Süddeutsche Zeitung

Ausstellungen:Im Bann des weißen Kaninchens

Von Salvador Dalí bis Tim Burton, von Gwen Stefani bis Vivienne Westwood: Unzählige Künstler ließen sich von "Alice im Wunderland" inspirieren. Eine Ausstellung erklärt die Faszination.

Von Anne Goebel

Schon vor dem Frühstück an sechs unmögliche Dinge denken? Nichts leichter als dies. Wie fühlt es sich noch mal an, beim Bäcker Schokocroissants einzukaufen ohne Hitzestau hinter der Maske? Oder: Was wäre passiert, wenn Christian Drosten etwas anderes als Virologie studiert oder Thomas Müller am gewittrigen Dienstagabend einen deutschen Torrausch losgetreten hätte? Macht schon mal drei Abwegigkeiten, die restlichen hätte man in schrägen Zeiten wie diesen auch blitzschnell beisammen. Aber, und das ist das Entscheidende, immer noch viel langsamer als ein kleines blondes Mädchen im blauen Kleid, dem dieses hübsche Spiel zu verdanken ist. "Believing six impossible things before breakfast": In keinem anderen Buch könnte eine so umwerfend einfache, witzige, bizarre Idee stehen als in Lewis Carrolls "Alice im Wunderland".

Die surrealen Abenteuer der jungen Heldin mit den artigen Söckchen, ihre Bekanntschaft mit dem weißen Kaninchen, der bösen Königin sind ein Klassiker der Kinderliteratur. 1865 erschien "Alice in Wonderland", sechs Jahre darauf der zweite Teil "Through the Looking-Glass" ("Alice hinter den Spiegeln"). Viel später folgten zahllose Adaptionen, Verfilmungen, Verfremdungen. Denn weil die Handlung beider Geschichten ständig ins Unlogische driftet, die Gedankengänge der Protagonisten von einer profunden Absurdität durchtränkt sind, wurde aus dem zweibändigen Werk auch ein Nonsense-Kultbuch für Erwachsene.

Natürlich gilt das vor allem für England, wo Carroll samt seinem Geschöpf zu den Nationalheiligen zählt. Aber eben nicht nur. Alices Fantasietrip, ihre Botschaft von den Abgründen, die sich hinter jeder schön gehüteten bürgerlichen Gewissheit auftun: Das wird überall verstanden. Genauso wie die Disney-Alice einst mit extraschmaler Taille Kinozuschauer auf der ganzen Welt entzückte. Und deshalb ist die neue Ausstellung im Victoria & Albert Museum nicht nur für die Londoner ein Ereignis, sondern für jeden Fan ein willkommener Anlass zur Wiederbegegnung mit einer bezaubernden Anarchistin. Logik, Regeln, das große Vernünftigsein: nicht mit Alice. Ihre Eskapaden könnten kaum passender sein in einer Zeit, in der Unsicherheit weiter zum Alltag gehört. Postpandemisch? Von wegen. Da kommt die Flucht ins imaginäre Reich der Kaninchen mit Taschenuhr gerade recht.

Wie Künstler von Salvador Dalí bis zu den Beatles sich schon früher von der Geschichte anregen ließen, ist genauso in der Ausstellung zu sehen wie Lewis Carrolls handgeschriebenes Manuskript oder ein "Queen of Hearts"-Kostüm aus dem Royal Opera House. Wer mag, kann Näheres über das Rezept von Starkoch Heston Blumenthal für Schildkrötensuppe erfahren, die im Buch eine traurige Rolle spielt. Besonders fruchtbar war und ist aber die Faszination, die "Alice in Wonderland" seit jeher auf die Mode ausübt. Das ist kein Wunder, in beiden Fällen geht es darum, sich zu verwandeln.

Das scheinbar brave blonde Mädchen, zu Hause in der lieblichsten englischen Landschaft, wechselt in seinen beunruhigenden Träumen ständig die Form, schrumpft, bringt fast ein Puppenhaus zum Zerbersten. Auch Mode steht für Veränderung, für die Option, in Rollen zu schlüpfen. Trotz dieser naheliegenden Parallele ist es überraschend zu sehen, wie viele Designer sich bei Alices Kleinmädchenlook bedient haben oder bei ihrer schrägen Teegesellschaft mit Zylinder. Miuccia Prada genauso wie Alexander McQueen, Viktor & Rolf oder zuletzt Maria Grazia Chiuri mit einem stilisierten Schürzenkleid, allerdings aus vamphaftem Leder.

Wobei am Anfang der umgekehrte Weg stand und herrschende Trends die fiktionale Figur beeinflussten. Wenn man die Disney-Verfilmung des Klassikers aus dem Jahr 1951 als Anfang bezeichnen kann: Zumindest für das breite Publikum war das die erste Begegnung mit dem unerschrockenen Mädchen, das zur Not auch mit einem lebenden Flamingo als Kricketschläger klarkommt.

Als der Film herauskam, war das Buch von Lewis Carroll seit fast einem Jahrhundert berühmt, ein kanonisches Werk und inspiriert von der wahren Bekanntschaft des Autors mit der Tochter eines Bekannten namens Alice Liddell. Auf zeitgenössischen Fotos ist sie eine junge Frau mit eigensinnigem Ausdruck. Ihre bis heute ikonische Gestalt bekam die Kunstfigur Alice jedoch in Walt Disneys Studio: Das blaue Kleid, die blonden Haare, von einem Band zurückgehalten, die schwarzen Schühchen. Und weil die Zeichnerin Mary Blair offenbar Gefallen am gerade erfundenen Pariser New Look hatte, verpasste sie ihrer Filmheldin einen stilgerecht bauschigen Rock mit schmaler Taille à la Dior. Das sind die typischen Alice-Attribute geblieben: niedlich, adrett, eine Spur besserwisserische Koketterie. Carrolls Zeitgenosse John Tenniel, ein politischer Karikaturist, hatte sie in der Erstausgabe von 1865 ernster gezeichnet, weniger putzig.

