Süddeutsche Zeitung

Legalisierung von Cannabis:High Cuisine

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Seit gut einem Jahr ist Cannabis in Kalifornien als Genussmittel erlaubt. Und ist zur Lifestyle-Zutat für den gesundheitsbewussten Großstädter geworden.

Von Malte Conradi, San Francisco

Und dann schließt der ältere Herr mit den schwarzen Hosenträgern über dem weißen Hemd die Augen, lehnt sich zurück und ist für einen Moment ganz für sich. Rechts und links von ihm an der langen Tafel Gespräche und Gelächter. Als er die Augen wieder öffnet, lächelt er. "Das ist so gut. Ich schmecke Zitrus, Ananas, getrocknetes Gras." Und zu seiner Frau neben ihm: "Hast du schon probiert, Schatz?" Dann zieht er noch mal am Joint, die Augen wieder geschlossen.

Etwa vierzig Gäste sitzen an den langen Tischen. Abendgarderobe, Kerzen. So ziemlich alle von ihnen werden, man kann es nicht anders sagen, am Ende des Abends ziemlich high sein. "Wir in der Küche übrigens auch", hatte Coreen Carroll gerufen, als sie vor der ersten Vorspeise das Menü ankündigte.

So ungefähr ab dem Dessert ist es soweit, vielleicht auch schon gegen Ende des Hauptgangs. Es herrscht dann eine geradezu feierliche Stimmung in dieser Fabrikhalle irgendwo im letzten noch nicht aufgehübschten Viertel von San Francisco. Vergleichbar vielleicht mit der Stimmung auf der Terrasse eines italienischen Ferienhauses, nach einem langen Abendessen mit viel Rotwein. Nur ohne das Laute, Angeberische, das Alkohol ja manchmal in den Menschen hervorbringt.

Ein pensionierter Highschool-Lehrer erzählt, wie Cannabis sein Liebesleben aufregender macht, eine junge Frau hat Tränen in den Augen, als sie davon spricht, wie sehr sie im kühlen San Francisco die warmen Abende in Südkalifornien vermisst. Ein Mann in Anzug und Krawatte, den man am ehesten hinter einem Bankschalter verorten würde, redet sich in Begeisterung über irgendeine Kunstinstallation mit ausgedienten Schiffscontainern, die er endlich umsetzen will. Zum Abschied umarmen sich alle.

Carroll ist Köchin und veranstaltet gemeinsam mit ihrem Mann Ryan jeden Monat so einen Abend, bei dem es um gutes Essen und Cannabis geht. Wobei das hier gar nicht zwei getrennte Dinge sind, die beiden gehören für Carroll zusammen. So wie Wein und gutes Essen. Sie nennt diese Veranstaltungen die "Cannaisseur-Abende", wer mitmachen will, braucht eine Einladung und zahlt 175 Dollar.

So weit ist es also gekommen, keine 18 Monate nach der völligen Legalisierung von Cannabis in Kalifornien: Gras ist etwas für Menschen, die 175 Dollar für einen schönen Abend ausgeben, sich dafür ein schönes Hemd anziehen und dann über moderne Kunst sprechen. Schon seit 1996 kann man Cannabis in Kalifornien legal kaufen, wenn man ein Attest von Arzt hat. Seit Anfang 2018 ist es völlig legal für jeden, der älter ist als 21 Jahre. Seither kann man beobachten, was im besten Fall geschieht, wenn eine Substanz legalisiert wird, die ohnehin ziemlich weit verbreitet ist: Soweit man weiß, konsumieren heute zwar nicht mehr Menschen regelmäßig Cannabis als vor der Legalisierung, etwa 13 Prozent der Bevölkerung. Was sich aber geändert hat, ist, dass sie sich dabei nicht mehr verstecken. Im Gegenteil: Das Kraut ist schick geworden. Cannabis steht heute für bewusstes Genießen, für Aktivität und Gesundheit - so wie Yoga, Tesla, Bio-Avocado. Es ist so ganz anders als Alkohol oder, Gott bewahre, Zigaretten.

