kann ein modischer Befreiungsschlag von düsteren Zeiten auch aussehen - indem man einfach fast gar nichts anzieht.

Ganz so simpel ist es natürlich nicht, wenn die Kluft etwas raffinierter sein soll als weiland die Minimal-Turnhöschen von "Magnum" Tom Selleck. Für Prada haben Raf Simons und Miuccia Prada die bloßen Schenkel ihrer Models oben mit kastigen Bikerjacken kontrastiert, Mikroshorts im Retro-Badehosen-Look mit Gürtelschnallen verziert. Die Prints: Kraken, Medusen - es soll endlich wieder (See)Luft an die Haut, und wenn es nur ein Bad in der Großstadtmenge ist. Fendi spielte neben bein- auch die Variante bauchfrei durch, mit auf Brusthöhe gekappten Sakkos in Pastell. Und wer schon immer fand, dass ein Männer-Strickpullunder am hübschesten aussieht mit nichts darunter: Bei Etro führte das ein dunkel gelockter Jüngling vor. Kleine Warnung: Nachahmungen zu Hause könnten zunächst enttäuschend verlaufen, tröstliches Futtern in der Pandemieklausur macht nun mal keine straffen Arme. Andererseits - war da nicht der Vorsatz, großzügiger zu sein nach dem ganzen Schlamassel, auch mit dem Selbstbild?

In die Vollen ging es, klar, bei Dolce & Gabbana. Nicht nur, dass das unerschütterliche Duo als eines der wenigen Labels seine Schau durchzog mit Publikum, Fest-Illumination, 96 Looks. Die Botschaft der Ringerhemden und Baggy-Anzüge, übersät mit Kristallen, war unmissverständlich. Geht feiern wie Gatsby! An Delta und andere Schreckenswörter war eine Stunde lang nicht zu denken. Basta. Für Diesel entwarf Glenn Martens eine psychedelische Upcycling-Kollektion, Jeansstoff für eher schrille Partys. Klingt anstrengend? Zur Beruhigung eine Meldung von den maestri Ermenegildo Zegna und Giorgio Armani: Daheim Liebgewonnenes wie weite Beine, Schlupf- und Lagentechnik - ja, das geht auch für draußen. Entspannte Eleganz war schließlich lange vor der hässlichen C-Krise eine italienische Kernkompetenz.

In Paris dann: Mehr Finesse und Wille zur modischen Distinktion, schließlich hat das Land einen royalen Präsidenten mit der weltgrößten Auswahl an makellos sitzenden Anzügen. Nirgendwo strahlt das Weiß reiner, spiegeln die Sonnenbrillen gleißender als bei Courrèges, dem früheren Space-Age-Label, für das Nicolas Di Felice seine erste Männerkollektion entwarf: scharfkantige Kastenjacken, Hosen aus Vinyl und, was helfen dürfte beim Weg zurück zu alter Größe, vor ein paar Tagen zwei sehr freundliche Instagram-Posts von Marc Jacobs. In der Branche wird die Marke jedenfalls gerade als "hot" gehandelt. Für Burberry hat Riccardo Tisci dem klassischen Trenchcoat die Ärmel abgetrennt und den soften Regenmantel in einen martialischen Umhang verwandelt. "Rejoice!", die Vogue ruft zu Jubel auf - endlich mal wieder die typische Tisci-Düsternis. Einen wohlgeformten Bizeps braucht es allerdings auch hier, wo die finster blickenden Models zwar niemals ihr Hosenbein aufrollen würden. Aber schulterfrei schaut trainiert einfach besser aus.

Mit Aufregung erwartet, wie immer in Paris: Die Show von Kim Jones für Dior. Nach zwanzig Minuten spannungserhöhender Verspätung starteten die Models ihren Rundgang durch eine symbolträchtige Szenerie aus Tierskeletten (Krise) und Rosenranken (Neuanfang) - inklusive echter Gäste auf den Rängen, die in alter Gewohnheit mechanisch die Smartphones reckten, als wollte man nach so langer Pause nicht alles am liebsten nur mit eigenen Augen sehen. Die Kollektion, gemeinsam mit dem Rapper Travis Scott entworfen, bestand aus hocheleganter Streetwear, aus Gangsta-Elementen plus Couture-Stickerei - eine weitgespannte Kombination zwischen den Polen edel und cool, die Jones aber spielend gelingt. Weich schlenkernde Schlaghosen und Oversize-Jacquard, Trackpants mit Glitzerklunkern und Farben von Rauchgrau über Pastell bis Neongrün: So nah am Zeitgeist und trotzdem mit Klasse, das hätte Monsieur Christian Dior mit Wohlgefallen gesehen. Und die Kundschaft wird's ihm ziemlich sicher gleichtun.

Eine Künstlerkooperation auch bei Loewe, wo Jonathan Anderson in Anlehnung an Arbeiten des Malers Florian Krewer eine Kollektion für den "new type of flamboyant boy" geschaffen hat, wie der Designer erklärt: Für den jungen, hedonistischen, zwischen den Geschlechtern oszillierenden Mann, der trägt, was ihm gefällt und nicht, was der Konvention gehorcht. Lederne Shorts in Rosa zum Beispiel und durchlässigen Mohairstrick. Bei Hermès liegt die ersehnte Rückkehr zur Normalität eher in einer Art Reinigung wie beim Aufklaren nach einem Sommergewitter: Kühle Farben und Stoffe, präzise Nonchalance.

Dass Virgil Abloh längst in einem eigenen Universum existiert, hat seine Show für Louis Vuitton erneut demonstriert. Der Livestream war ebenfalls ein Höhepunkt der Pariser Männermodewoche, die noch bis Sonntag läuft. Und so wie der Designer früher, in Zeiten leibhaftiger Präsentationen, mal eben die gesamte Place Dauphine auf der Île de la Cité in der Seine für seinen Auftritt sperren ließ, so muss es jetzt veritable Filmkunst sein. Das Video zur Sommerkollektion 2022 beginnt mit Meeresrauschen sowie dem bedeutungsschweren Schriftzug "Amen Break" und handelt von einer Vater-Sohn-Geschichte, dem Erbe eines Shogun-Schwerts und düsteren Räumen, in denen verfeindete Clans gegeneinander kämpfen, Menschen Schach spielen und ein Birkenwald seine Blätter verliert.

Ach ja, und um Mode geht es auch: Um Streetwear, sein Markenzeichen, kreist Abloh diesmal mit Bezügen zur frühen Rave-Kultur, mit Tracksuits, Karosakkos und gegürteten Jacken zu weiten Hosen, die entfernt an die Kluft asiatischer Martial-Arts-Kämpfer erinnern. Batik-Muster spielen weiter eine Rolle, überhaupt zitiert einer wie Abloh inzwischen am liebsten sich selbst. Für die Fans gehört das dazu zu dem beruhigenden Gefühl, Teil der weltumspannenden Virgil-Gemeinde zu sein. Auch eine Art, sich in schwierigen Zeiten Halt zu verschaffen. Und sei es nur über das richtige Kleidungsstück.

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