Süddeutsche Zeitung

Zweite Bundesliga:In schwindelerregenden Höhen

Gegen den SSV Jahn Regensburg legt die jugendliche Elf der SpVgg Greuther Fürth eine Reifeprüfung ab. Der 3:1-Sieg bringt die Mannschaft von Stefan Leitl auf einen Aufstiegsplatz.

Von Thomas Gröbner

Die Gefahr verortete Stefan Leitl vor der Partie auch in den süßen Worten, die seine Spieler vom Gegner ins Ohr geträufelt bekommen hatten. Sie spielen "den besten Fußball der Liga", so lobte Regensburgs Trainer Mersad Selimbegovic den Gegner, und solche Hymnen haben sie zuletzt häufig gehört. "So etwas kann ablenken", warnte Fürths Coach Leitl also. Ohren zu und durch, darauf hatte er sein Team eingeschworen vor dem bayerischen Zweitliga-Derby gegen Jahn Regensburg am Sonntagnachmittag.

Doch es erschien zunächst so, als wollten die Fürther Selimbegovic durchaus Recht geben, der sie auch nach dem 3:1 (1:1) der Spielvereinigung als "Mannschaft der Stunde" sah. Drei Minuten waren gespielt, da köpfte der Fürther Innenverteidiger Paul Jaeckel eine Ecke ins Tor zur frühen Führung. Regelmäßig tauchten die Franken vielversprechend vor dem Kasten der Regensburger auf: Kapitän Branimir Hrgota schoss hauchdünn am Pfosten vorbei (11. Minute), Havard Nielsen traf nur die Latte (27.). Das nächste Tor schien nur eine Frage der Zeit zu sein. Doch dann ließ Regensburg die Maske fallen - und zeigte ein anderes, grimmigeres Gesicht.

Die Spieler des Jahn trat plötzlich als jene Mannschaft auf, vor der Leitl gewarnt hatte: Mit Leidenschaft, Härte und einem Plan, wie sie die Fürther verwunden konnten, griffen sie an. Kurioserweise mutierte der junge Fürther Innenverteidiger Paul Jaeckel dabei zum gefährlichsten Regensburger Angreifer. Den Ausgleich erzielte er per Eigentor, als er einen Schuss von Albion Vrenezi unglücklich abfälschte, Keeper Sascha Burchert war machtlos (33.). Und es ging so weiter: Vrenezi traf die Latte - wieder hatte Jaeckel abgefälscht (42.). Die Fürther schienen zittrige Beine zu bekommen, und Jahn-Antreiber Vrenezi peitschte das Regensburger Spiel nach vorne. Gerade noch so konnte sich Leitls Team unbeschadet in die Kabine retten, "die Pause ist für Fürth gut gekommen", haderte Selimbegovic. "Eingesackt" sei das Kleeblatt in dieser Phase, sagte Jeackel später. Da aber widersprach sein Trainer energisch. "Ich kenn wenige Mannschaften, die nach einem Gegentor gleich wieder in die Spur sind", sagte Leitl: Nur drei, vier Minuten habe sich seine Elf schütteln müssen.

Regensburg blieb auch nach der Pause weiter giftig, aber so richtig gefährlich wurden die Gäste nur noch selten. "Wir hatten Phasen", sagte Selimbegovic später, aber eben nicht mehr.

Paul Seguin trifft zum fünften Mal im achten Spiel - er ist nun der torgefährlichste Spieler Fürths

Fürth legte dagegen eine erstaunliche Reife an den Tag für eine Mannschaft, die mit wenigen Ausnahmen vor allem mit jungen Fußballern ausgestattet ist. Und diese Jugend schäumte die Gegner weiter ein: Der mit Jaeckel frisch in die U21-Auswahl des DFB beförderte David Raum schlug eine Flanke nach Maß für Paul Seguin - der Strippenzieher im Mittelfeld traf zur Führung (56.). Für Seguin ist es schon das fünfte Tor im achten Spiel, er ist nun Fürths torgefährlichster Mann. Dann wollte auch Julian Green noch zeigen, warum er einst als großes Versprechen beim FC Bayern galt, und trat einen Freistoß, wie man ihn selten sieht in der zweiten Liga. Mit viel Drall schoss er den Ball von der Seite aufs Tor, er senkte sich hinter dem verdutzten Torhüter Alexander Meyer (62.). Ein Treffer, der an den Kunststoß von Toni Kroos bei der Weltmeisterschaft 2018 gegen Schweden erinnerte. Ein "Gegentor des Monats" fand Selimbegovic: "Das könnte man auch mit drei Torhüter nicht halten."

Regensburg konnte nun nicht mehr zulegen, es wurde deutlich, wie schmerzlich der unersetzliche Stabilisator Benedikt Gimber vermisst wird, der an einem Bluterguss in der Wade laboriert. "Es ist nicht schön, wenn dir dein Stammpersonal ausfällt, das gefällt auch dem FC Bayern und Barcelona nicht", sagte Selimbegovic. Und Jan Elvedi im Mittelfeld? "Er hat vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben auf diesem Niveau auf der Position gespielt." Nach der dritten Niederlage hintereinander wollte der Jahn-Trainer nicht von einem Knacks sprechen: "Ich sehe keine Krise, wir waren sehr oft auf Augenhöhe."

Sein Gegenüber Leitl konnte sich dagegen den Luxus erlauben, seine jugendliche Elf stetig weiter zu verjüngen. Er brachte in Anton Stach, 22 Jahre, Jamie Leweling, 19, Timothy Tillman, 21, Maximilian Bauer, 20, und Dickson Abiama, 22, gleich fünf Teenager. Der Ronhof wird dieser Tage wieder zur Ausbildungsstätte für junge Hochveranlagte.

Der Weg der Jugend führt in Fürth gerade in schwindelerregende Höhen - zumindest bis Montagabend bleibt die Leitl-Elf auf dem zweiten Platz. Dann hängt es am 1. FC Nürnberg, ob der VfL Osnabrück die Fürther wieder verdrängen wird. Vielleicht ist es einer der seltenen Momente, in denen in Fürth dem Nachbarn die Daumen gedrückt werden.

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SZ vom 23.11.2020
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