Süddeutsche Zeitung

Einrichtungstrends:Die sprechende Küche

Weiß, Schwarz oder Blau? Bei den beliebtesten Küchenfarben 2021 gibt es auf jeden Fall einen Trend zur Nachhaltigkeit. Ein Farbpsychologe weiß, worauf Kunden achten sollten.

Von Ramona Dinauer

Um eine Flasche Champagner zu köpfen oder Sushi aus dem Kühlschrank zu holen - dafür eignet sich eine schwarze Küche wunderbar. Nahrung, die erst noch zubereitet werden muss, hat hier nichts verloren. Jedes Mehlwölkchen, jeder Soßenfinger hinterlässt Spuren auf dem dunklen Lack. Anders gesagt: Wer seine Küche ganz in Schwarz kleidet, kann oder will wahrscheinlich nicht kochen, sagt Farbforscher Axel Buether.

Der Vorsitzende des Deutschen Farbenzentrums e. V. erklärt das so: "Schwarze Küchen haben eher repräsentative Zwecke, sozusagen die teure Küche als Statussymbol. Ähnlich wie eine schwarze Limousine", sagt Buether. Diese Entfärbung von Küchen wie auch von Einrichtung und Kleidung ist ein relativ neues Phänomen, das als Zeichen der Moderne gilt. Denn: Lange konnten sich nur reiche Menschen kräftige Farben leisten. Braun- und Grautöne standen für Armut. Seit der Gründerzeit und der Möglichkeit, Pigmente künstlich herzustellen, haben mehr Menschen Zugang zu einer breiteren Farbpalette. Doch erst im 20. Jahrhundert fand die industrialisierte Farbproduktion weite Verbreitung, bis sich in den Siebzigerjahren fast jeder eine senfgelbe Einbauküche leisten konnte.

Früher stand Farbe, heute steht Material für Qualität

Mittlerweile ist die Normküche in einer Black-and-White-Phase angelangt, sagt Marcus Roth, Geschäftsleiter für Vertrieb in Deutschland und Österreich bei Häcker Küchen. Seit etwa vier Jahren verkauft der zweitgrößte Küchenhersteller Deutschlands mehr als die Hälfte seiner Küchen in Weißtönen. Dabei ist Weiß nicht gleich Weiß. Das Angebot reicht von Polarweiß mit einem Blauanteil bis Magnolia mit gelben und rosa Anteilen. Zu den hellen Küchenfronten wünschen sich die deutschen Kunden fast ausschließlich Eichenholz. Lange als altmodisch abgestempelt, kaufen jetzt auch wieder junge Leute moderne Landhausküchen. Der Verkauf von Küchen etwa ganz in Reinweiß nimmt wieder ab; Gemütlichkeit und warme Farben sind gefragt. "Unsere viel verkauften Küchen haben immer Holzelemente. Die Kunden wollen sich die Natürlichkeit von draußen nach drinnen holen", sagt Roth. Galt Farbe früher noch als Zeichen von Reichtum und Qualität, sind es heute die Materialien. Bei hochpreisigen Modellen soll die Schönheit der echten Materialien, wie Naturstein oder Walnussholz, gezeigt werden, sagt Roth. Dementsprechend sind seit einigen Jahren matte Küchen beliebter als Hochglanzfronten.

Den Trend zu Natur und Gemütlichkeit beobachtet auch Farbforscher Buether: "Das stärker werdende Umweltbewusstsein wird über Farben demonstriert." Abgetönte Farben, die an Sand oder Erde erinnern, gelten nicht mehr als unrein. So steigt auch die Nachfrage nach naturbelassenen und nachhaltigen Produkten. Der zweite Trend neben den verschiedenen Weißtönen seien dunkle Küchen. Vor allem teure Modelle verkauften sich in den vergangenen beiden Jahren immer öfter mit komplett schwarzen Fronten. "Solche Trends schwappen häufig über das hochpreisige Segment herein und setzen sich ein paar Jahre später bei durchschnittlichen Küchen fest", sagt Roth. So auch Modelle mit kompletten Betonfronten.

Die Küchenfarbe beeinflusst unsere Verdauung

Schwarz, Weiß, Grau - neben neutralen Tönen auf den großen Flächen wagen Käufer auch kräftigere Farben. Tiefrotes Burgund, natürliches Eukalyptus oder satte, dunkle Blautöne sieht Karin Padinger, Marketingleiterin bei Häcker Küchen, neben den Erdtönen als Trendfarben für 2021. Zudem nehme Individualisierung bei der Farbgestaltung zu. "Es kam schon ein Kunde mit der Abdeckklappe des Tanks seines Oldtimers ins Geschäft, weil er genau diese Farbe für seine Küche wollte", sagt Padinger. Aber Vorsicht vor zu aufdringlichen Effekten: Grelle Farben in der Küche wirken überladen und ordinär, sagt Wahrnehmungspsychologe Buether. Eine knallrote Küche sieht er kritisch. "Rot ist für uns die wichtigste Farbe, die immer wieder nach Aufmerksamkeit verlangt. Stellt man seinen Teller auf eine rote Küche, gerät das Essen optisch in den Hintergrund", sagt Buether. Zudem wird Rot oftmals mit Liebe und Sex assoziiert. Demnach löst eine rote Küche Stress aus, weil sie etwas kommuniziert, das wir nicht mit Essen verbinden. Aufgeschlossene, expressive Menschen würden eine rote Küche kaufen, meint Buether. Dabei sollte man Farben nicht auf ihre vermeintliche Schönheit reduzieren.

Vielmehr sollten Farben die Funktion der Küche unterstützen. "Je nachdem, welche Farbe man sieht, steigt der Blutzuckerspiegel, und die Verdauung wird angeregt", sagt Buether. "So lösen Farben Appetit aus. Und das ist ein ganz toller Effekt, den man nutzen sollte." Erdbeermilchrosa, Zitronengelb oder Salbeigrün - Farben, die Nahrung nachempfunden sind, gelten als appetitanregend. Verstärken lässt sich der Effekt, wenn sich die Küchenfarben an den Leibgerichten orientieren. Wer etwa gerne Indisch isst, kann seine Küche in Curry-Gelb einkleiden. Oder entsprechende Akzente setzen: eine Schale mit Orangen oder ein blaues Geschirrtuch. "Gerade Küchen in Naturtönen lassen sich mit solchen Akzenten beleben. Zumal man ein Handtuch auch leichter austauschen kann als eine ganze Küchenfront", sagt Buether.

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