Süddeutsche Zeitung

Ski alpin:"Eine Existenzfrage"

Kann Wintersport in Risikogebieten funktionieren? Der Alpin-Saisonstart in Sölden wird zum ersten großen Testlauf - es gibt ein straffes Hygienekonzept, aber auch viel Ungewissheit.

Von Johannes Knuth, Sölden

Der Weg in die nahe Zukunft des Wintersports führt über eine Betontreppe, hinab in eine leere Tiefgarage. Weißer Putz, Neonröhren, fehlt nur noch eine grunzende Zombie-Horde, die hinter der Biegung hervorspringt. Aber dann ist da doch nur die Interviewzone, einer der wenigen Corona-kompatiblen Orte, an dem die Skirennfahrer in Sölden in diesem Jahr auf die Reporter treffen dürfen. Die Athleten stehen hinter Absperrbändern, fast alle tragen Mundschutz, und weil fast alle auch ihre Mützen und schweren Winterjacken tragen - die Deutschen diesmal in giftgelb-schwarz - hat man irgendwann das Gefühl, dass hier nebenan in einem Labor ganz sicher auch noch chemische Kampfgase erforscht werden, oder wenigstens ein Corona-Impfstoff.

In den vergangenen Jahren, da ähnelte der Weltcup-Auftakt der Alpinen immer a bisserl einem ersten Schultag nach den Sommerferien: Die erste Medienrunde fand in der sogenannten Freizeit-Arena statt, Lindsey Vonn schlurfte mit Mickey-Maus-Plüschmütze herein und Ted Ligety in Flipflops, es war ein Gedränge wie auf dem roten Teppich. Abends lag über der Hauptstraße ein Schleier der Bierseligkeit, in den Bars saßen Promis und Adabeis und Touristen, kurzum: Sölden war einer dieser Orte, an denen die Österreicher besonders gewissenhaft dem Österreicher-Sein nachgingen. Und jetzt?

Schlechte Zeiten für heitere Zeiten. Sie haben den Weltcup um eine Woche vorgezogen; der Rettenbachgletscher, auf dem sie am Wochenende zwei Riesenslalom fahren, ist erst ab nächster Woche für die Touristen geöffnet. Selbst dann ist unklar, wer die Anreise wagt, so von Risikogebiet zu Risikogebiet, was den Hoteliers noch mehr schmerzt, denn der Schnee legt sich seit Tagen verlässlich über das Ötztal, schwer und nass. In vielen Hotels sind die Fenster dunkel, auch in den einschlägigen Etablissements, im Bierhimmel und in Ötzis Tanzstadl, auch im Katapult, wo sich traditionell das jüngere Publikum ins Delirium katapultiert, und, jaja, in der Hasenhütte. Am gefragtesten ist diesmal ein Truck, in den ein Unternehmen ein Corona-Testlabor installiert hat, nach rund drei Stunden flimmert auf dem Smartphone das Testergebnis auf. Erst dann kann der Spaß losgehen.

Misslingt der Winter, dann sei auch der Wintersport tot, sagt der DSV-Alpinchef

Sölden war immer der Startschuss für eine ganze Winterbranche: Weniger für die Profis, die hier oft noch gar nicht bei voller Schubkraft sind, sondern für die Zuschauer, die im Oktober die TV-Bilder von Skirennfahrern sehen und merken, dass man doch eigentlich mal wieder ein paar Tage Winterurlaub vertragen könnte. Jetzt ist Sölden vor allem der erste große Testlauf, der zeigen soll, ob das funktionieren kann: Wintersport in einer Pandemie.

"Es geht ums Überleben", sagt Markus Waldner, der Renndirektor des Ski-Weltverbands (Fis).

"Eine Existenzfrage", sagt auch Christian Schwaiger, der Cheftrainer der deutschen Skirennfahrer.

Wenn dieser Corona-Winter gründlich misslinge, "dann ist der Wintersport tot", sagt Wolfgang Maier, Vorstand des Alpinressorts im Deutschen Skiverband (DSV).

Das Geschäft der Wintersportler funktioniert wie fast überall im modernen Kommerzsport: Nur wenn Rennen stattfinden, fließt das Geld der Sponsoren und TV-Anstalten; nur so bleiben die Kreisläufe von Verbänden und Vereinen vital, von den Profis bis zum Schülercup. Wolfgang Maier hat kürzlich eine einfache Rechnung aufgestellt: Der DSV wende jährlich fast 37 Millionen für alle Sparten und Mitarbeiter auf, sagte er dem Sport-Informationsdienst; die öffentliche Hand schieße davon aber nur sieben Prozent zu - weil der Verband die meisten Mittel, grob gesagt, ja aus eigener Kraft heranziehe, zumindest in gewöhnlichen Zeiten. Aber dafür müssen sie halt ihre Weltcups über die Bühne bringen, zehn bei Nordischen und Alpinen in diesem Winter. Hinzu kommt im kommenden Februar die nordische WM in Oberstdorf. Jeder neuerliche Ausfall ruckelt da ein wenig mehr an den Grundfesten.

