Süddeutsche Zeitung

TSV 1860 München:Magaths blauer Pullover

  • Necat Aygün ist der neue Sportchef des TSV 1860 München und Nachfolger von Gerhard Poschner.
  • Wie lang der 34-Jährige das Amt übernimmt, ist unklar. Interessierte Kandidaten bringen sich bereits ins Spiel.
  • Felix Magath bekennt sich während des Amateur-Derbys zwischen Sechzig und Bayern zu seiner Lieblingsfarbe: Blau.

Von Markus Schäflein

Necat Aygün will nicht reden, er will "erst einmal arbeiten". Es mag ungewöhnlich sein, dass sich der neue Sportdirektor eines Profivereins nicht öffentlich vorstellt, andererseits handelt es sich beim TSV 1860 München ja auch um einen ungewöhnlichen Verein. Es weiß niemand, wie lange Aygün im Amt bleibt - und ob es sich überhaupt lohnen würde, ihn vorzustellen. Nachdem der vom Geschäftsführer zum Sportchef degradierte Gerhard Poschner am Donnerstag seine fristlose außerordentliche Kündigung öffentlich gemacht hatte - die er schon drei Tage vorher intern abgegeben hatte - , teilten die Löwen mit: Der bisherige Scout und frühere Innenverteidiger Aygün übernehme die Position - die er wohl schon drei Tage vorher übernommen hatte - "bis auf Weiteres". Trainer Torsten Fröhling merkte in der Pressekonferenz, zu der Aygün nicht erschien, süffisant an, dass "bis auf Weiteres auch drei Jahre bedeuten" könne.

So ist es ganz sicher nicht geplant. Allerdings ist es durchaus möglich, dass Aygün, 34, die noch bis zum 31. August andauernde Transferperiode verantwortlich betreuen wird; denn die Entscheidungsprozesse beim TSV können sich hinziehen. Die Wege des Löwen sind nach wie vor nicht nur unergründlich, sondern auch weit, sie führen stets von München über Abu Dhabi und wieder zurück. Zuletzt hatte sich das Übergangspräsidium um Siegfried Schneider mit dem jordanischen Investor Hasan Ismaik darauf verständigt, diese Wege zu verkürzen, indem Ismaik die ihm zustehenden Positionen in den Gremien des Profifußball-KGaA von 1860 mit Vertretern aus Deutschland besetzt; passiert ist dies bislang nicht. Kandidaten für den Posten müssen also erst einmal bei Ismaik selbst oder bei dessen Bruder Abdelrahman Ismaik vorstellig werden.

Aygün tritt vor die Kamera

In der Halbzeitpause der Zweitliga-Partie am Samstag gegen Freiburg, die mit einer unglücklichen 0:1-Niederlage endete, trat Aygün dann doch auf - im Bezahlfernsehen redete er viel, sagte aber wenig und bewies damit, dass er über dieses Qualifikationsmerkmal seines unverhofften Jobs schon mal verfügt. Eine Anmerkung rutschte Aygün dann aber doch heraus: dass die Situation "eine Chance" für ihn sei. Einen Stürmer, einen Spielgestalter und einen rechten Verteidiger sollte Aygün im Idealfall noch anschleppen bis Transferende; einige Vorarbeit ist angeblich geleistet worden, nach Poschners Kündigung tauchte plötzlich eine ganze Reihe von Spielern in den Medien auf, mit denen der frühere Sportchef noch verhandelt hatte.

Die Partie gegen Freiburg bewies deutlich den Handlungsbedarf. Auf der Sechserposition fehlte der für den Spielaufbau eingeplante Gary Kagelmacher, weil er mangels Alternative als Rechtsverteidiger wirken musste. Obwohl die Münchner eine für ihre Verhältnisse bissige, mutige und strukturierte Vorstellung boten und den Bundesliga-Absteiger in der zweiten Hälfte dominierten, entwickelten sie kaum Torgefahr.

Fünf Stürmer bringen keinen Erfolg

Stattdessen trafen die Freiburger mit einem von Torjäger Nils Petersen verwandelten Foulelfmeter (75.), SC-Trainer Christian Streich bemerkte zurecht: "Normalerweise muss man besser spielen, um zu gewinnen." Sechzigs Kapitän Christopher Schindler stellte fest: "Wir haben Freiburg über 90 Minuten zu langen Bällen und Rückpässen gezwungen, wir haben sie fast auseinandergeschraubt. Aber wir müssen mehr Torchancen herausarbeiten, in der zweiten Halbzeit gab es ein paar, aber auch nicht die hundertprozentigen." Und das, obwohl am Ende gleich vier gelernte Stürmer sowie der als Stürmer gebrachte Innenverteidiger-Zugang Rodnei im Freiburger Strafraum und drumherum lauerten. "Wir haben aus dem körperlichen Vorteil zu wenig gemacht", sagte Schindler.

Tags darauf, beim Münchner Derby der Regionalliga-Mannschaften des TSV 1860 und des FC Bayern (0:0), saßen dann zwei potenzielle Sportchefs auf der Tribüne. Christian Ziege, zuvor Trainer der SpVgg Unterhaching in der dritten Liga, hatte sein Interesse bereits überdeutlich zum Ausdruck gebracht ("Sechzig ist ein schlafender Riese. Ich habe zwar mit niemandem gesprochen, aber das wäre eine sehr reizvolle Aufgabe"). Subtiler zeigte der ebenfalls in München wohnhafte Felix Magath seine Sympathie, er trug einen blauen Pulli ("Blau ist meine Lieblingsfarbe").

Das ehemalige 1860-Präsidium um Gerhard Mayrhofer hatte einen Einstieg Magaths vor einigen Wochen bereits vorbereitet. Doch Investor Ismaik sprach sich mehrmals gegen Magath aus - und so war diese Idee vom Tisch, nachdem der Versuch gescheitert war, Ismaik von einem Verkauf seiner Anteile zu überzeugen, und Mayrhofer zurücktrat. Im Zuge der Umbaumaßnahmen unter dem Interimspräsidium wurde unlängst Ismaiks Cousin Noor Basha zum Geschäftsführer gemacht.

Unergründliche Zukunft bei 1860

Ein gelernter Pharmazeut als Verantwortlicher einer Profifußballfirma; ein Präsidium, das nur noch bis zur nächsten Mitgliederversammlung im Herbst amtiert; ein Investor, dessen Motivlage und Wünsche nach wie vor schwer zu begreifen sind - zu diesem Status quo sagte Magath am Rande des Spiels bei Sport 1: "Sechzig ist in einer schwierigen Situation. In ein paar Wochen ist Jahreshauptversammlung, die gilt es abzuwarten." Und auf die Frage, ob Sechzig München schon mit ihm gesprochen habe, antwortete Magath angesichts der komplizierten Personallage: "Wer ist Sechzig München?" Das war eine ziemlich gute Frage.

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SZ vom 03.08.2015/tbr
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