Süddeutsche Zeitung

Uefa Supercup:Der Neue rettet Klopp den Pokal

  • Der FC Liverpool hat den europäischen Supercup gegen den FC Chelsea im Elfmeterschießen gewonnen.
  • Liverpool-Schlussmann Adrián, der gerade einmal neun Tage im Verein ist, hält den entscheidenden Schuss.
  • Das unterlegene Chelsea zeigt eine Leistung, die nach dem verpatzten Ligaauftakt nicht zu erwarten war.

Chelsea-Trainer Frank Lampard ist ein kluger Mann. Sein Intelligenzquotient soll über 150 liegen, das hat angeblich mal eine Untersuchung durch den Mannschaftsarzt vor einigen Jahren ergeben. Zum Vergleich: Der Durchschnitts-Engländer bringt es auf 100 Punkte. Zur Zeit des Tests war Lampard noch Spieler, heute ist er Trainer der Blues. Um seinen Spielern zu erklären, warum sie nicht den europäischen Supercup gegen den FC Liverpool gewonnen haben, dürfte Lampard einige Denkleistung brauchen.

Mit 5:4 im Elfmeterschien (0:1, 1:1, 2:2) gewann Liverpool, der Champions-League-Sieger der vergangenen Saison, gegen den FC Chelsea, den Gewinner der Europa League. Sadio Mané (48./95.) traf doppelt für die Mannschaft von Trainer Jürgen Klopp. Oliver Giroud (36.) und Jorginho (101./FE) waren für die Londoner erfolgreich. Es war ein intensives Duell im Beşiktaş Park in Istanbul, in dem der FC Chelsea stärker spielte, als der verpatzte Ligastart es hatte im Vorfeld vermuten lassen. "Wir freuen uns unglaublich, die Tophäe mit nach Hause nehmen zu können. Es war hart", sagte Mittelfeldspieler Jordan Henderson.

Mit 0:4 waren die Londoner vergangenen Sonntag auswärts gegen Manchester United untergegangen. Liverpool hatte dagegen 4:1 gegen Norwich gewonnen. Lampard veränderte sein Team auf einigen Positionen. Der ehemalige Dortmunder Christian Pulisic, gegen Manchester noch Einwechselspieler, und Olivier Giroud stürmten von Beginn an. Auch N'Golo Kanté, der nimmermüde Lückenstopfer im Mittelfeld jagte von Anfang an den Bällen nach. Es sollte sich herausstellen, dass es die richtigen Anpassungen waren, um die Katerstimmung aus der Liga zu bekämpfen.

Liverpool schnauft durch

In der ersten Viertelstunde achtete Chelsea verstärkt auf die Defensive, die Londoner mussten sich erst einmal vergewissern, dass sie überhaupt kompakt verteidigen können. Da aus Liverpools Angriffsbemühungen nur eine Großchance von Mo Salah resultierte, fielen die Hemmungen der Londoner nach und nach. Immer mutiger begehrten die Chelsea-Spieler auf und übernahmen nach und nach die Kontrolle des Spiels. Im Mittelfeld lief Kanté einige Pässe ab, seine Partner Mateo Kovačić und Jorginho gewannen ein Gros der Zweikämpfe. Vor allem Kovačić schaltete sich mit Läufen in die Spitze immer wieder ins Offensivspiel ein.

Das Übergewicht im Mittelfeld resultierte in immer mehr ansehnlichen Angriffen. In der 22. Minute schnauften Liverpools Verteidiger erstmals richtig durch. Pedro war nach einem Doppelpass mit Olivier Giroud vor dem Tor aufgetaucht. Aus spitzem Winkel traf er aber nur die Latte. Wenige Augenblicke später versuchte es Giroud gar mit einem Fallrückzieher. Sein Versuch landete aber neben dem Tor.

Und Liverpool? Die Abwehr des Champions-League-Sieger, in der vergangene Saison mit 22 Gegentreffern die beste der Premier League, sah bei den gut einstudierten Spielzügen Chelseas aus wie ein Spaziergänger am Bosporus. Zwar kam die Mannschaft von Jürgen Klopp nach einer halben Stunde zu einer guten Chance durch Sadio Mané. Doch der Kopfball des Senegalesen wurde so abgefälscht, dass er kein Problem für Chelseas Schlussmann Kepa Arrizabalaga darstellte.

