Süddeutsche Zeitung

Ukraine verpasst die WM:Es sollte nicht sein

Lesezeit: 4 min

In einer hochemotionalen Partie vergibt die Ukraine vor allem gegen Ende Chance um Chance - und unterliegt Wales mit 0:1. Für die Waliser ist die WM-Teilnahme ein historischer Erfolg, die ukrainischen Spieler kämpfen danach mit den Tränen.

Von Sven Haist, Cardiff

Untröstlich sank Andriy Yarmolenko, der Kapitän der ukrainischen Fußball-Nationalelf, auf dem Spielfeld des Cardiff City Stadium nieder. Der Angreifer hielt sich die Hände vors Gesicht, und ließ sich durch nichts und niemanden trösten - bis es seine Mitspieler letztlich irgendwie doch noch schafften, ihn zu überreden, sich zumindest von den eigenen Landsleuten vor der Gästetribüne zu verabschieden. Als Yarmolenko dort als letzter Spieler seines tief enttäuschten Teams eintraf, applaudierten die Waliser auf zutiefst rührende Weise den geschlagenen Ukrainern - die wegen eines Eigentors des mit den Tränen kämpfenden Yarmolenko die Qualifikation für die Weltmeisterschaft in Katar verpassten. Dieser entscheidende Treffer zum 1:0 am Sonntagabend bringt Wales wiederum erstmals nach 64 Jahren zum Weltturnier, an dem das kleine Land zuletzt 1958 teilnahm. Damals scheiterte Wales im Viertelfinale an Brasilien.

Egal, ob man es bei der Partie nun mit Wales oder der Ukraine hielt, das hochspannende Entscheidungsspiel um die WM ließ keinen unberührt. Speziell die 34. Spielminute nicht, als sich Yarmolenko ungeschickt in eine scharf getretene Freistoß-Schussflanke des Walisers Gareth Bale warf und den Ball unhaltbar ins eigene Netz ablenkte. Während Yarmolenko, früherer Angreifer von Borussia Dortmund, fassungslos auf dem nasskalten Spielfeld kauerte, feierten die Waliser ihren Ausnahmekönner Bale - mit minutenlangen Ovationen und Sprechchören.

Obwohl der bei Real Madrid in Ungnade gefallene Angreifer in dieser Saison bei seinem Klub nur in sieben Pflichtspielen zum Einsatz kam, gelang es ihm wieder einmal, sich im Nationaltrikot auf den Punkt in Topform zu präsentieren. Als Teil einer Doppelspitze neben Kieffer Moore war Bale an jeder Angriffsszene seines Teams beteiligt. Beinahe wäre ihm in der Schlussphase sogar ein eigener Treffer gelungen, freistehend vergab er nach dem Pfostentreffer seines Kollegen Brennan Johnson. Trotzdem reichte sein abgefälschter Freistoß aus der ersten Halbzeit zum Sieg aus, weil die Ukrainer eine ungeahnte Fülle an noch hochkarätigeren Tormöglichkeiten verstreichen ließen.

Die Zeitung The Guardian stufte das Playoff-Finale um das letzte verbliebene europäische WM-Ticket im Vorfeld als "Wales gegen den Rest der Welt" ein, in Anspielung an die globalen Solidaritätsbekundungen mit den kriegsgebeutelten Ukrainern. Doch innerhalb des mit 32 660 Zuschauern bis auf den letzten Platz gefüllten Stadions waren die Sympathien ausschließlich zugunsten der Waliser verteilt - bis auf circa 2000 Gästefans, darunter 100 aus der Ukraine nach Wales geflüchtete Menschen, die auf Initiative des walisischen Fußball-Verbandes zu dieser Partie eingeladen wurden. Trotz der Anzahl an Ticketanfragen zog es Wales vor, auch dieses Länderspiel nicht im wesentlich größeren, aber dafür weniger stimmungsvollen Millennium Stadium auszutragen, das in Cardiff fußläufig entfernt liegt.

Warum sich so entschieden wurde, deutete sich kurz vor Spielbeginn an. Da schmetterte Volkssänger Dafydd Iwan zusammen mit den walisischen Fans, der sogenannten Red Wall, seinen selbst geschriebenen Volkssong "Yma o Hyd". Das patriotische Lied preist den Überlebenswillen des Landes, trotz allen und allem "noch immer da" zu sein - wobei die Textzeilen eher zu den sich im Ausnahmezustand befindenden Ukrainern gepasst hätten, die erneut alle in Landesfahnen eingehüllt einliefen und mit aufmunterndem Applaus empfangen wurden.

Die Gastfreundschaft währte allerdings nur anderthalb Minuten, ehe der Waliser Joe Allen seinem Gegenspieler auf den Fuß stieg und dafür ebenso die gelbe Karte sah wie Daniel James, der sich darüber beklagte. Die körperbetonte Gangart der Waliser deutete sofort mehr Gegenwehr an, als die Schotten im Playoff-Halbfinale zu leisten imstande waren. Sichtlich gehemmt wirkten die Schotten am Mittwoch aufgrund des Dilemmas, den Konkurrenten die WM-Teilnahme zu gönnen.

Im Vergleich zu Schottland verlegte sich Wales ausschließlich aufs Kontern, mit zwei dichten Abwehrreihen versuchte Trainer Rob Page den Ukrainern ihre Spielstärke zu nehmen. Dies gelang jedoch lediglich in Form des Resultats. Denn anders als das 1:0 für Wales vermuten lässt, dominierten die Ukrainer durchweg die Partie, kamen zu zahlreichen Chancen - schienen allerdings stets an ihren Nerven zu scheitern und an Wales-Torwart Wayne Hennessey..

Vor allem die Offensivreihe um Spielgestalter Sintchenko, Linksaußen Tsygankov und Stoßstürmer Yaremchuk, die es aus allen Distanzen und allen Winkeln probierte, vergab hochkarätige Gelegenheiten. Stets stand der überragende Hennessey im Weg, der immer ein Körperteil an die vorwiegend flachen Schüsse bekam. Dabei machte ein heftiger Regenschauer in der Hafenstadt Cardiff am Bristolkanal den Platz für Torhüter unangenehm glitschig.

Wayne Hennessey wird zum Spieler des Spiels

Bezeichnend für das Nervenflattern der Ukrainer war ihre beste Gelegenheit: In der 55. Minute brachten nacheinander sowohl Tsygankov als auch Malinovskyi im Fünfmeterraum den Ball nicht über die Torlinie. Die Szene war sinnbildlich für die Endphase, als die Gäste auf ähnlich herzzerreißende Weise eine Chance nach der anderen versemmelten. Das tiefe Verantwortungsgefühl gegenüber der eigenen Nation schien in diesem entscheidenden Spiel zur großen Belastung zu werden. Doch wem wäre das nicht so ergangen?

Mit dem schieren Mut der Verzweiflung rannten die Ukrainer trotz schwindender Energie - nur vier Tage nach dem Schottland-Kraftakt - weiter an. Im Mittelpunkt stand Pechvogel Yarmolenko: Bei seinem aussichtsreichen Torschuss in der 78. Minute stand nur noch Wales-Verteidiger Ben Davies im Weg, der kurz vor der Torlinie seinen Versuch abblockte. Den Abpraller wiederum köpfte Karavaev für die Ukraine vorbei. Wenig später kratzte Torwart Hennessey den wunderbaren Kopfball des eingewechselten Angreifers Dovbyk aus dem Eck. Dann schoss Yarmolenko noch einmal drüber, der tragische Held der tapferen Ukrainer.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5597874
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ/schm
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.