Süddeutsche Zeitung

Verstorbener Leichtathletik-Kampfrichter:Tödliche Fehleinschätzung

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Er galt als erfahrener Sportbegleiter, doch vor dem tragischen Unfall hat ihn das nicht bewahrt: Ein 74-Jähriger kommt bei einem Leichtathletik-Meeting ums Leben, weil ihn ein Speer schwer verletzt. Womöglich hatte der Mann die Flugrichtung falsch berechnet - es ist nicht der erste schlimme Unfall bei Wurfwettbewerben.

Ulrich Hartmann, Düsseldorf

Der Aaper Wald im Norden Düsseldorfs ist normalerweise eine Idylle. Dort, im Stadtteil Rath, liegen Waldkindergarten, Waldspielplatz und Waldstadion gleich nebeneinander. Im Rather Waldstadion finden in jedem Sommer die Wilhelm-Unger-Spiele statt, benannt nach einem früheren Vorsitzenden des Allgemeinen Rather Turnvereins (ART). Das Sportfest ist Düsseldorfs ältester Leichtathletik-Wettkampf für Nachwuchsathleten. Am Sonntag wurde es bereits zum 66. Mal ausgetragen. Das Wetter war diesmal durchwachsen. Es war grau und regnerisch. Am Mittag ereignete sich eine Tragödie.

Um 13.20 Uhr lief gerade der Speerwurf der Jungen, ein 15 Jahre alter Athlet warf seinen Speer. Der 74-jährige Kampfrichter aus Düsseldorf, der für die Weitmessung eingeteilt war, hatte viel Erfahrung. Er engagierte sich schon seit zehn Jahren ehrenamtlich beim ART Düsseldorf, dem ausrichtenden Klub. Der Speer des Jungen soll etwa 40 Meter weit geflogen sein. Als sich der Kampfrichter von der Seite her offenbar bereits in den Zielsektor hinein bewegte, war das Gerät aber noch nicht gelandet.

Ungeklärt ist bislang, ob der Speer womöglich von einer Windböe erfasst wurde, jedenfalls traf er den Mann in den Hals und verletzte die Schlagader. Der stark blutende Kampfrichter wurde sofort notärztlich versorgt und später in die Uni-Klinik gefahren, wo eine Notoperation eingeleitet wurde. Die Veranstaltung mit rund 300 Teilnehmern wurde sofort abgebrochen. Sieben Personen erlitten einen Schock und mussten psychologisch betreut werden.

Der 74-Jährige erlag in der Nacht zum Montag seiner Verletzung. Die Polizei Düsseldorf hat ein so genanntes "Todesermittlungsverfahren" eingeleitet, um die Geschehnisse anhand von Zeugenaussagen rekonstruieren zu können. Man gehe zunächst aber von einem "tragischen Unfall aus", wie ein Sprecher betonte.

Belehrung vor jedem Wettkampf

Die Wettkampf-Organisatoren standen noch tags darauf unter Schock. "Vielleicht hat er gedacht, er könne die Flugbahn zuverlässig erahnen", sagte der Wettkampfleiter Jochen Grundmann über den Verunglückten. Grundmann ist zweiter Vorsitzender des Vereins: "Ob er sich verschätzt hat, ob es eine Windböe gab oder ob der Speer plötzlich abstürzte - das wissen wir noch nicht." Für den Vereinsvorsitzenden Klaus Wischnitzki ist der Unfall "eine Tragödie".

Die Organisatoren betonten am Montag gegenüber dem Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV), dass es auch am Sonntag vor dem Wettkampfbeginn die obligatorische Kampfrichter-Belehrung gegeben habe; die ist vor jedem Wettkampf verpflichtend. "Wir können nur immer wieder darauf hinweisen, wie wichtig diese Sicherheitsbelehrung ist", sagt DLV-Sprecher Peter Schmitt. Denn: "Gerade bei den Wurfwettbewerben kann es einfach gefährlich werden."

In den Internationalen Wettkampfregeln heißt es diesbezüglich: "Alle an Wurfwettbewerben beteiligten Kampfrichter und die Helfer an den Sektorenlinien haben den Flug des Wurfgerätes zu verfolgen, um sich selbst und eventuell auch außerhalb der Sektoren befindliche Personen im Gefahrenfall zu warnen." Nicht selten gehen erfahrene Kampfrichter dem fliegenden Speer aber bereits ein wenig entgegen, um den Landepunkt besser bestimmen zu können.

In der Leichtathletik kommt es nicht oft, aber doch immer wieder zu blutigen Unfällen bei Wurfwettbewerben. Im Mai 2005 war während der Halleschen Werfertage beim Hammerwurf der weiblichen A- Jugend ein 21-jähriger Kampfrichterhelfer, neben dem Zielsektor stehend, von dem vier Kilogramm schweren Hammer getroffen und schwer am Kiefer verletzt worden. 2007 wurde der französische Weitspringer Salim Sdiri während des Golden- League-Meetings in Rom direkt vor der Sprunggrube und rund zehn Meter neben dem Wurfsektor vom abgedrifteten Speer des ehemaligen Weltmeisters Tero Pitkämäki aus Finnland in den Rücken getroffen.

Sdiri, der den Flug des Speers nicht verfolgt hatte, erlitt eine Wunde von drei Zentimetern Länge und sieben Zentimetern Tiefe. Mit einer Fleischwunde kam im selben Jahr auch der tschechische Zehnkämpfer Roman Sebrle davon, als er während eines Trainingslagers in Südafrika vom Speer eines anderen Athleten an der Schulter getroffen wurde. Solch dramatische Folgen wie beim Todesfall von Düsseldorf gab es bei den vorangegangenen Zwischenfällen jedoch nicht.

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SZ vom 28.08.2012/ska
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