Die Fis hat also, wie so viele Verbände zuletzt, ein Hygienekonzept aufgespielt; wobei die Söldener das straffe Reglement zum Auftakt offenkundig noch mal toppen wollen: Bloß kein Fehltritt, nach dem Après-Ski-Desaster in Ischgl und während überall wieder die Corona-Warnampeln blinken. Athleten, Betreuer, Serviceleute, Trainer, Reporter, allen wurden in Sölden die Hotels zugewiesen, niemand soll Geschäfte im Ort besuchen. Auch die Hotel-Mitarbeiter dürfen ihre Gebäude nicht verlassen, ansonsten hätte ihnen das Weltcup-OK keine Gäste zugeteilt. Manche Hoteliers mussten in den Tagen vor dem Weltcup ihren Proviant zusammenhamstern. Und die Athleten, die sollen überhaupt nicht ins Freie, solange sie nicht Skifahren zumindest, nicht einmal zum Joggen auf dem einsamen Forstpfad. Der Sinn dahinter erschließt sich nicht jedem, zumal in einem Ort, der ohnehin in sich selbst verharrt. Einen Winter lang halte der Tross das jedenfalls nie durch - das sagen fast alle Insider, mit denen man in Sölden spricht.

Ein Trainer der Schweden wird in Sölden positiv auf das Virus getestet

Vielleicht haben sie sich auch deshalb auf ein abgespecktes Programm besonnen, notgedrungen: Die Tournee durch Nordamerika, die sonst im November und Dezember steigt, wurde abgesagt, wie die Sommercamps in Südamerika und Neuseeland, wobei fast alle Nationen zuletzt in Europa prächtig trainieren konnten. Bis auf einen Halt in China - ein Testlauf für die Winterspiele 2022 - reist der Tross exklusiv durch Europa. 38 Weltcups, 34 bei den Frauen, das ist erst mal der Plan. Technik- und Speedfahrer sind dabei getrennt unterwegs, Zuschauer nicht zugelassen, zumindest nicht in diesem Jahr - das trifft vor allem die Budgets der lokalen Ausrichter. Peter Schröcksnadel, der mächtige Chef des österreichischen Skiverbandes, plädierte zuletzt schon wieder für eine Öffnung: Im Skisport konsumiere das Publikum doch eh "fast keinen Alkohol", Kitzbühel und Schladming ausgenommen, sagte er der Agentur APA. Schön, dass manche sich ihren Humor so sehr bewahren.

Auch sonst ist die Ungewissheit ein treuer Begleiter: Profis und Betreuer ziehen ständig vom Rennen zum Training und zum nächsten Rennen durch diverse Länder, oft ändern sich Wetter und Reisepläne spontan - diesmal kommen die sich ständig drehenden Reisebeschränkungen hinzu. Was heißt das für die Athleten? Oder für den in Österreich ansässigen Servicemann aus Slowenien, der nach Bulgarien reist? Im DSV rechnen sie damit, dass sie alle Athleten alle drei Tage testen werden, von unterwegs, weshalb sie gerade ein Netzwerk mit Laboren in Europa aufbauen, um die Proben schnell auszuwerten. 1,2 Millionen Euro kalkulieren sie nur dafür ein.

Und noch eine Sache macht ihnen große Sorgen: der Unterbau, auch wenn die Fis die Vorschriften für die zweit- und drittklassigen Rennen zuletzt gelockert hat. Jedoch: Viele deutsche Nachwuchsathleten können derzeit nicht einfach in Nachbarländer reisen, zum Trainieren und für die Rennen - sie müssten danach tagelang in Quarantäne, und da würden viele Schulen die Vorschriften derzeit sehr penibel auslegen, heißt es, sogar die Partnerschulen des Sports. Alles irgendwo nachvollziehbar.

Andererseits: Andere Länder, sagt Wolfgang Maier im Gespräch, fänden derzeit praktikablere Lösungen. Derzeit habe er die Sorge, dass die Zwölf- bis 16-Jährigen in diesem Winter "fast gar nicht in den Schnee kommen". Für die Weltlage mag das verschmerzbar klingen, für einen Skiverband, der streng an Resultaten gemessen wird, steht da schnell mal eine Generation auf dem Spiel.

Wie lange dieser Winter gut gehen wird mit einem Tross, der noch immer wie ein Wanderzirkus über einen Kontinent zieht? Zumal in einer Saison, in der im Februar in Cortina d'Ampezzo auch noch eine alpine WM ansteht, ein überlebenswichtiges Event für den Weltverband? In den Hygienespielregeln der Fis ist haargenau festgezurrt, wer im Catering-Bereich wem die Sandwichs anreichen soll und wer im Fall eines Positivtests wann und wie informiert wird - aber ab wann ist ein Event in Gefahr? Eine Saison? Das ist völlig ungewiss. Am Freitag bestätigte der schwedische Verband, dass Männer-Trainer Ola Masdal in Sölden positiv auf das Virus getestet wurde, er befinde sich vor Ort in Quarantäne.

Sicher ist erst mal nur eines: dass vor allem jene Athleten im Vorteil sein werden, die auch im Ungewissen ihre Leichtigkeit bewahren. "Wenn man schlecht fährt", scherzte der deutsche Riesenslalom-Experte Stefan Luitz jetzt, "ist man vielleicht auch froh, dass keine Zuschauer vor Ort sind." Alles eine Frage der Perspektive.

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Quelle:
SZ vom 17.10.2020/chge
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