Süddeutsche Zeitung

Sergio Ramos:16 Jahre, 22 Titel, 26 rote Karten

Madrid beweint den Abschied des großen, raubeinigen Kapitäns Sergio Ramos. Er gab einer sagenhaft erfolgreichen Ära ein Gesicht.

Von Javier Cáceres, Madrid

Die Götter, so es sie denn gibt, müssen etwas geahnt haben. Denn just, als sie in der Zentrale von Real Madrid auf den "Senden"-Knopf drückten, um eine Nachricht zu bestätigen, mit der der Klub schon seit geraumer Zeit schwanger ging, brach über der Kapitale so etwas wie die Apokalypse herein.

Es donnerte wie sonst nur im Amazonas, und die Schwüle entlud sich in einem Gewitter aus Hagel und Regen, das die Straßen der spanischen Hauptstadt leer fegte. Die Nachricht, sie lautete wie folgt: Sergio Ramos, 35, verlässt nach 16 Jahren Real Madrid. "Eine Legende geht", hießen am Donnerstag die gleichlautenden Schlagzeilen auf den Titelseiten der miteinander konkurrierenden Sportzeitungen der Stadt, Marca und As. "Best! Defender! Ever!", twitterte der deutsche Nationalspieler Toni Kroos, der seit Jahren mit Ramos bei Real zusammenspielt.

Ramos war 2005 für die seinerzeit vertraglich festgeschriebene Ablösesumme von 27 Millionen Euro in Madrid gelandet, am letzten Tag des Transfermarktes. Der vormalige Verteidiger des FC Sevilla - dessen Fans Ramos' Abschied bis heute als "Verrat" geißeln - bekam in Madrid das Trikot mit der Rückennummer 4 überreicht, das vorher der ebenfalls als Klubikone verehrte Fernando Hierro getragen hatte. Ramos entwickelte sich danach zu einem der weltbesten Innenverteidiger, und zu einem Emblem einer überaus fruchtbaren Epoche Madrids.

Für die einen ist Ramos ein Held, für die anderen ein Raubein

Ramos war an 22 Titeln beteiligt, unter denen fünf Meisterschaften und vier Champions-League-Trophäen herausragen. Nur ein Spieler, der nicht minder legendäre Paco Gento, hat in der Historie Reals mehr Titel geholt als Ramos. Dessen Anhänger sehen seinen Beitrag zur Décima, dem zehnten von insgesamt 13 Königsklassentiteln, die Real Madrid insgesamt geholt hat, als den definitorischen Moment seiner Karriere. Im Finale von Lissabon 2014 erzwang Ramos mit einem Kopfballtor in der 93. Minute die Verlängerung, Finalgegner Atlético Madrid ging danach unter.

Ramos' Gegner hingegen werden kaum das Champions-League-Finale von Kiew 2018 gegen den FC Liverpool vergessen können. Damals verletzte Ramos erst den eigentlich brillant aufgelegten Mohammed Salah, dann schlug er Torwart Loris Karius in einem Luftkampf nahezu k.o. Karius war von dem Schlag an die Schläfe groggy und desorientiert, später wurde eine Gehirnerschütterung diagnostiziert. Mit zwei kapitalen Fehlern trug der Torhüter entscheidend zur 1:3-Niederlage Liverpools bei.

Diese beiden Szenen passten perfekt zum Raubeinimage des martialisch tätowierten Andalusiers. Er ist nicht von Ungefähr der Spieler mit den meisten roten Karten (26) in der Geschichte eines Klubs, der oft Schwierigkeiten hatte, die wichtigsten Helden gebührend zu verabschieden.

Ramos interpretierte Reals Offerte als eine Aufforderung zu gehen

Alfredo Di Stéfano ging in den 60er Jahren, nachdem er Flüche mit dem Vereinspräsidenten Santiago Bernabéu gekreuzt hatte; Cristiano Ronaldo flüchtete im Sommer 2018 nach Italien; vor wenigen Wochen trat Trainer Zinédine Zidane zurück und attackierte Vereinsboss Florentino Pérez in einem gesalzenen "Offenen Brief". Nun geht Ramos, ohne seinen Traum verwirklicht zu sehen, der Real-Spieler mit den meisten Einsätzen zu werden. Ramos bleibt bei 671 Pflichtspielen stehen - und damit hinter Raúl (741), Iker Casillas (725) und Sanchís (710) zurück.

Schon in den vergangenen Monaten hatte sich abgezeichnet, dass der Verein Ramos abschieben wollte. Ihm wurde zwar eine Verlängerung seines nun auslaufenden Vertrags angeboten. Doch Ramos interpretierte die Offerte als eine Aufforderung zu gehen. Weder die Laufzeit (ein Jahr) noch die Bezüge, die erheblich gekürzt werden sollten, stellten Ramos zufrieden. Er hatte sich angeblich einen Zweijahresvertrag und einen Anschlussvertrag als Trainer vorgestellt. Gerüchtweise ist davon die Rede, dass es nicht einmal bei der angeblich Corona-bedingten, zehnprozentigen Kürzung des Salärs bleiben sollte. Er sollte wohl auch im Gehaltsranking hinter den soeben ablösefrei vom FC Bayern geholten David Alaba rutschen. Ramos sah damit seine über Jahre hinweg für Real erbrachten Dienste als nicht hinreichend gewürdigt an. Angeblich soll es Ende vergangener Woche noch einen letzten Verständigungsversuch mit dem Klub gegeben haben. Am Ende stand der Abschied.

Offen war am Donnerstag, wie Ramos' berufliche Zukunft aussehen wird. Es gibt eine Reihe von Klubs, die sich für ihn interessiert haben sollen; die Zeitung As berichtet, er habe keine offizielle Angebote erhalten. Manchester City soll die Fühler nach ihm ausgestreckt haben, Chelseas Eigner Roman Abramowitsch gilt als glühender Ramos-Fan, in der Serie A sollen sich Vereine wie Juventus Turin, AC Milan und AS Roma erkundigt haben, ob ein Wechsel nach Italien in Betracht käme. Zuletzt war auch die Rede von einer Rückkehr nach Sevilla. Dort würde er allerdings das Gehaltsgefüge völlig sprengen.

Ramos wünschte sich einen Abschied "durch das große Tor" - und bekommt nicht einmal einen durch das kleine

Wo auch immer er am Ende landet, eines ist gewiss: Ramos hatte sich den Juni komplett anders vorgestellt. Nach einer Verletzungsserie im ersten Halbjahr 2021 bootete ihn Nationaltrainer Luis Enrique für die derzeit laufende Europameisterschaft aus, die Entscheidung traf den Welt- und Europameister der Goldenen Ära des spanischen Fußballs (2008 - 2012) mit voller Wucht. Doch auch die Art seines Abschieds bei Real ist nicht nach dem Gusto von Sergio Ramos.

Noch vor einem Jahr hatte er den Wunsch geäußert, seine Karriere bei Real Madrid zu beenden, und den Klub dann "durch das große Tor zu verlassen, so wie ich meine, es verdient zu haben" - eine Metapher, die aus der von ihm verehrten Welt des Stierkampfes stammt, denn durch die großen Tore der Arenen werden die triumphalen Toreros getragen. Nun durfte sich Ramos nicht einmal mit einem kleinen Tor zufrieden geben: Das Bernabéu-Stadion wird gerade umgebaut - und deshalb für Publikumsverkehr geschlossen.

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