Süddeutsche Zeitung

Europameisterschaft:Style im Strafraum

Die Fußballtrikots der Nationalmannschaften sind verwirrend, edel, schön. Mit manchen könnte man sogar ins Berghain gehen.

Von Jan Kedves

Modisch betrachtet sind große Fußball-Events ja meist anstrengend. Auf den Trikots sind immer so viele Logos, Aufnäher, Muster und Botschaften drauf! Bei der um ein Jahr verschobenen Europameisterschaft 2020 sind Sponsoren-Logos zwar verboten, trotzdem herrscht Gedrängel auf den National-Shirts. Da sind die Logos der Ausrüster, da ist am rechten Ärmel das Pokal-Logo der Uefa und am linken das Respect-Badge. Dazu all diese Designer-Ideen: Bei den Italienern sollen Mosaikmuster an die Kunst der Renaissance erinnern, bei den Holländern verwirren die Zickzacklinien auf der Brust, aber wenn man genauer hinsieht, erkennt man einen stilisierten Löwen. Und erst die Slowaken: Beim Design ihrer Trikots hat sich offenbar Nationalismus gegen Minimalismus durchgesetzt. Das slowakische Wappen, das Patriarchenkreuz auf blauem Dreiberg, prangt noch einmal groß neben dem Logo des slowakischen Fußballverbands, obwohl es in letzterem doch bereits enthalten ist. War es da zu klein? Dann lieber doppelt?

Aus Protest gegen diesen visuellen Overload muss man an dieser Stelle deutlich werden: Abpfiff, es geht besser! Gar nicht mal so übel sind zum Beispiel die Trikots der deutschen Mannschaft. Mit dem Modell in mattschwarz für die Auswärtsspiele käme man unter Umständen sogar ins Berghain in Berlin rein, wenn das wieder aufhätte. Allerdings sind die Querstreifen auf den weißen Trikots für Heimspiele schon eher albern: Soll das wirklich so aussehen, als hätte die Streifen jemand per Hand mit einem halbleeren Edding auf den Stoff gemalt?

Aus modischer Perspektive am gelungensten, oder sagen wir doch gleich: am schönsten, sind allerdings jene neuen Fußballtrikots, die bei der EM ausgerechnet nicht zu sehen sind - leider. Da ist zum Beispiel Japan: Der japanische Fußballverband feiert in diesem Jahr sein 100-jähriges Jubiläum. Zur Feier gibt es von Ausrüster Adidas ein herrlich reduziertes Geburtstagstrikot. Es ist in perfektem, wolkenfreiem Himmelblau gehalten und hat die Form eines regulären Poloshirts, mit weißem Strickkragen und verblendeter Knopfleiste. Edel. Die Sonnenwappenflagge Japans ist, nicht zu klein, nicht zu groß, aufs Herz appliziert und dezent goldumrandet. Das war's. Ein Haiku zum Anziehen! Umweltfreundlich ist das Trikot sogar auch, zumindest vergleichsweise: Es ist aus Primeblue gefertigt, das Material besteht laut Adidas zur Hälfte aus recyceltem Plastikmüll.

Ebenfalls sehr hübsch geworden ist das neue Modell der Marke Umbro für die "Lions of Mesopotamia", die Nationalmannschaft des Irak. 2007 gewann sie die Asienmeisterschaft, aktuell ist sie in der dritten Qualifikationsrunde der asiatischen Fußball-Konföderation für die Weltmeisterschaft 2022 in Katar. Das neue Irak-Trikot ist gehalten in dem saftigen Grün, das man vom Schriftzug "Allahu akbar" aus der irakischen Flagge kennt. Der Stoff ist dezent geschmückt mit einem Muster aus abstrahierten assyrischen Palmen und den Umrissen des berühmten Ischtar-Tors, das freilich schon lange nicht mehr in der alten Hauptstadt Babyloniens steht, sondern im Pergamonmuseum auf der Museumsinsel im heutigen Babylon, Berlin. Die irakische Regierung forderte von der deutschen Regierung bereits mehrmals die Rückgabe des Tors.

So schnell kann man also per Fußballtrikot bei der Politik landen. Das zeigt auch das Fan-Trikot, das die gefeierte Londoner Modedesignerin Martine Rose in Kooperation mit Nike für England entworfen hat. Es wird im Juli, zum Finale der EM, in den Handel kommen. Rose hat das Trikot den "Lost Lionesses" gewidmet, jener englischen Frauenmannschaft, die 1971 bei der inoffiziellen Frauen-Weltmeisterschaft in Mexiko antrat. Im Aztekenstadion von Mexiko-Stadt spielten die Engländerinnen, die damals zwischen 13 und 20 Jahre alt waren, vor 90 000 Zuschauern gegen Argentinien und Mexiko. Sie gewannen nicht, wurden in Mexiko aber gefeiert wie Popstars. Nach ihrer Rückkehr in die Heimat wurde den Spielerinnen vom englischen Fußballverband aber ein dreimonatiges Spielverbot auferlegt - als Strafe dafür, dass sie nach Mexiko geflogen waren, obwohl der Verband zu der Zeit gerade erst dabei war, sein eigenes offizielles Frauenteam aufzustellen. Der Fußballverband hatte das Frauen-Fußballverbot, das seit 1921 in England geherrscht hatte, gerade erst aufgehoben.

50 Jahre später prangt nun zu Ehren dieser Pionierinnen des Frauenfußballs der Schriftzug "The Lost Lionesses 1971-2021" unter dem bekannten "Three Lions"-Wappen auf einem England-Trikot. Ein feministisches Statement in diesen doch sehr männlich dominierten Kicker-Wochen. Auch ansonsten macht Martine Rose mit dem Trikot alles richtig: weißer Stoff, schwarze Bündchen. Mehr braucht es doch nicht.

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