Süddeutsche Zeitung

Tod von Shane Warne:Keiner warf den Ball wie er

Lesezeit: 3 min

Shane Warne prägte den Weltsport Cricket, weil er mit einem kleinen Lederball Wunderdinge vollbringen konnte. Die Leute aber liebten ihn, weil er das Klischee eines Australiers erfüllte.

Nachruf von Felix Haselsteiner

"Jeder kann irgendetwas besonders gut", sagte Shane Warne einmal: "Man muss nur rausfinden, was es ist." Ein kleiner Lederball, etwa 160 Gramm schwer und so groß wie ein Tennisball, reichte schon aus, um Warne zu einem der bedeutendsten Sportler weltweit zu machen: Weil er damit umgehen konnte wie sonst kaum jemand.

Cricket mag in Kontinentaleuropa so unbekannt sein, dass die wenigsten in Deutschland überhaupt von Warne und seinem Wirken gehört haben. Dasselbe gilt für Spieler wie Donald Bradman, Sachin Tendulkar oder Ricky Ponting, die in der Cricket-Historie dieselben Rollen einnehmen wie Franz Beckenbauer, Pelé und Johan Cruyff im Fußball. Imran Khan ist heute in den europäischen Nachrichten, weil er Pakistans Premierminister ist - in Lahore und Islamabad jedoch verehren ihn die Menschen wegen seiner früheren Leistungen auf dem Cricket-Feld.

Cricket ist ein Weltsport, den Milliarden rund um den Globus verfolgen, der das Leben in Ländern wie Indien, Pakistan, Australien und Großbritannien so bestimmt wie hierzulande der Fußball - und Shane Warne, geboren am 13. September 1969 in einem Vorort von Melbourne, war einer derjenigen, die diesen Weltsport prägten.

Warne wurde berühmt für seinen unglaublichen Spin, den er den Bällen verpasste

Der kleine Lederball war sein bester Freund, er machte Warne als Bowler berühmt. Vereinfacht gesagt, geht es beim Cricket für den Bowler darum, den Ball so zu werfen, dass er das Wicket - eine Art Mini-Tor aus drei Holzstangen - trifft, ohne dass der gegnerische Schlagmann (Batter) ihn wegschlagen kann. Warne wurde berühmt für seinen unglaublichen Spin: Er erkannte die Schwächen bei seinen Gegnern, passte sich an und warf gezielt auf kleine Flecken im Gras, von denen aus der Ball teilweise wild nach rechts oder links abbog. Bei Warne sahen diese komplizierten Würfe aus wie das leichteste auf der Welt, er zelebrierte dieselbe Mühelosigkeit wie Roger Federer mit seinem Tennisschläger.

"Die Menschen dachten immer, ich mache das einfach so - aber ich habe mir den Arsch abgearbeitet", sagte Warne nach seinem Karriereende. Während seiner Laufbahn jedoch pflegte er das Image des genialen Rowdys. Geschichten über ihn konnte man, wie er selbst sagte, auf den vorderen, mittleren und hinteren Seiten der Zeitungen finden. Warne verursachte tatsächlich permanent Schlagzeilen. Er rauchte, er trank, war in einen Sex- und in einen Wettskandal verwickelt. Teilweise hatte er sichtbares Übergewicht, seine blonde Matte pflegte er ebenso wie sein Image als Frauenheld.

Warne war ein Gegengewicht zur oft traditionsverliebten Cricket-Welt, vor allem aber war er das lebendige Klischee eines typischen Australiers - und genau deshalb liebten ihn seine Landsleute so sehr. Die australische Guardian-Kolumnistin Brigid Delaney schrieb, er sei eine "ältere Version von Australien gewesen, die heute nur noch ironisch in Innenstädten aufgeführt wird, wenn überhaupt". Eine Version Australiens, die viele dort vermissen.

Warne lebte sein Leben so authentisch, dass ihm die Menschen einfach alles verziehen. "Natürlich gibt es ein paar Dinge, die ich im Nachhinein anders machen würde - aber das kann man nicht, daher lernt man, damit zu leben", sagte er. Für die Australier und für viele andere Menschen rund um den Globus war Warne eine Figur, die weitaus größer war als sein Sport, größer als das Leben an sich. Ihn umgab eine Aura der Unsterblichkeit - wie könnte jemand, der das Leben in so vollen Zügen genießt, so plötzlich daraus verschwinden?

Am Freitag verstarb Shane Warne an einem Herzinfarkt in Thailand, er wurde gerade einmal 52 Jahre alt. Und doch reichte diese zu kurze Zeit, um eine Botschaft zu hinterlassen, die für alle Sportler eine Lehre sein sollte: dass manchmal ein kleiner Lederball ausreicht, um seine Spuren auf der Welt zu hinterlassen.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5542302
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ/ebc/klef/bkl
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.