Süddeutsche Zeitung

"Curvy is Sexy"-Messe:Schönheit braucht ihren Platz

Lesezeit: 4 min

Während die Fashion Week von Glitzer, Glamour und Promiauflauf zehrt, gibt es eine neue Messe in Berlin, auf der es vor allem ums Geschäft geht: Auf der "Curvy is Sexy" sollen Frauen mit Übergrößen Kleider finden, die sie wirklich tragen können.

Von Ruth Schneeberger, Berlin

"Dicke Mädchen haben schöne Namen" heißt ein beliebter Karnevalsschlager der Kölner Band "Die Höhner". Welche Botschaft auch immer dahinter stecken mag - eines wird sofort klar, wenn man die "Curvy is Sexy"-Messe dieser Tage in Berlin besucht: Dicke Models haben definitiv die schöneren Gesichter.

Während ein paar Ecken weiter auf der Fashion Week im Zelt am Brandenburger Tor gestresste Magermodels im Minutentakt über die Bühnen der angesagtesten deutschen Designer gejagt werden, viele mit eingefallenen Wangen und möglichst ausdruckslosem Antlitz, um die Size-Zero-Mode besser aussehen zu lassen, sind ihre ungleich üppigeren Kolleginnen hier, in der Französischen Straße, sehr viel entspannter.

"Dick" ab Größe 38

Dabei geht es auch hier ums Geschäft. "Wir haben sehr viele wertige Besucher hier", sagt Messeleiter Stephan Sonn. Was er damit meint, ist: Wer hierhin kommt, will auch wirklich etwas kaufen. Beziehungsweise bestellen. Im Gegensatz zu vielen Locations auf dem Rest der Fashion Week, wo sich vor allem junge Blogger und Modeinteressierte tummeln, um einfach dabei sein zu dürfen, ist "Curvy is Sexy" nur für Fachbesucher geöffnet. Es geht darum, mehr Mode für füllige Frauen in die Geschäfte zu bringen.

Doch "füllig" ist eigentlich schon das falsche Wort. "Die meisten Frauen in Deutschland tragen Größe 42 oder größer", sagt Sonn, "unsere Mode fängt bei Größe 38 an, das zeigt ja schon die Absurdität." Es geht also auch um die normalgewichtige Frau. Die, die eben nicht oder nicht mehr in eine Größe 34 oder 36 passt. Der Markt ist groß.

Und doch: Was hier gezeigt wird, richtet sich an die wirklich gewichtigen Kundinnen. An diejenigen, die nicht in die üblichen Geschäfte gehen und ganz normale Kleider anprobieren können. An diejenigen, die in der Modewelt als "Problemfall" gelten.

Die schönsten Models

"Unsere Kundinnen wollen ganz normale Mode tragen. Das, was sie auch in den Katalogen und überall sehen. Nur eben in größer", erklärt Chantal Smits von Yoek aus Amsterdam. Weshalb die niederländische Designerin ihre Entwürfe mit den aktuellen Trends ziert. Das sind vor allem viele Pailletten - und knallig bunte Farben. Femininität, Fröhlichkeit und Lebensfreude soll die Yoek-Mode ausmachen, in den Niederlanden scheint das Unternehmen mit mittlerweile 100 Läden einen Nerv zu treffen. Dicke wollen sich nicht länger verstecken.

Viele der anderen Anbieter auf der Messe setzen nicht so stark darauf, dass die Trägerinnen ihrer Mode sich wirklich wohl in ihrer Haut fühlen. Da gibt es noch viele gedeckte Farben, viel Schwarz, die klassische Dicken-Mode ist eher zum Verdecken als zum Herzeigen gedacht. Viele Kundinnen sind schon froh, wenn sie überhaupt genügend Auswahl in ihrer Größe finden.

Ilse Nemec von Ulla Popken weiß genau, worauf es ankommt bei der Mode für Mollige: Ulla Popken war die erste Modemarke in Deutschland, die sich gezielt und ausschließlich an dieses Publikum gerichtet hat - ohne Scham und mit Selbstbewusstsein. Und auch das war eher Zufall: "Eigentlich ging es um Mutter- und Babymode", so Nemec, Shop-in-Shop-Leiterin. Doch dann kam es den Betreibern komisch vor, dass so viele angeblich Schwangere gleich acht Hosen bestellten - und es wurde klar: Hier bestellen Frauen, die nicht schwanger, sondern einfach füllig sind. Das Unternehmen stellte den Bedarf auf die Kundinnen um. Und ist inzwischen mit etwa 600 Filialen in mehr als 30 Ländern weltweit schwer im Geschäft.

Eher verdecken als herzeigen

Mehr Stretch, längere Ärmel, die Röcke nicht ganz so kurz, die Betonung liegt weniger auf einer schmalen Taille als auf einem schmucken Dekolleté - das sind die Unterschiede zur normalen Mode. Ansonsten fände die fülligere Frau in den Läden und zunehmend auch im Netz gerne genau das vor, was ihre schlankeren Geschlechtsgenossinnen auch tragen können. Aber funktioniert das überhaupt?

Nicht ganz, sagt Nemec, die an ihrem Stand Prosecco aus der Dose und bunte Kalorienbomben verteilt: "Viele denken, es reicht, wenn man die kleinen Größen einfach in große umsetzt. Aber das reicht eben nicht. Das ist ein ganz anderer Markt." Einfach nur dasselbe Modell von einer zarten Größe 34 in eine stämmige 58 umzuschneidern, funktioniert nicht. Es sieht nicht gut aus.

Weshalb die meisten der auf der Messe vertretenen 54 Anbieter für "Plus Size"-Größen, so der aktuelle Fachausdruck, sich eben doch an dem orientieren, was dicke Frauen schon in den vergangenen Jahrzehnten getragen haben: streckendes Schwarz, Capes zum Verstecken allzu üppiger Rundungen, lange Blusen ohne allzu auffällige Musterungen, einfarbige Hosen mit hohem Bund.

Doch es wird - langsam und gemächlich - bunter und auffälliger - und es wird vor allem mehr. S. Oliver hat eine eigene Linie namens Triangle für fülligere Kundinnen entwickelt, Anja Gockel nennt ihre Extra-Linie "Woman I am". Sallie Sahne etwa produziert ausschließlich in den Größen 40 bis 54.

Frenetischer Applaus

Auch wenn die Zeitschrift Brigitte wieder zu herkömmlichen Models zurück gekehrt ist, nachdem sie den Trend, ganz normale Frauen auf dem Cover und in den Modestrecken zu zeigen, angestoßen hatte: "Brigitte Models", Agentur für "Plus Size"-Models, ist hier ebenfalls vertreten. Sie schart eine Meute fröhlicher junger Damen um sich, die allesamt nicht dem Idealmaß der Modeindustrie entsprechen.

Sie sind ein paar Stunden zuvor bei einer Modenschau übers Parkett gelaufen und dabei von den Gästen frenetischer beklatscht worden als jedes Size-Zero-Model im Fashion-Week-Zelt nebenan. Denn hier geht es auch ein bisschen darum, mitten aus der Szene heraus der Modeindustrie ein Schnippchen zu schlagen. Und zu zeigen: Ich passe nicht in eure Mode - und ich bin trotzdem genau richtig. So wie ich bin.

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