Gras in allen Darreichungsformen

Wer sich heute auf dem kalifornischen Cannabis-Markt umsieht, der könnte den Glauben an den Kapitalismus wiedergewinnen: Gras in allen Darreichungsformen, für alle Geschmäcker. Alles angeblich zum Wohle der Kunden, alles, um ihre Wünsche zu befriedigen. Es ist, als dürften die Menschen, die seit Langem in diesem Business arbeiten, endlich zeigen, was sie können. Natürlich geht es dabei um Profit, um einen riesigen Markt, den immer mehr Anbieter gerade entdecken.

Wer früher einen Joint rauchen wollte, war auf den Schwarzmarkt angewiesen, wie in Deutschland noch heute. Man konnte den Angaben des Dealers über das, was man da kaufte, vertrauen oder eben nicht. Es gab kaum Auswahl, und den Züchtern ging es vor allem um eins: Möglichst potentes Cannabis hervorzubringen, damit möglichst kleine Mengen der verbotenen Substanz möglichst große Wirkung zeigen. Das ist, als wäre den Weinbauern im Bordeaux vor allem daran gelegen, dass ihr Wein möglichst schnell besoffen macht. Heute kann das "Green Business" zeigen, was mit dieser Pflanze alles möglich ist.

Was das für ambitionierte Köche bedeutet, begreift man vielleicht am besten mit einem kleinen Gedankenexperiment. Man stelle sich eine Welt vor, in der es keinen Wein gibt, vielleicht weil er noch nicht erfunden wurde. Und dann kommt eines Tages ein Koch daher und sagt, er habe da diesen vergorenen Traubensaft gefunden, vermutlich sei es ganz angenehm, ihn zum Essen zu genießen, und vielleicht könne man ja sogar mit ihm kochen. Ungefähr so müssen sich all die Köche fühlen, die seit der Legalisierung von Cannabis in mehreren US-Staaten mit der Pflanze experimentieren.

Komponierte Abfolge von Essen und Cannabis

Der Vergleich mit Wein sei schon ganz gut, meint Coreen Carroll, die mit 13 Jahren aus Deutschland in die USA kam. Im Grunde aber sei Cannabis noch vielfältiger. "Je nach Sorte schmeckt es mal zitronig, mal nach Pilz, mal schokoladig oder nach Wild." Aber das ist nur die geschmackliche Seite. Dass Cannabis und Essen noch auf andere Weise zusammenhängen, das weiß jeder Teenager, der nach einem Joint schon mal eine Tüte Chips verschlungen hat, genauso wie viele Krebspatienten, die mit dem Kraut ihre Appetitlosigkeit bekämpfen. Klar rege es den Appetit an, sagt Carroll, aber Cannabis schärfe eben auch die Sinne; Dinge schmeckten intensiver.

Das Menü bei den Cannaisseur-Abenden ist eine komponierte Abfolge von Essen und Cannabis. Zur Begrüßung gibt es Drinks ohne Alkohol, aber mit THC, dem Bestandteil von Cannabis, der den Rausch auslöst. "Psychoactive", sagen die Kellner deutlich dazu. Das ist Coreen Carroll wichtig, schließlich soll sich niemand unwohl fühlen, weil er sich zu viel zugemutet hat. Deshalb steht an der Bar auch ein großer Wasserspender. In ihm schwimmen nicht nur Gurkenscheiben, das Wasser ist auch mit CBD versetzt. Das ist der Cannabis-Bestandteil, dem die allermeisten gesundheitlichen Vorteile der Pflanze zugerechnet werden. Außerdem hat es eine beruhigende Wirkung und lindert den THC-Rausch. "Wem es also zu viel wird, der trinkt ein Glas Wasser", bittet Carroll. "Oder er bekommt eine Schultermassage von mir."

Bloß nicht wie eine dubiose Kifferhöhle wirken

Nach der Suppe legen die Kellner unauffällig Joints neben das Besteck, als wären es Kuchengabeln. Darin steckt, der Abend beginnt schließlich gerade erst, Cannabis von der Sorte Sativa. Das macht gute Laune und gibt Energie. Nach der zweiten Vorspeise folgt ein reiner CBD-Joint, um die ganze Sache wieder ein bisschen einzubremsen. Und nach der Hauptspeise dann ein Joint mit viel THC von der Sorte Indica. Das ist das Zeug, das sehr körperlich wirkt, beruhigend und einlullend, ein bisschen das Gegenteil von Sativa.

