Süddeutsche Zeitung

"Ladies & Gentlemen":Wer Cannes, der Cannes

Radlerhose, 1619-Kappe: Die Outfits von Schauspielerin Marion Cotillard und Jury-Präsident Spike Lee haben eine Botschaft.

Von Jan Kedves und Julia Werner

Marion Cotillard: Hautenges Statement

Eine schöne Frau kann nichts entstellen, noch nicht mal eine Radlerhose. Die ist schon seit vor Corona wieder da, junge Mädchen tragen sie als Ode an die Neunziger unter weitem Blazer. Marion Cotillard hat den Trend jetzt auf die nächste Stufe gehoben, indem sie die enge Hose auf dem Filmfestival in Cannes trug, in Kombination mit einer hochgeschlossenen Seidenbluse und flachen Stiefeletten. Fazit: Sieht super aus! Die Tatsache, dass Frauen immer weniger Lust haben, in bewegungsfeindlichen Kleidern und Schuhen Fototermine zu absolvieren, ist eigentlich längst ein alter Hut und an dieser Stelle bereits mehrfach besprochen worden. Trotzdem sorgt alles, was nicht Kleid ist, bei solchen Glamour-Events immer noch für künstliche Aufregung. Die Gala titelte online: Marion Cotillard in Radlerhose - bricht sie damit ein Tabu? Die Antwort bleibt uns das Blatt leider schuldig, weswegen wir das mal übernehmen: Nö, tut sie nicht. Erstens kann man im Showbusiness - im Gegensatz zum Fußball - schon seit Jahren tragen, was man will, und zweitens ist die sogenannte Radlerhose von Chanel. Und deswegen nicht aus sofatauglichem Stretchstoff, der wahrscheinlich wirklich ein Tabubruch gewesen wäre. Das Chanel-Modell ist hingegen perfekt geschneidert, also eher eine Art hautenge Bermuda-Hose. Bleibt die Frage, warum die Schauspielerin eigentlich da war, ach so, ja, sie hat im Musical-Film "Annette" mitgespielt. Ob der gut ist oder nicht, darauf konnten wir uns wirklich nicht konzentrieren, dafür war zu viel Radlerhose.

Spike Lee: Knallharte Botschaft

Regisseure lenken Blicke und Aufmerksamkeit und erzählen so Geschichten. Et voilà, wenn Spike Lee in seinem schwarz-weißen Outfit in Cannes ganz auf Kontraste setzt, erzählt der diesjährige Jury-Präsident der Filmfestspiele damit eben auch eine ultraverdichtete Geschichte von Versklavung und kulturellem Triumph. Da ist die "1619"-Kappe, die der New Yorker Filmemacher in seinem Online-Shop "Spike's Joint" selbst verkauft. Dort, wo bei den Trump-Kappen "Make America Great Again" stand, bezieht sie sich auf das Jahr, in dem in Jamestown, Virginia, die unrühmliche Geschichte Amerikas begann, als nämlich das erste Sklavenschiff aus Afrika landete. Es war ein langer Weg, auf dem meine Vorfahren sehr viel Leid erfahren mussten, bis ich hier, 402 Jahre später, der erste schwarze Jury-Präsident werden konnte, sagt der 64-Jährige durch die Kappe. Darunter das Shirt aus der Paris-Saint-Germain-Kollektion von Nike und der Marke Jordan. Und das macht aus dem "Jumpman"-Logo des legendären Basketballspielers Michael Jordan das "A" von Paris, in dem sich auch stilisiert der Eiffelturm erkennen lässt. So wie Lee das Shirt trägt, wirkt es wie ein stolzer Kommentar auf den Siegeszug der afroamerikanischen Sport- und Popkultur in der Mode in Frankreich. Ohne Basketball, Hip-Hop, Graffiti und so weiter würden Pariser Designer heute ja nicht Shirts verkaufen, die so oder ähnlich nach Sportswear aussehen. Beide Teile zusammen sind, um beim Basketball zu bleiben, ein modischer Slam-Dunk, wie man ihn nicht lässiger hinbekommen könnte.

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