Für die Wissenschaftlerin Franziska Kohlt ist Alice vor allem wegen ihrer mehrdeutigen Persönlichkeit interessant. "Dass dieses Mädchen ständig Grenzen überschreitet, macht einen großen Teil ihrer Faszination aus", sagt Kohlt, die als Anglistin an der Universität in York lehrt und die Zeitschrift der Lewis Carroll Society herausgibt. Man könnte auch sagen: Alice ist nicht zu fassen. Sie ist optisch ein braves kleines Fräulein des viktorianischen Zeitalters, als weibliche Romanheldin aber eine bemerkenswerte Ausnahme. Sie spaziert am Beginn des Buchs mit ihrer großen Schwester durch eine wohlgeordnete Landschaft, entlarvt in ihrem Traumreich aber die Welt der Erwachsenen mit respektlosem Blick als groteskes Theater. "Alice ist einerseits angepasst. Aber sie fordert unsere Welt, unsere Sicht der Dinge auch permanent heraus", so Kohlt.

Klar, dass dieses Zusammenspiel aus Konvention und Regelverletzung Künstler, Designer, Modeschöpfer reizt. In den Sechzigern gab es eine erste große Alice-Welle, was einerseits mit dem hundertsten Geburtstag zu tun hatte. Natürlich passte ihr rebellisches Wesen auch ideal zum Hippie-Zeitgeist. Das "Imagine the impossible"-Mantra des Buchs - frei übersetzt: Wage, das Undenkbare zu denken -, dazu die ständig ihr Pfeifchen und womöglich Zusatzsubstanzen schmauchende Raupe, das schrille Gesamtpersonal: Das war eine große Seelenverwandtschaft, in der Ausstellung auf das Schönste ablesbar an einem Plakat der irren Grinsekatze aus dem Jahr 1967. Es ist sehr bunt, in psychedelischen Mustern gehalten und gekrönt von der Zeile "We're all mad".

Und heute, im 21.Jahrhundert? Heute hat Alice aus dem Wunderland, wie eine britische Journalistin treffend schrieb, ein "diversity problem". Sie ist weiß, privilegiert, sexuell möglicherweise noch nicht entschieden, aber mit ihrem Schürzendress gnadenlos als Mädchen konditioniert. Der Londoner Fotograf Tim Walker mit seinem Hang zu versponnen düsteren Szenerien hat sich des Problems vor vier Jahren auf ziemlich eindrückliche Weise angenommen. Für den Pirelli-Kalender ließ Walker das schwarze Model Duckie Thot samt Minimalkleidchen, himmelblau natürlich, als Alice im Puppenhaus posieren. Oder besser gesagt versucht Thot, ihre Beine in den extremen Plateausandalen irgendwo zwischen Minimöbeln und goldener Wandleiste zu platzieren.

Einerseits folgt die Aufnahme dem sexuell aufgeladenen Pirelli-Look. Gleichzeitig wird für den Betrachter deutlich, dass hier einer Frau, einer nicht weißen Frau zumal, klaustrophobisch enge Grenzen gesetzt werden. Als Stylist war Edward Enninful für das Shooting engagiert, der erste schwarze Chefredakteur der britischen Vogue. In den Augen von Franziska Kohlt sprengt Walker, im Wortsinne, mit seiner ambivalenten Bildsprache hier jede Regel. "Der Pirelli-Kalender funktioniert nach dem klaren Schema: Die Frau steht im Zentrum. Hier ist sie an den Rand gedrängt - und trotzdem der Magnet des Bildes. Das stellt die Konvention auf den Kopf." Ganz Alice-typisch also.

Wann immer in der Mode ein Hauch von Subversion gefragt ist, von leicht bizarrer Gegenkultur, wird "Alice in Wonderland" zitiert. Logisch, dass ein Fantasy-Regisseur wie Tim Burton sich 2010 des Stoffs annahm - und gerade Designer wie Vivienne Westwood, Rei Kawakubo von Comme des Garçons oder der traumverlorene Alessandro Michele von Gucci seinem Beispiel folgen. Wobei auch ein auf den ersten Blick harmloses Teil wie Miuccia Pradas Haarreif - Amanda Gorman machte ihn bei ihrem Auftritt als Inaugurations-Dichterin im Januar berühmt - als Anspielung durchgeht.

Kurz zurück zu Lewis Carrolls Buch. Für den Tagesgebrauch im weiterhin verwirrenden Alltag zwischen Hoffnung und Delta gibt es so viele wunderbare Nonsense-Zitate, dass die Auswahl schwerfällt. Wenn alles mal wieder besonders schräg ist, bietet sich der Kommentar "It's very Alice" an. Dass ein Sehnen nach alten Zeiten aber auch nichts bringt, hatte das famose Mädchen glasklar erkannt. "It's no use going back to yesterday, because I was a different person then." Zurück zu gestern? Sinnlos, denn da waren wir jemand anderer. Großartig.

"Alice: Curiouser and Curiouser", bis 31.Dezember. Victoria&Albert Museum London, www.vam.ac.uk

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