Süddeutsche Zeitung

Trainer Stefan Effenberg:Win-win in Ostwestfalen

Von Ulrich Hartmann, Paderborn

Die Leser einer Paderborner Lokalzeitung durften in dieser Woche abstimmen, wen sie sich nach der Entlassung von Markus Gellhaus als neuen Trainer für den Fußball-Zweitligisten SC Paderborn wünschen. Bei solchen Internet-Abstimmungen gewinnen oft kuriose Kandidaten, weil viele Nutzer sich einen Spaß damit machen.

Die Abstimmung in diesem Fall gewann tatsächlich ein umstrittener Ex-Fußballer, der nach seiner aktiven Karriere hierzulande nie eine Anstellung als Trainer erhalten hatte und stattdessen als Fernseh-Kommentator und mehr noch mit privaten Geschichten in den Klatschblättern von sich reden machte. 26 Prozent der Paderborner Fußballfans wünschten sich demnach: Lothar Matthäus.

So weit sind sie in Paderborn dann doch nicht gegangen. Der Sportclub, der im Sommer aus der Bundesliga abgestiegen war und nach zehn Saisonspielen derzeit auf dem viertletzten Tabellenplatz der zweiten Liga steht, hat am Dienstag Stefan Effenberg als neuen Trainer verpflichtet. Der 47-Jährige hat nach Verhandlungen im Feriendomizil des Klub-Präsidenten Wilfried Finke auf Mallorca einen Vertrag bis zum 30. Juni 2017 unterschrieben und wird an diesem Mittwochmittag in Paderborn der Öffentlichkeit präsentiert. Am Nachmittag leitet er die erste Trainingseinheit, am Freitag wird er beim Heimspiel gegen Braunschweig auf der Bank sitzen.

Als Assistenztrainer bringt er Sören Osterland mit; der 29-Jährige trainierte zuletzt die U19-Junioren von Ungarn. Effenberg hat ihn in der Trainer-Ausbildung 2012 kennengelernt, als beide erfolgreich den 58. Fußballlehrer-Lehrgang an der Hennes-Weisweiler-Akademie absolvierten.

Der gebürtige Hamburger und Wahl-Münchner Effenberg hat für Mönchengladbach, den FC Bayern und Wolfsburg gespielt und seine Laufbahn 2004 in Katar beendet. Aus seinem Trainer-Wunsch hat er nie ein Hehl gemacht und gerne erzählt, dass es zwar Anfragen gegeben habe, aber dass "es auch passen und im betreffenden Verein Potenzial vorhanden sein muss". Zweimal habe er sich deshalb "gegen eine Sache entschieden".

Er hat nie verraten, welche Vereine das waren. Seinen Fußballlehrer-Schein hatte Effenberg auf Anraten seines früheren Bayern-Trainers Ottmar Hitzfeld gemacht, mit dem er 2001 die Champions League gewann. Mehmet Scholl, der Karlsruher Trainer Markus Kauczinski und der Stuttgarter Trainer Alexander Zorniger saßen im selben Lehrgang, Zorniger als Jahrgangsbester.

Einst die Mittelfinger-Geste etabliert

"Stefan Effenberg kann ein großer Trainer werden, weil er die nötige Führungsqualität hat", sagt Hitzfeld nun, "er kann andere begeistern und gut mit Druck umgehen." An Effenbergs Führungs- und Fußball-Kompetenz hat kaum je Zweifel bestanden, aber seine Konfrontationslust und sein Image dürften bei manchem Verein schwerer gewogen haben.

Effenberg hat einst die Mittelfinger-Geste etabliert, in einem Playboy-Interview pauschal Arbeitslose diskreditiert und sich jüngst auf der Heimfahrt vom Oktoberfest mit 1,4 Promille Alkohol im Blut erwischen lassen. "Bei mir können schon mal die Emotionen rauskommen", sagt Effenberg. Seine Ehefrau Claudia verriet jüngst, ihr Mann lese gerne Biografien über Serienmörder.

Was der Fußballexperte mit den großen Ansprüchen nun ausgerechnet beim abstiegsgefährdeten Zweitligisten SC Paderborn in Ostwestfalen-Lippe will, erklärt sich vorrangig aus der Reihe vergangener Trainer, die sich in Paderborn schon einen Namen machen konnten: 2005/06 reüssierte dort der spätere Gladbacher, Augsburger und Berliner Trainer Jos Luhukay, zwischen 2009 und 2011 coachte die Ostwestfalen der derzeit erfolgreiche Gladbacher Interimstrainer André Schubert, 2011/12 machte dort erstmals der heutige Leverkusener Trainer Roger Schmidt von sich reden; und zuletzt brachte der heutige Schalker Trainer André Breitenreiter die Paderborner zum ersten Mal für ein Jahr in die Bundesliga - wenn man auch gleich wieder abstieg. "Die eindrucksvollen Karrieren meiner Vorgänger zeigen, dass Paderborn für den Einstieg ins Trainermetier eine Top-Adresse ist", sagt Effenberg.

Vor allem scheint er sich gut mit dem allmächtigen Präsidenten Wilfried Finke zu verstehen. "Die Chemie passt", sagt der Möbelfabrikant, der neben dem Stadion sein Einrichtungshaus stehen hat. "Nach dem Bundesliga-Abstieg, dem Umbruch im Team und der Trennung von Trainer Gellhaus erscheint es uns jetzt sinnvoll, einen Coach mit Führungskompetenz und einer Karriere als hochklassiger Spieler zu verpflichten", sagt Finke. Die Zusammenarbeit sei eine "Win-win-Situation". Das Interesse an Wilfried Finkes SC Paderborn dürfte Stefan Effenberg jedenfalls auf ein bislang ungekanntes Ausmaß steigern können.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.2690604
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 14.10.2015
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.