All das wissen natürlich auch die Mitarbeiter in den "Dispensaries", lizenzierten Geschäften für alle möglichen Cannabis-Produkte. Ihre Aufgabe ist es, die Kunden durch diese schicke und manchmal verwirrende Welt zu führen: "Für einen Tag mit Freunden am Strand? Probieren Sie mal dieses freundliche Gras aus Mendocino!"

Die Dispensaries sehen mal aus wie eine coole Hotel-Lobby, in der man an der Theke bedient wird, mal wie ein Bio-Supermarkt, durch den man mit Einkaufskörbchen schlendert, oder wie ein englischer Club, in dem sich die Mitarbeiter mit iPad zum Kunden auf das Ledersofa setzen, um sie zu beraten. Zwei Gemeinsamkeiten haben alle Dispensaries: Sie tun alles, um nicht wie eine dubiose Kifferhöhle zu wirken. Und: Die Auswahl ist enorm.

Natürlich gibt es noch das gute alte Gras, gerne auch in Bio-Qualität, Fairtrade oder aus von Frauen geführten Unternehmen. Wer zu faul ist zum Selberdrehen, findet große und kleine Joints in hübschen Packungen. Handgedreht, selbstverständlich, und deshalb nicht gerade billig: Sechs Stück kosten um die 50 Dollar.

Seit einiger Zeit sind Vaporisatoren stark im Kommen, kleine Stifte, die Cannabisöl verdampfen. In Kalifornien, wo kaum etwas so verpönt ist wie Rauchen, sind sie sehr praktisch. Viele tragen sie in der Jacke immer bei sich, auch in Bars sieht man immer wieder die kleinen Dioden an ihrem Ende aufleuchten.

Und weil viele Kunden sich nicht so genau auskennen mit den verschiedenen Sorten, nennen viele Hersteller ihre Stifte einfach nach der angeblichen Wirkung. Die Firma Dosist aus Santa Monica hat von "Relief" (gegen Schmerzen) über "Sleep" (für besseren Schlaf) bis "Arouse" (für Kreativität) oder "Bliss" (für gute Laune) sechs Varianten ihres eleganten weißen Stifts im Angebot. Und auch hier geht Komfort vor Preis. Ein Stift mit etwa 50 Zügen kostet 40 Dollar. Kiffen war schon mal billiger.

Von Gummibärchen bis Teebeuteln

Daneben liegen mit THC versetzte Gummibärchen in den Regalen, Pralinen oder Teebeutel. Es gibt CBD-Öle, die die Konzentration fördern sollen, Cremes gegen Gelenkschmerzen und Präparate für Haustiere. In der Kosmetikabteilung stehen Shampoos, Gesichtscremes und sogar einige Cannabis-Parfüms, wie das von Malin + Goetz für 165 Dollar: "Eine einzigartige und unerwartete Note." Das Ganze wird gerne auch nach Hause geliefert, innerhalb von einer Stunde an jedem Tag der Woche. Den Lieferdiensten sind allerdings Grenzen gesetzt: die des Bundesstaats Kalifornien. Denn auf nationaler Ebene ist Cannabis noch immer illegal. Die Produkte in einen anderen Bundesstaat oder ins Ausland zu bringen, ist verboten, sei es per Paket oder im Gepäck.

Und dann sind da die Angebote rund um Cannabis wie die Cannaisseur-Abende von Coreen Carroll: In einigen Studios kann man Yoga unter Cannabis-Einfluss machen, Privattrainer bieten Ausdauerläufe, Schwimmstunden oder Wanderungen, die nach dem Genuss spezieller Präparate angeblich spaßiger sind; Clubs kombinieren Cannabis und Musik. Die Sextherapeutin Ashley Manta hat es mit ihren Workshops zu einiger Berühmtheit gebracht, in denen sie Kunden beibringt, wie sie Cannabis in ihr Liebesleben integrieren.

Als alle Gäste gegangen sind, steht Coreen Carroll mit ihrem Mann zwischen den leeren Tischen. "Wir würden gerne mal so ein Dinner nach Berlin bringen", sagt sie. "Wann legalisiert denn endlich Deutschland?" Dann zündet sie sich und ihrem Mann noch einen letzten Joint an.

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Quelle:
SZ vom 18.05.2019/eca
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