Süddeutsche Zeitung

Tennis:Beharrlich und schlau

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Die Tunesierin Ons Jabeur erreicht als erste arabische Frau das Viertelfinale in Wimbledon.

Von Gerald Kleffmann, Wimbledon/München

Sie warf den Ball hoch, Ass! Ons Jabeur fing zu lächeln an, sanft, nicht ekstatisch. Jubel und Applaus auf Court No.2 setzte ein, als sie ans Netz schritt, und nachdem sie ihrer Gegnerin, der Polin Iga Swiatek, die Hand gereicht hatte, packte sie ihre Sachen, Schläger, Handtuch, Trinkflasche. Erst jetzt folgte eine Geste, die verdeutlichte, dass sie sich schon bewusst war, Besonderes geleistet zu haben, mal wieder. Mit einer Armbewegung forderte sie das Publikum auf, Stimmung zu machen. Die erste arabische Frau hier, die erste arabische Frau dort, seit längerem eilt die Tunesierin Jabeur von Bestmarke zu Bestmarke. Nun: erste arabische Spielerin im Viertelfinale von Wimbledon.

Jabeur stammt aus Ksar Hellal, einer Kleinstadt in der Sahel-Region. In Wimbledon hat sie erzählt, dass sie lange nie geglaubt hätte, erfolgreich sein zu können. Weil es vor ihr in der Dimension keine andere Tunesierin geschafft hatte, es fehlte an Vorbildern und damit an Orientierung. Mit drei Jahren begann sie mit Tennis, 2011 gewann sie das Juniorinnen-Turnier der French Open. Dass sie nun mit 26 auf dem Höhepunkt ihres Weges angelangt ist, zeigt auch: Jabeur ist beharrlich. "Ich habe immer gesagt, mein Spiel spiegelt meinen Charakter wider", sagte sie im All England Club. Widerstände im großen Kontext hat sie überwunden, allein das Reisen zu organisieren und zu finanzieren, war nicht leicht für sie. Ihr Mann Karim Kamoun, ein ehemaliger Fechter und heute ihr Fitnesstrainer, musste sie vor Jahren überreden, nicht aufzuhören. Aber auch ihr Tennisstil passt zu ihrer Persönlichkeit.

Jabeur spielt hart, weich, profan, gewieft, unberechenbar. Sie passt nicht in eine Schablone. So schaltete sie nun drei Grand-Slam-Champions in Serie aus. Zuerst die fünfmalige Wimbledon-Siegerin Venus Williams, 41, aus den USA, die Schwester von Serena Williams, 39. Dann Garbiñe Muguruza, 27, die 2017 beim Rasenturnier an der Church Road triumphierte. Vor dem Matchball gegen die Spanierin hatte sich Jabeur übergeben - und den Punkt gemacht. Magenprobleme hätte sie dieser Tage. Swiatek, 20, die 2020 die French Open gewann, dominierte sie nach verlorenem ersten Satz klar, 5:7, 6:1, 6:1. Wieder hatte sie Schläue bewiesen. "Alle wissen ja, dass ich viele Stopps spiele", sagte sie nach dem Viertelfinal-Einzug schmunzelnd, "daher habe ich heute weniger davon gespielt." Sie wolle ihre Gegnerinnen eben verunsichern, meinte sie.

Am Dienstag trifft sie auf die Weltranglisten-Vierte Aryna Sabalenka, 23, aus Minsk. Es ist wieder ein Match, in dem die Weltranglisten-24. eine neue Bestmarke als arabische Tennisspielerin aufstellen kann. Noch am Montag erfuhr sie einen besonderen Glückwunsch: "Nach dem Match gratulierte mir Roger (Federer), das war wunderbar", sagte sie auf der Pressekonferenz. "Er nahm sich Zeit, um mir zu gratulieren. Das inspiriert mich sehr und gibt mir noch mehr Antrieb, noch mehr zu gewinnen."

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