Süddeutsche Zeitung

Volleyball:Ein Haus voller Baustellen

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Der neue Bundestrainer Vital Heynen hat noch nie eine Frauen-Mannschaft betreut - und muss die deutschen Volleyballerinnen nach dem Rücktritt von Hauptangreiferin Louisa Lippmann nun völlig neu ausrichten. Die Nations League bietet dem Belgier dafür den passenden Rahmen.

Von Sebastian Winter, München

Man kennt Vital Heynen als fröhlichen Menschen, der gerne und laut redet - und noch viel lauter lachen kann. Insofern müssen die vergangenen Wochen für den 52-jährigen Belgier, der sich bei einem Treppensturz zwei Rippen gebrochen hat, ziemlich schlimm gewesen sein. Eine Pause gönnte sich der neue Bundestrainer der deutschen Volleyballerinnen dennoch nicht, sondern arbeitete mit seinen Spielerinnen im Trainingszentrum in Kienbaum. Und das durchaus erfolgreich: Vergangene Woche besiegte die DVV-Auswahl Polen mit 3:2 und 3:1, danach sagte Heynen: "Den ersten Stein unseres Hauses haben wir gesetzt, aber die Nations League wird eine große Aufgabe. Wir haben in allen Elementen und auf allen Positionen noch Baustellen."

Die Nations League ist die Generalprobe für die Weltmeisterschaft im September in den Niederlanden und Polen - und zugleich ein über den gesamten Globus verteiltes Mammutturnier, bei dem die besten 16 Mannschaften der Weltrangliste in zwei Achtergruppen gegeneinander spielen. Für Heynens Mannschaft stehen zwölf Spiele auf dem Programm, beginnend mit dem Duell gegen Brasilien an diesem Mittwoch in Shreveport-Bossier City im US-Bundesstaat Louisiana. Die folgenden Gegner dort sind Südkorea, Japan und Polen. Mitte Juni geht die Reise weiter nach Brasilia, später nach Calgary. Sind die Frauen erfolgreich, spielen sie Mitte Juli noch das Finalturnier in Ankara.

Der Reiseaufwand ist im Gegensatz zum vergangenen Jahr, als das Turnier in der Corona-Blase in Rimini gespielt wurde, monströs, gerade für den klammen DVV, aber Heynen hat zugleich eine wichtige Mission. Denn der neue Mann an der Seitenlinie, der zuvor im Hallenvolleyball nur Männer trainiert hat, soll der Mannschaft eine neue Struktur und ein neues System verpassen - was eine Herausforderung werden dürfte.

Heynen baut in der Annahme auf einen Systemwechsel

Denn Heynen fehlt nicht nur Zuspielerin Denise Imoudu, 26, nach ihrem selbstgewählten Karriereende im vergangenen Jahr. Auch Hauptangreiferin Louisa Lippmann hat sich im April vom Hallenvolleyball verabschiedet. Auch weil die 27-jährige nach drei Jahren bei Klubs in Schanghai, Kaliningrad und Italien körperlich ausgelaugt war, und sie im DVV-Dress "leider nicht die großen Erfolge" hatte, "von denen ich immer geträumt habe", wie sie damals auf Instagram mitteilte. Lippmann wechselt nun ins Ressort Beachvolleyball und versucht dort ihr Glück. Und Heynen hat das Problem, in Imoudu und Lippmann die Dirigentin und Vollstreckerin verloren zu haben. Lippmanns Ersatz Kimberly Drewniok steht ihm auch erst zur WM im Herbst wieder zur Verfügung.

Heynen muss nicht nur den Wandel in der Hierarchie moderieren, sondern auch den Wechsel zu einem völlig neuen System. Denn der Belgier will künftig gleich drei Annahmeexpertinnen aufs Feld stellen - ein ziemlich außergewöhnlicher Schritt im Spitzenvolleyball. "So spielt niemand auf der ganzen Welt", sagte Heynen der Deutschen Presse-Agentur vor dem Start in die Nations League. Die Kapitänin und 180-malige Nationalspielerin Jennifer Janiska betont: "Wir haben einiges umgestellt und auch mal Spielerinnen auf anderen Positionen getestet. Aber natürlich spielen wir immer noch Volleyball und sechs gegen sechs."

Heynen soll die deutschen Frauen, die nach EM-Silber in den Jahren 2011 und 2013 zunehmend stagnierten und die vergangenen vier Olympischen Spiele verpassten, nun wieder in bessere Zeiten führen. Er selbst hat mit Polens Männern 2018 WM-Gold und EM-Bronze gewonnen, außerdem gelang im mit den DVV-Männern bei der WM 2014 der Bronze-Coup. Trotzdem war seine Nominierung im vergangenen Januar als Nachfolger von Felix Koslowski, der in seiner Doppelrolle als Bundes- und Klubtrainer des Schweriner SC nicht mehr glücklich war, eine Überraschung.

Heynen hat nun erfahrene Spielerinnen wie Hauptangreiferin Saskia Hippe (112 Länderspiele) von Olympiakos Piräus zurückgeholt. Ansonsten baut er auf den Nachwuchs: Von den 25 nominierten Spielerinnen, die in dieser Nations-League-Runde zum Einsatz kommen sollen, hatte bis zu den beiden Tests gegen Polen fast die Hälfte noch kein einziges A-Länderspiel bestritten.

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