Süddeutsche Zeitung

Twente Enschede:Neue Enthüllungsplattform erregt den internationalen Fußball

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Von Matthias Schmid, München

Ob Youri Mulder auch ein paar Euro für seinen früheren Klub Twente Enschede spenden will, ist nicht überliefert. Der Verein könnte sein Geld aber gut gebrauchen. Die finanzielle Situation des niederländischen Meisters von 2010 ist so heikel, dass nun Fanklubs Geld sammeln, um eine Strafe von 42 500 Euro begleichen zu können, die Twente an den nationalen Verband KNVB zahlen muss. Enschede hat gegen Vorschriften für die Zusammenarbeit mit Investoren verstoßen und darf zudem drei Jahre lange nicht mehr an europäischen Wettbewerben teilnehmen; außerdem macht er die Vergabe der Lizenz von der weiteren Zusammenarbeit abhängig.

"Das ist wirklich eine tragische Sache", sagt Mulder. Der ehemalige Schalker Bundesligaprofi arbeitete bis zum Sommer vier Jahre lang als Assistenztrainer in Enschede. Er will von den ganzen dubiosen Verträgen mit dem maltesischen Unternehmen Doyen aber nichts gewusst haben, die erst durch eine portugiesische Hacker-Gruppe an die Öffentlichkeit gelangten, die sich in Anlehnung an die Enthüllungsplattform WikiLeaks "Football Leaks" nennt. "Bis zur Veröffentlichung der geheimen Dokumente wusste ich nicht, dass diese Seite existiert", sagt Richard Peters.

Die Whistleblower aus Portugal treten erst seit Oktober in Erscheinung

Mit seiner Ahnungslosigkeit ist der Mediendirektor von Twente Enschede im Fußball nicht allein. Denn erst seit Oktober dieses Jahres treten die portugiesischen Whistleblower in Erscheinung. Und die bisherigen Enthüllungen lassen darauf schließen, dass Football Leaks künftig noch massiven Einfluss auf den internationalen Fußball nehmen kann - und auch will, wie der Gründer der Plattform gegenüber der New York Times bestätigte.

"John" nennt er sich und gibt sich ansonsten ziemlich geheimnisvoll. Über den inneren Zirkel, die Vorgehensweise und über die Beschaffung der Informationen seiner Organisation mag John nicht sprechen, er gibt lediglich zu, dass sie "Ungereimtheiten im portugiesischen Fußball in Zusammenhang mit T.P.O. aufdecken wollen".

Hinter der Abkürzung steht vor allem ein in Südamerika und in Portugal häufig praktiziertes System, das sogenannte "Third-Party Ownership". Damit können Investoren Transferrechte an jungen Fußballern erwerben und so vergleichsweise günstige Wechsel zu anderen Klubs einleiten, um später beim Weiterverkauf hohe Provisionen abzukassieren. Der Fußball-Weltverband Fifa hatte dieses fragwürdige Geschäftsmodell Anfang des Jahres verboten, weil sich Unternehmen vor allem in Not geratene Klubs aussuchten und so die Vereinspolitik beeinflussten.

Bei Twente stieg Doyen 2014 ein und investierte etwa 5,5 Millionen Euro, um im Gegenzug die wirtschaftlichen Rechte an fünf Profis zu erhalten. Wie die Football-Leaks-Dokumente nun enthüllten, sahen die Verträge auch dann eine verbindliche Provision an Doyen vor, wenn Twente sich weigerte, einen der fünf Spieler weiterzuverkaufen. Es war also ein sittenwidriger Vertrag, der die finanzielle Not von Twente noch vergrößerte, weil der Klub seine besten Spieler trotz der Millionenzuwendung verkaufen musste. Ein Doyen-Sprecher bestätigt die Echtheit der Dokumente, klagt aber an, dass Football Leaks sie mit ihren gehackten Informationen erpresst habe.

"Das ist nun eine politische Angelegenheit", sagt Francisco Empis. John weist die Vorwürfe zurück und erklärt, dass portugiesische Behörden zwei ihrer Webseiten auf Druck Doyens nun abgestellt hätten. Und selbst einer ihrer russischen Provider, die sie nutzen, sei nicht mehr erreichbar.

Auch die betroffenen Fußballklubs erheben schwere Vorwürfe gegenüber Football Leaks und fordern die Polizei auf, sich die Plattform genauer anzusehen. Laut der spanischen Zeitung As stufen portugiesische Behörden sie als "kriminelle Vereinigung" ein. Sporting Lissabon zum Beispiel erstattete Anzeige, kurz nachdem Football Leaks belastende Dokumente über undurchsichtige Zahlungen veröffentlichte. Präsident Bruno de Carvalho vermutet hinter den Hackern sogar Anhänger von Benfica, weil sie über Sportings Stadtrivalen nur Irrelevantes veröffentlicht hätten.

Twente Enschede will mit dem niederländischen Verband in jedem Fall kooperieren. Auch die Fifa wird sich mit Football Leaks beschäftigen. John mag nicht aufgeben, versichert er, "obwohl der Kampf immer härter wird". 300 Gigabyte an Material müssten sie noch sichten. Für viele Fußballer dürfte das bedrohlich klingen.

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Quelle:
SZ vom 17.12.2015
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