Süddeutsche Zeitung

TSV 1860 München im Abstiegskampf:Verborgen hinter einem weiß-blauen Absperrband

  • Beim TSV 1860 München, auf den vorletzten Tabellenplatz abgerutscht, ist Unruhe zu beobachten - und eine neue Dimension des Kuriosen.
  • 1860-Trainer Torsten Fröhling sagt einen Kurztrip ab, die Spieler trainieren hinter einem Absperrband und die Kiebitze prosten sich nachdenklich zu.
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Vom Trainingsgelände von Philipp Schneider

Auf dem Gelände des TSV 1860 München hat sich schon manch kurioses Ereignis zugetragen. Einmal etwa tagte hier der Aufsichtsrats fast für die Dauer einer ganzen Nacht, an deren Ende die Verpflichtung des Welttrainers Sven-Göran Eriksson verkündet wurde, der dann aber doch nie erschien. Auch wurde mal ein Plastiklöwe auf der Ladefläche eines kleines Trucks abtransportiert, was für große Aufregung sorgte, weil der Plastiklöwe eigentlich schon immer vor der Geschäftsstelle gestanden hatte.

Zuletzt wurde zudem ab und an mal ein Geheimtraining hinter blickdichten Wänden abgehalten an der Grünwalder Straße, und so ein Geheimtraining sorgt beim gerne mal transparenten Fußball-Zweitligisten aus München immer für große Aufregung. Die Geschehnisse am Montagvormittag entsprachen aber doch einer neuen Dimension des Kuriosen.

Ein Absperrband (natürlich in Weiß-Blau) versperrte den Zutritt zum hinteren Trainingsplatz; zwei Ordner hatten es gespannt zwischen Fanshop und vorderem Trainingsplatz. Die Idee hinter der Maßnahme war nicht sofort zu ergründen, zumal auch aus der Ferne gut zu beobachten war, dass die Spieler keine taktischen Laufwege einstudierten, sondern schlicht Kreise um den Platz drehten. Wollte Trainer Torsten Fröhling sein wöchentliches Auslauftraining vor der Öffentlichkeit geheim halten? Oder sollten wütende Fans am Tag nach dem 0:3 gegen Union Berlin von der Mannschaft ferngehalten werden? Dafür war eigentlich zu wenig los rund um das Löwenstüberl: Auf einem Stuhl saß ein nachdenklicher, wenngleich höflicher Rentner im blauen Hemd. Und auf einer Bierbank hockten zwei schweigende Biertrinker im Trainingsanzug. Sie prosteten sich zu. Mehr war nicht.

"Bei mir gibt's kein Straftraining"

Alle Theorien seien Quatsch, sagte Thomas Blazek, Sechzigs Mediendirektor, als er antrat, um die große Aufregung um das geheimnisvolle Geheimtraining medienwirksam abzubügeln: "Wo sollen die krawallmachenden Leute denn herkommen an einem Montagvormittag?" Ähnlich sah das auch Fröhling, nachdem er mit seinen Spielern das nur vorübergehend zu Boden gelassene Absperrband in Gegenrichtung wieder passiert hatte. Bei dem kurzfristig geplanten geheimnisvollen Geheimtraining sei es lediglich darum gegangen, "unter uns zu sein, wir mussten gestern eine bittere Niederlage einstecken".

Ob er also eher in aller Ruhe ein Straftraining habe abhalten wollen?

"Bei mir gibt's kein Straftraining", sagte Fröhling: "Die Spieler wollten das so."

Ungewöhnliche Zeiten, ungewöhnliche Maßnahmen

Ungewöhnliche Zeiten erfordern ungewöhnliche Maßnahmen, auch bei Sechzig, das am Sonntag auf den vorletzten Tabellenplatz abgerutscht ist. Drei Spiele vor Saisonende ist der Abstieg kein unwahrscheinliches Szenario mehr, Fröhling sagt: "Man kann verlieren, aber dann muss man so vom Platz gehen, dass man kaum mehr laufen kann. Das habe ich vermisst, und das haben auch die Jungs vermisst, und das werden wir jetzt am Freitag ändern."

Am Freitag spielt Sechzig beim FSV Frankfurt, danach folgen ein Heimspiel gegen Nürnberg und eine Partie bei Aufstiegskandidat Karlsruhe. Ein anspruchsvolles Restprogramm, das Fröhling am Sonntagabend veranlasste, vom Flughafen zurückzukehren, von wo aus er ursprünglich zu einem, offenbar wichtigen, Kurztrip nach Hamburg aufbrechen wollte. Auch weil ihn dort, noch bevor er den Check-In-Schalter passierte, die Erkenntnis überkam, dass im Spiel gegen Union Berlin "bei uns irgendwas drin war, dass nicht alle ihre Leistung abrufen konnten". Eine höfliche Unschreibung war das angesichts jenes fußballerischen Auftritts, den Innenverteidiger Guillermo Vallori treffender als "Geschenk für den Gegner" bezeichnete. "Das Problem sind wir", sagte Vallori. "Wir müssen kämpfen wollen."

Dass die Mannschaft (mit Ausnahme einer achtminütigen Drangphase vor dem 0:2 in der 79. Minute) gegen Union Berlin erschreckend lustlos gespielt hatte, wollte am Tag nach der Niederlage niemand beschönigen. Die Frage sei, weswegen "80 Prozent" seiner Spieler keine Normalform erreicht hätten, rätselte Fröhling. Eine Antwort hat er noch nicht gefunden. Das legt allein sein kurioser Plan nahe, ein geheimes Straftraining abhalten zu wollen.

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SZ vom 05.05.2015
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