Süddeutsche Zeitung

Lewis Hamilton:Very fast fashion

Lewis Hamilton entwirft für Tommy Hilfiger. Das soll aber nur der Anfang sein: Nach der Formel 1 will der Brite Mode machen. Ein Boxenstopp mit dem Weltmeister.

SZ: Mr. Hamilton, Sie haben gerade Ihre vierte Kollektion zusammen mit Tommy Hilfiger in London vorgestellt. Es heißt, Sie seien "erstaunlich" involviert im Design. Hat man Ihnen vorher nicht gesagt, dass Stars normalerweise nur ihren Namen unter eine Kooperation setzen?

Lewis Hamilton: Zum ersten Meeting brachte ich zwei Taschen voll mit Bildern und Kleidungsstücken mit. Die Designer schauten sich gegenseitig an und dachten: "Will der hier einziehen?" Ich war offensichtlich ein Schock fürs System, weil ich wirklich etwas über die Mode lernen wollte. Niemand erwartete, dass ich mich so sehr einbringen würde.

Weil Sie ja eigentlich noch diesen anderen Job als Rennfahrer machen.

Und genau daher weiß ich, wie wichtig es ist, alle Details zu kennen. In der Formel 1 gehe ich auch in die Werkstatt zu den Ingenieuren und frage sie, welche neuen Materialien sie verwenden, wo sie gerade dran rumschrauben, wie alles funktioniert. Wenn ich die Technologie besser verstehe als die anderen Fahrer, habe ich einen Wettbewerbsvorteil. Mit der gleichen Einstellung gehe ich an die Mode heran. Ich will nicht nur meinen Namen auf irgendein Produkt setzen, sondern alles wissen und lernen. Die Kollektion soll ja nicht irgendwie okay sein, sondern die beste.

Sagen wir also, Sie machen gerade so etwas wie ein langes Praktikum bei Tommy Hilfiger. Stimmt es, dass Sie danach Ihr eigenes Modelabel gründen möchten?

Yep.

Also das ist der Plan nach der Formel-1-Karriere?

Yep.

Hamilton. Lewis. Lewis Hamilton. LH - wie wird es heißen?

So weit sind wir noch nicht, aber das ist in jedem Fall der Traum. Ich habe viel Zeit damit verbracht, über andere Sportler zu lesen, habe mit Legenden gesprochen und sie gefragt, wie sie ihr Leben nach dem Karriereende geplant haben. Was ich dabei feststellte: Als Profi bist du so fokussiert darauf, der Beste zu sein, dass dich das voll einnimmt. Wie kriegt man es hin, den Kopf noch frei für andere Dinge zu haben? Daran versuche ich zu arbeiten.

In einem Interview sagten Sie, bei Ihrem früheren Team McLaren sei es Ihnen nicht erlaubt gewesen, zu Modeschauen zu gehen. Erst in den vergangenen Jahren, bei Mercedes, sah man Sie häufiger in der ersten Reihe sitzen, Sie waren sogar Botschafter der London Men's Fashion Week.

Die Formel 1 ist in gewisser Weise sehr altmodisch und festgefahren in ihren Ansichten. Wir machen die Dinge so und so, ein Fahrer muss so und so aussehen, so und so reden. Es geht überhaupt nicht um Individualität, darum, du selbst zu sein, das hasse ich. Ich habe mich in der Vergangenheit wie in einem Panzer gefühlt, aus dem ich die ganze Zeit ausbrechen wollte.

Sie waren einer der ersten Rennfahrer, die nicht aus privilegierten Verhältnissen stammen, 2008 waren Sie der erste schwarze Formel-1-Weltmeister. Sie waren aber auch der erste, der viel Schmuck trug, mit Justin Bieber abhing, einen Song mit Christina Aguilera aufnahm.

Ständig kommen Leute zu meinem Team und sagen: Lewis macht dies, Lewis macht das, Lewis hat den und den Lifestyle. Stimmt. Aber: Ich gewinne auch viel. Das ist kein Zufall. Jeder sollte die Möglichkeit haben, die beste Version seiner selbst zu sein. Also habe ich mir vorgenommen, dass ich bei meinem nächsten Schritt in einer Umgebung sein will, in der ich so sein kann, wie ich sein will.

Und da kommen Sie ausgerechnet auf die Modewelt?

Als ich zu den ersten Fashion Shows gegangen bin, traf ich dort auf eine Mischung unterschiedlichster Leute, mit ganz verschiedenen Backgrounds, Stilen, jeder interpretiert die Dinge anders. Durch die Mode habe ich ungeheuer viel Selbstvertrauen bekommen, das ich vorher nicht hatte.

Sie sind sechsfacher Weltmeister und sagen, Ihnen habe es an Selbstbewusstsein gemangelt?

Ich war auf einer Schule, die kaum vielfältig war, mache einen Sport, der wenig "divers" ist, da war es nicht immer einfach, sich in seiner Haut wohlzufühlen. Klar, wenn ich meinen Helm überziehe und mich in mein Auto setze, fühle ich mich superstark, weil ich totale Kontrolle habe und Dinge tue, die kein anderer schafft. Aber dann steigst du aus und bist wieder Mensch. Mir hat die Mode unglaublich gute, neue Erfahrungen gegeben. Ich habe so viel gelernt, eine neue Leidenschaft entdeckt. Kleidung kann dir helfen, dich selbst zu entfalten. Wenn ich jemanden treffe, der ein Teil davon trägt, macht mich das unglaublich stolz.

