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Turnier in Berlin:Im Flugzeughangar fliegen die Tennisbälle

In Berlin geht es von Rasen auf Hartplatz. Eine knifflige Umstellung für die Tennisprofis. Doch die Herausforderung ist Teil eines größeren Plans - ebenso wie der ungewöhnliche Spielort.

Von Barbara Klimke, Berlin

Er ist in Parks, Klubanlagen, Stadien, Messehallen und Olympiastätten angetreten. Aber nie an einem Ort mit so gewaltigen Ausmaßen: 6200 Quadratmeter groß, mehrere Stockwerke hoch, dazu ein Ausblick durch weit geöffnete Stahltore auf ein Rollfeld und einen passend ins Panorama geschobenen historischen Flieger. Eine ungewohnte Kulisse, befand Dominic Thiem, der mit 26 Jahren als Tennisprofi ziemlich weit herumgekommen ist: "Vielleicht spielt man ja nur einmal in seinem Leben in einem Flugzeughangar."

Seine bislang letzte Dienstreise hat ihn in dieser Woche vom Berliner Grunewald zum alten Flughafen Tempelhof geführt. Zwölf Kilometer liegen zwischen den Spielstätten der zwei Mini-Schauwettkämpfe. Aber auf Profis wie Thiem wirkte die Distanz, als habe man sie nicht vom Stadtrand ins Zentrum chauffiert, sondern von einer Welt in eine andere gebeamt. Das lag weniger daran, dass im Hangar 6 Technobässe in den Spielpausen das Amselgezwitscher vom Stadion am Hundekehlesee ablösten. Sondern eher am Untergrund, auf dem die zwölf Akteure sich duellierten. Denn das erste Turnier, von Montag bis Mittwoch im Steffi-Graf-Stadion, wurde auf Gras gespielt wie sonst beispielsweise in Wimbledon. Das zweite in Tempelhof findet bis Sonntag auf einem Hard Court statt, wie ihn die US Open aufweisen: Rasen- und Hartplatzsaison sind also in eine Turnierwoche gepresst. Für die Athleten sei die Umstellung ungewohnt und kniffelig, sagt der österreichische Ranglistendritte Thiem. Aber laut Turnierdirektorin Barbara Rittner ist diese Doppelherausforderung Teil eines größeren Plans.

Denn die beiden kurzen, "Bett1Aces" genannten Einladungsturniere des Veranstalters Edwin Weindorfer sollen nicht nur die Zeit überbrücken, solange der Betrieb auf der Profitour der Männer (ATP) und Frauen (WTA) pandemiebedingt ruht. Es wird erwogen, sie auch weiterzuführen, wenn der Alltag ins Tennis zurückkehrt, und zwar möglichst an "ungewöhnlichen urbanen Orten", wie Rittner sagt. Fliegende Bälle im Flughafen sind nur der Anfang.

Wie die US Open, ein Turnier mit 256 Teilnehmern im Einzel, unter Infektionsschutzregeln zu organisieren sind, ist unklar

Zugleich dient der Hangar in den drei Tagen auch als Experimentierfeld für internationalen Publikumssport unter Infektionsschutzbedingungen: 200 zahlende Zuschauer wurden eingelassen, mit Mundschutz, auf Abstand und nach Fiebermessen. Die Spieler befanden sich unter einer Schutzglocke: Außer zum Training und zu ihren Matches haben sie eine Woche lang ihr Hotel nicht verlassen. Mit kleinen Spielerfeldern, wenigen Besuchern und strengen Hygieneregeln, so das Zwischenfazit am Freitag, hat das Konzept funktioniert. Und so ist nun die Frage, ob die in Berlin gewonnenen Erkenntnisse auf größere Veranstaltungen zu übertragen sind: In zwei Wochen will die WTA erstmals seit Beginn der Pandemie ein Frauenturnier in Sizilien ausrichten. Dann sind Wettkämpfe in Lexington/USA und Prag geplant. Wie die US Open, ein Turnier mit 256 Teilnehmern im Einzel, unter Infektionsschutzregeln zu organisieren sind, ist unklar. Planen können die Profis noch nicht.

So wird es vielleicht noch weitergehen mit Einladungsturnieren wie in Berlin, die den Aktiven eine Menge abverlangen. Als Laie, sagt Rittner, unterschätzt man oft, wie unterschiedliche Beläge die Spieler fordern. Auf Rasen, wo die Bälle flach abspringen, werde der untere Rücken beansprucht, auf Hartplätzen eher die Gelenke. Falls jemand glaubt, für Thiem, der das Rasen-Turnier gewann, war die Herausforderung an diesem Samstag gegen Tommy Haas groß (er siegte 6:7 (4:7), 3:6), dann war sie für die Frauen noch viel größer: Denn die hatten ihr erstes Turnier im Grunewald begonnen, aber weil es regnete, wurde das Finale erst am Freitag im Hangar gespielt, auf Hartplatz: Siegerin des Zwei-Böden-Duells ist die Ukrainerin Elina Switolina, die Petra Kvitova bezwang.

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Quelle:
SZ vom 18.07.2020/tbr
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