Süddeutsche Zeitung

Tennis:Der Sohn des Tänzers

Nikolos Bassilaschwili aus Georgien verfügt über ein beeindruckend mächtiges Spiel, mit dem er in München den Titel gewann - und das auch schon Roger Federer zu spüren bekam.

Von Gerald Kleffmann, München

Als Nodar jung gewesen war, sei der mit dem georgischen Nationalballett durch die Welt gereist, erzählte Nikolos Bassilaschwili am Sonntag. Sein Vater, der Tänzer, habe nichts mit Tennis zu tun gehabt, "aber er war fasziniert von dem Sport und verliebte sich im Ausland ins Tennis". In Georgien, in Tiflis, wo Bassilaschwili heute noch lebt, sei diese Disziplin "nicht so groß". Als er, Nikolos, dann aufwuchs, habe ihn Papa Nodar ermutigt, den Schläger zu schwingen. "Als ich Profi wurde, entwickelte ich auch mehr Leidenschaft für den Sport. Davor war es eher für die Eltern", gibt Bassilaschwili zu. So begann seine Geschichte.

29 Jahre ist er inzwischen alt, also nicht mehr der Jüngste in seinem Metier, aber er hat ohnehin seine eigene Zeitrechnung: "Ich startete meine eigentliche Karriere sehr spät. Ich würde sagen, ich begann erst so richtig, als ich mit Jan begann. Auch wenn ich schon vorher in den Top 100 war." Jan ist Jan de Witt, der renommierte deutsche Trainer aus Halle, der schon Andrea Petkovic und Gaël Monfils betreut hat. Seit kurzem arbeiten der Coach und Bassilaschwili nicht mehr zusammen. Aber für Bassilaschwili steht fest: Ohne seinen Vater und Jan de Witt wäre er nicht da, wo er gelandet ist.

Bassilaschwili ist keiner, gegen den andere gerne spielen. Weil in ihm ein mächtiges Spiel schlummert, das er auch manchmal auf furchterregende Art auspackt. 2019, nach seinem zweiten Sieg beim Turnier in Hamburg, war er schon mal 16. der Weltrangliste. Aktuell ist er auf Platz 30. Im März erst hatte er demonstriert, zu was er auch fähig ist. In Doha besiegte er den großen Roger Federer (wenn auch bei dessen Comeback-Turnier) und holte den Titel. Am vergangenen Sonntag triumphierte Bassilaschwili erneut. Bei den BMW Open in München triumphierte er zum fünften Mal auf der ATP Tour, ohne Satzverlust. Im Finale gegen den Warsteiner Jan-Lennard Struff (6:4, 7:6) bestach er, wie so oft, mit brachialen Grundlinienschlägen. Manchmal sieht es bei ihm aus, als schwinge er ein Laserschwert, dann schlägt es ein. "Ich fühle mich gut zurzeit", sagte er nur und schaute ernst. Eigentlich schaut er immer ernst.

Münchens kleines, feines Turnier hat schon viele große Sieger hervorgebracht, man denke nur an 2015, als Andy Murray siegte. Oder an 2017 und 2018, als Alexander Zverev der Beste war. Bassilaschwili zählt sicher zu den öffentlich unbekannteren Namen (selbst seine Bundesliga-Einsätze für den TC Großhesselohe gingen in München unter), was auch daran liegen mag, dass er nicht zu einer Generation gehört wie die der jüngeren Zverevs & Co., die als "NextGen" viel beworben wurde. "Wenn ich mal in Pressekonferenzen sitzen kann, muss ich schon Endspiele erreichen", erkannte Bassilaschwili. "Das ist in Ordnung. Es motiviert mich. Wahrscheinlich muss ich die Top Ten erreichen, um mehr in den Medien zu sein." Sein Englisch ist gut, aber er wählte seine Worte mit Bedacht. Fast misstrauisch wirkte er. Es war schwer zu sagen, ob das sein Wesen ist oder ab es damit zu tun hat, dass seit letztem Jahr ein gewisser Schatten sein Leben begleitet.

"Ich will Frieden in mir finden"

Bassilaschwili hatte früh, mit 21, geheiratet. Seine Scheidung 2019 verlief alles andere als geräuscharm, seine Ex-Frau, Mutter des gemeinsamen sechsjährigen Sohnes, erhob Vorwürfe wegen häuslicher Gewalt. Bassilaschwili beteuerte seine Unschuld, noch ist der Fall offenbar nicht geklärt, in München sagte er nur einmal ganz allgemein: "Ich will Frieden in mir finden", und: "Ich konnte auch Ende des letzten Jahres und zu Jahresbeginn nicht so viel auf Jans Hilfe zurückgreifen, weil ich mit einigem zu tun hatte abseits des Platzes."

Sein Tennis sprach dafür eine umso klarere Sprache, wobei seine entschlackte Spielweise - Vorhand, Rückhand, Schuss - Konzept ist: "Tennis ist für mich kein so komplexer Sport. Ich betrachte die Dinge einfacher", erklärte Bassilaschwili, der mit seinen Auftritten in München natürlich zufrieden war: "Ich habe mich verbessert, ich bewege mich schnell, ich mache weniger Fehler", sagte er, und, ja, er sei "hungrig" auf dieses Turnier gewesen. Auch wegen des Siegerautos, das er nun nach Tiflis transportieren lassen darf. "Es ist ein Preis, ich werde ihn behalten, er bedeutet mir viel", betonte er. Das war einer dieser Momente, in denen zu spüren war, dass er sich durchkämpfen musste. Bassilaschwili wurde nicht viel geschenkt, als Talent profitierte er nicht, wie Jungprofis heute, von Wildcards und freien Startplätzenren. "Ich konnte nie leicht Erfahrungen sammeln. Ich musste Schritt für Schritt gehen", schilderte er. "Wir kannten auch keine professionellen Leute, wir hatten ja nichts mit Tennis zu tun."

Ein-, zweimal lächelte er sogar. Er möge schwere Bedingungen, sagte er etwa, als er erklären sollte, warum er nun schon dreimal in Deutschland gewann. Auch in München war das Wetter mal wieder wechselhaft. Aber selbst bei der Frage, was er über die bayerische Lederhose denke, die er noch erhielt, wurde er ernst. "Es war cool, sie zu tragen. In Georgien haben wir ja auch nationale Kleidung", antwortete Bassilaschwili. Höflich ist er in jedem Fall, der Sohn des Tänzers aus Georgien.

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