In der aktuellen Sommerkollektion sind rosa Bomberjacken, Windbreaker mit passenden Jogginghosen. Wo sieht man am besten Ihre Handschrift?

Das ist alles "sehr ich". Auch die Parkas, die wendbaren Jacken. Diese Kollektion ist außerdem komplett unisex, was ich ein wichtiges Statement fand. Mode für alle Geschlechter, für alle Ethnien sowieso.

Sie ernähren sich vegan, auch bei der Mode setzen Sie auf Nachhaltigkeit.

Ich sagte gleich zu Anfang: Lasst uns eine komplett nachhaltige Kollektion machen! Die Leute bei Hilfiger erklärten mir dann, dass das nicht so einfach sei, aber wir sind dran. Die Kleidung der ersten Kollektion vor eineinhalb Jahren war zu 25 Prozent nachhaltig und umweltfreundlich produziert, mittlerweile sind wir bei 75 Prozent, die Jacke, die ich gerade trage, ist beispielsweise aus recyceltem Nylon. Bei den Schuhen müssen wir noch besser werden. Der Produzent unserer veganen Modelle verwendet noch keinen veganen Klebstoff, auf solche Details kommt es an.

Sie sind mit Stella McCartney befreundet, richtig?

Ja, warum?

Sie benutzt für ihre Schuhe bereits veganen Klebstoff. Fragen Sie sie um Rat?

Ja. Stella ist eine fantastische Person und unglaublich inspirierend. Sie hat gezeigt, dass der Wandel in der Mode möglich ist. Von Leuten wie Stella oder jetzt Tommy Hilfiger lernen zu können bedeutet mir viel. Tommy hätte ja jeden fragen können, ob er ihm zur Hand geht.

Abgesehen davon, dass jemand "mit Hand anlegt", geht es ja vor allem darum, Mode mit dem Namen eines Superstars zu verkaufen. Vor Ihnen gab es Kollektionen mit dem Model Gigi Hadid und der Sängerin Zendaya.

Aber für mich ist das gleichzeitig eine riesige Chance. Ich habe damals die Fashion Show mit Gigi gesehen und gedacht: Ich weiß noch nicht, wie, aber eines Tages will ich an ihrer Stelle stehen.

Kriegen Sie immer, was Sie sich in den Kopf setzen?

Wenn ich zurückdenke, habe ich mir immer klare Ziele gesetzt. Als Erstes wollte ich Formel-1-Fahrer werden und Rennen gewinnen. Dann eines Tages für McLaren fahren. Mit zehn habe ich dem McLaren- Boss gesagt, dass ich in seinem Auto Weltmeister werden will. Drei Jahre später haben sie mich verpflichtet, zehn Jahre später habe ich den Titel für sie geholt. Es gibt sicher vieles, was vorbestimmt ist, aber ich glaube auch daran, dass du deine Träume formulieren musst, damit sie Wirklichkeit werden. Du musst sie "wahr reden".

Haben Sie Vorbilder unter anderen Quereinsteigern? Leute wie Kanye West oder Victoria Beckham, die mittlerweile ebenfalls ein eigenes Modelabel führen?

Im Sport gibt es eigentlich nur Michael Jordan, der das bislang geschafft hat. In der Musik sind es einige mehr. Kanye West hat mal zu mir gesagt: "Das beste Kompliment, das ich dir machen kann, ist: Du bist genau wie ich!" Ich fragte ihn, wie er das meint, und er antwortete, er sei in der Musik der Beste und würde jetzt Mode machen, ich sei im Autorennen der Beste und würde jetzt, wie er, auch noch in einen anderen Bereich wechseln. Damals ging es allerdings noch darum, ob ich vielleicht Musik mache. Keine Ahnung, ob er so wohlwollend gewesen wäre, wenn er gewusst hätte, dass ich jetzt in sein Gehege komme.

Auf einem Ihrer Pullover steht groß "Loyalty", Treue. Was bedeutet das für Sie?

Bis ich acht war, wuchs ich bei meiner Mutter auf, später bei meinem Vater. Familie war extrem wichtig für ihn. Er hat immer viel über Loyalität und Beständigkeit geredet. Er hielt nicht viel davon, wenn Leute von Job zu Job, von Beziehung zu Beziehung sprangen, sondern setzte auf alte Freundschaften und langfristige Partnerschaften. Eines Abends saß ich mit ein paar meiner besten Freunde beim Essen, als die Idee eines gemeinsamen Tattoos aufkam. Da habe ich dann "Loyalty" vorgeschlagen. Sehen Sie, bei mir steht es jetzt hier auf meinem Unterarm. Mittlerweile haben es sich sogar noch andere Freunde von uns stechen lassen.

Kommt Ihre Familie jetzt denn auch zu allen Ihren Shows?

Zu den vorherigen in New York und Paris nicht, aber London ist ja so etwas wie ein Heimspiel für mich, da konnten mein Bruder, mein Neffe, alle meine Freunde dabei sein. Für meine Mutter war es sogar die erste Modenschau ihres Lebens überhaupt.

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Quelle:
SZ vom 14.03.2020
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