Süddeutsche Zeitung

Vierschanzentournee:Geiger kann sogar hinreißend jubeln

  • Der junge Norweger Marius Lindvik gewinnt das Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen.
  • Karl Geiger verringert als Zweiter den Abstand auf Ryoyu Kobayashi in der Gesamtwertung der Tournee.
  • Hier geht es zu den Ergebnissen.

Von Volker Kreisl, Garmisch-Partenkirchen

Die Sonne war schon eine Zeitlang verschwunden hinter den Bergen, und die kalte Luft begann ins Tal zu fallen, in Richtung der Partenkirchner Olympiaschanze und darüber hinweg. Dabei stieg wiederum der Rückenwindfaktor konstant in die Höhe - und erreichte schließlich 0,66 Meter pro Sekunde. Es waren schlechteste Bedingungen für einen weiten Flug, als Karl Geiger in die Spur ging. Es war der Moment, an dem diese Tournee fast entschieden worden wäre.

Aber Geiger blieb entschlossen, er verließ sich auf sein Gefühl, ließ sich am Schanzentisch nicht von dem Knick im Partenkirchner Radius irritieren, stemmte sich mit genügend Höhe gegen den Wind hinauf, streckte sich lang und länger und zog seinen Sprung so weit wie möglich nach unten. 132 Meter - nicht spektakulär weit war das zunächst, aber es war genug. Es war der Schlüssel für seinen Erfolg an diesem Tag - und für den Erhalt der Spannung bei der Vierschanzentournee.

Zweiter wurde Karl Geiger am Ende bei diesem Neujahrsspringen, knapp hinter dem 21-jährigen norwegischen Talent Marius Lindvik - vor allem aber vor dem Japaner Ryoyu Kobayashi, der in der Gesamtwertung zwar weiterhin führt, dem Geiger aber näher kam. 9,2 Punkte Abstand waren es nach der ersten Station in Oberstdorf noch gewesen, 6,3 Zähler sind es jetzt. Auf Platz drei bleibt der Pole Dawid Kubacki, mit 8,5 Zählern Rückstand ebenfalls noch aussichtsreich platziert. Lindvik, der vor allem wegen seines herausragenden ersten Sprunges (mit Einstellung des Schanzerekordes von 143,5 Metern und auch mit etwas Windglück) in die Party der Führenden geplatzt war, steht im Ranking nun auf Platz vier. Mit 18,9 Punkten liegt er aber wohl zu weit zurück. Dass Geiger der eigentliche Gewinner war an diesem Tag, lag natürlich nicht nur an seinem ersten Sprung gegen den Wind. Der Oberstdorfer meisterte auch den zweiten, trotz schwieriger Ausgangslage. Ryoyu Kobayashi, im ersten Durchgang nicht überragend, musste im Finale vor Geiger auf die Schanze und entzückte dann plötzlich doch wieder die Experten mit einem Lehrbuchsprung: Alles stimmte, der Absprung, die Geschwindigkeit, die Fluglage und schließlich auch die mit Leichtigkeit in den Schnee gesetzte Landung. Auf einmal war Kobayashi wieder vorne, auf einmal wirkte er wieder wie der am Ende niemals einholbare Klassenbeste. Den Tournee-Grand-Slam (Sieg in allen vier Springen) hatte er ja vor einem Jahr geschafft, als Dritter in der Historie überhaupt - nun rückte der sechste Sieg hintereinander in einem Tourneespringen immer näher. Das wäre der erste Rekord, den der junge Springer aus Japan in seiner Sportart alleine hätte erringen können. Der Klassenbeste jubelte also unten, und all das könnte einem Springer, der nun kontern muss, den Mut nehmen, die Konzentration oder das Vertrauen ins eigene Können - mit anderen Worten: die so wichtige Gelassenheit. Doch Geiger machte einfach weiter das, was er immer macht - sein "Zeug", wie er das nennt. Das Zeug ist eine für andere schwer verstehbare Mischung aus Technik, Erfahrung, erlernten Verbesserungen und Sprunggefühl. Geiger warf sich hinaus, setzte knapp über die grüne Linie und konterte, obwohl das nicht seine Art ist, mit hinreißendem Jubel.