Klopp verschärft die Haltung

Vor dem 1:0 von Chelsea (36.), zeigte sich, wie gut das Händchen von Lampard war. Der emsige Kanté behauptete den Ball gegen zwei Liverpooler - und passte auf Pulisic. Der Ex-Dortmunder dribbelte los, zog mehrere Verteidiger auf sich und fand noch die Lücke für das Zuspiel auf Giroud. Der Franzose vollendete den Angriff. Am Ende hatten zwei Chelsea-Spieler fünf Liverpooler ausgespielt. Als es wenige Minuten später in die Pause ging, blieb der Eindruck zurück, dass die Liverpool-Profis sich von dem 0:4 Chelseas gegen Manchester United hatten täuschen lassen.

Liverpool-Trainer Jürgen Klopp bestätigte diese Wahrnehmung, indem er nach der Pause Roberto Firmino brachte. Der Wechsel entfaltete sofort Wirkung: Der Brasilianer beteiligte sich entscheidend am Ausgleich, als er nach einem Chip-Pass den Ball mit der Sohle zu Mané weiterleitete. Sein Sturmpartner zwang den Ball im zweiten Versuch über die Linie (48.). Chelseas mühsam aufgebautes Selbstbewusstsein war durch das 1:1 mit einem Schlag verpufft. Nur zwei Minuten später rauschte ein Schuss von Fabinho am Tor der Blues vorbei. Das Team von Lampard brauchte fast 20 Minuten, um sich von dem Rückschlag zu erholen und für mehr Entlastung zu sorgen. Die eigene wacklige Abwehr hielt Stand. Chancen suchten die mitgereisten Chelsea-Fans aber lange Zeit vergeblich, auch weil Liverpools Abwehr konzentrierter agierte.

In der 75. Minute rettet Chelsea-Torhüter Kepa dann mit einer Doppelparade die Hoffnungen seiner Mannschaft. Erst parierte er einen verdeckten Schuss von Salah und lenkte dann mit einem wahnsinnigen Reflex den Nachschuss von Virgil van Dijk an die Latte. Doch auch Chelsea wurde wieder gefährlich. In der 83. Minute traf der eingewechselte Mason Mount, doch das Team um Schiedsrichterin Stéphanie Frappart entschied richtigerweise auf Abseits. Frappart ist die erste Unparteiische, die ein bedeutendes Spiel der Uefa pfeifen durfte.

In der Verlängerung zeigte sich wieder diese telepathische Verbindung zwischen Mané und Firmino. Der Brasilianer legte zum zweiten Mal mustergültig auf, Mané schoss sein zweites Tor (95.). 2:1. Dann rückte Schiedsrichterin Frappart in den Mittelpunkt: Sie entschied auf Elfmeter nach einem Kontakt von Liverpool-Torhüter Adrián gegen den eingewechselten Stürmer Tammy Abraham. Jorginho verwandelte den Strafstoß zum Ausgleich (100.). Die folgenden Versuche von Abraham, Mount und Pedro in Folge waren sehr gefährlich, aber nicht erfolgreich.

Und so ging es für Liverpool glücklich ins Elfmeterschießen, wo es ähnlich knapp weiterging. Zwei Schüsse berührte Chelsea-Schlussmann Kepa, doch entschärfen konnte er sie nicht. Liverpools Torhüter Adrián, der erst neun Tage im Verein ist und den verletzten Stammtorwart Alisson Becker ersetzt, war dagegen erfolgreicher: Er hielt den entscheidenden Versuch von Abraham. "Das war eine verrückte Woche", sagte der Keeper beim Sender BT Sport. "Ich bin sehr glücklich. Es war ein langes Spiel mit einem großartigen Ende für uns." Für Jürgen Klopp und Liverpool ist es der erste Titel der Saison. Chelsea-Trainer Frank Lampard dürfte tröstende Worte für seine Spieler finden. Als Spieler hat er den Supercup zweimal verloren. Er wird dabei klug genug sein, die positive Leistung seiner Mannschaft hervorzuheben.

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