Die Österreicher schwächeln weiter

Klar, sagte er später, bei der Landung sei er etwas in Rücklage gekommen, aber der Sprung habe sich "supergut angefühlt". Und sein Coach, Bundestrainer Stefan Horngacher, war erfreut: "Es war sehr schwer, heute hier zu springen, Karl hat einen tollen Wettkampf gezeigt." Nun geht es weiter nach Innsbruck, und womöglich hat Geiger nun sogar den einleuchtenderen Aufwärtstrend. Er ist Kobayashi näher gekommen, und er kehrt auf die Bergiselschanze zurück, dorthin, wo er vor neun Monaten hinter Teamkollege Markus Eisenbichler WM-Silber gewonnen hatte.

Eisenbichler wurde diesmal Zehnter, und weil sich der 20-jährige Oberaudorfer Constantin Schmid zudem auf Platz sieben setzte, kamen abermals drei DSV-Springer unter die besten Zehn. Weniger gut lief es bei dem zweiten Verband, der bei diesem Skisprung-Höhepunkt Heimwettkämpfe veranstaltet, bei den Österreichern.

Kraft verliert den Anschluss zur Spitze

Schon in den vergangenen Tournee-Ausgaben war Garmisch-Partenkirchen für das Team des Österreichischen Skiverbandes ein Ort schwerer Niederlagen, die Mannschaft schwächelte, und dann verlor 2018 und 2019 sogar der letzte starke Springer an dieser Schanze sein Duell und schied vorzeitig aus: Stefan Kraft. In abgeschwächter Form hielt dieser Fluch nun auch am Neujahrstag 2020 an. Kraft kam zwar in den zweiten Durchgang, aber die wohl letzten Hoffnungen darauf, dass ein ÖSV-Mann noch um den Gesamtsieg mit-springt, wenn die zweite Tourneehälfte in Innsbruck anbricht, waren am Ende trotzdem verflogen.

Im ersten Durchgang gelang Kraft abermals kein guter Absprung, er verfehlte den Druckpunkt, und danach halfen ihm all seine Flugkünste nichts mehr, er kam nur auf 129 Meter - noch kürzer war's im zweiten Durchgang. Als Gesamt-Fünfter mit 33,6 Punkten Rückstand hat er den Anschluss an die Spitze verloren. Und weil Krafts Kollege Philipp Aschenwald ebenfalls instabil vom Schanzentisch wegkam und zudem ein Päckchen Rückenwind auf den Buckel bekam, rutschte er auf Rang 15 ab. Außerdem war das ganze Team wegen eines Infekts angeschlagen, und so bleibt den ÖSV-Springern abermals nichts anderes übrig, als diese Olympiaschanze schnellstens zu verdrängen.

Anders diesmal die Deutschen. Das Geheimnis, um in einem Tour-Sport erfolgreich zu sein, egal ob Radfahren, Langlaufen oder Skispringen, liegt ja auch darin, den inneren Schwung gemeinsam zur nächsten Station mitzunehmen. Bei der ersten Überfahrt der Tournee, beim langen Transfer von Oberstdorf nach Garmisch-Partenkirchen, sind schon manche Teams im Schnee stecken geblieben, was besonders unangenehm ist, wenn noch schnell in der Nacht aufgebrochen wurde und die Skispringer auf der Rückbank eines Kleinbusses im Dunkeln den Stau absitzen. Diesmal aber hatte alles gepasst: Am Morgen des ersten Ruhetags setzte man gemütlich über, genoss in Partenkirchen das Montags-Training und die Qualifikation am Dienstag und setzte sich am Silvesterabend ans Lagerfeuer, natürlich diszipliniert und nicht zu lange, weil am Neujahrsmorgen das nächste große Fliegen begann.

„Im Hotelflur“

Der Cheftrainer der norwegischen Skispringer, der Österreicher Alexander Stöckl, hat die Garmischer Organisatoren scharf kritisiert. "Neujahrsspringen Garmisch 2019/2020: Von außen gut organisiert, aber das war es", schrieb Stöckl bei Twitter: "Vorspringer schlafen im Hotelflur, keine Container für kleine Nationen. Ich bin nicht amüsiert." Der norwegischen Zeitung VG berichtete Stöckl, dass andere Gäste nachts in seiner Unterkunft über einen im Flur schlafenden Vorspringer hätten steigen müssen, um zum Gemeinschaftsbad zu kommen. "Das ist ein Skandal und wenig professionell." Auch Vorspringer Ole Henning Holt, 52, der die Nacht nach eigenen Angaben auf dem Boden verbrachte, fand deutliche Worte. "Ich bin ein einfacher Mann, und wenn alles warm und trocken und relativ sauber ist, ist es in Ordnung. Aber es ist klar, dass das hier nicht gut ist. Immerhin bin ich hier, um einen Job zu machen." dpa, sid

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SZ vom 02.01.2020
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