Süddeutsche Zeitung

Timo Baumgartl und der FC Schalke 04:Anstiftung zur Unruhe

Die Verantwortlichen des FC Schalke 04 suspendieren den Verteidiger Timo Baumgartl wegen öffentlich geäußerter Kritik am Trainer. Von der Euphorie der Rückrunde ist im Moment nicht mehr viel übrig.

Von Philipp Selldorf, Gelsenkirchen

Die Verbannung eines Schülers in die sogenannte Eselsecke hat der Gesetzgeber in Deutschland im Jahr 1997 als "entwürdigende Erziehungsmaßnahme" gekennzeichnet und für unzulässig erklärt. In Fußballklubs scheint es hingegen nach wie vor erlaubt zu sein, Spieler strafhalber in die Ecke zu stellen, um sie dort als Büßer zu exponieren. Der FC Schalke 04 hat dafür jetzt ein Beispiel gegeben, als er den gestandenen Profi Timo Baumgartl nach dessen öffentlicher Kritik am taktischen Programm des Trainers demonstrativ zum viertklassigen U23-Team abkommandiert hat.

Mit dem Rückgriff auf pädagogische Mittel aus den Zeiten des Kaisers Wilhelm war es aber nicht getan. Es folgte das Schuld-Geständnis, mit dem Schalke den Spieler in der Pressemitteilung zitierte: Demnach sagte Baumgartl, er habe Trainer Thomas Reis und Sportchef André Hechelmann um Entschuldigung gebeten und sei "sehr froh, dass sie diese akzeptiert haben".

Das klingt auf beunruhigende Art nach erzwungener Unterwerfung, aber ganz so arg soll das Regime in Gelsenkirchen nun auch wieder nicht sein. Die Schalker Verantwortlichen wissen schon, dass Innen- und Außensicht auf den Vorfall unterschiedliche Meinungen hervorrufen können. Ihrer Auffassung nach ist Baumgartl jedoch viele Meilen zu weit gegangen, als er nach dem 1:3 beim FC St. Pauli die defensive Struktur der Mannschaft beklagte. So entstand aus einer ärgerlichen, aber recht alltäglichen Niederlage im zurzeit besonders wilden Zweitligageschäft der Stoff für ein neues Kapitel in der Schalker Sammlung von Lach- und Krachgeschichten.

Übersetzt hieß das: Wir spielen taktisch falsch! So können wir nicht gewinnen!

Nicht jeder Satz im erregt geführten TV-Interview am Spielfeldrand war deutlich formuliert ("teilweise laufen wir Männern hinterher"), Baumgartls Botschaft aber kam nach Auffassung seiner Vorgesetzten klar rüber. Ungefähr so: Wir spielen taktisch falsch! So können wir nicht gewinnen!

Was die Anwälte des Profis vielleicht als sportlichen Hilferuf eines engagierten Verteidigers reklamiert hätten, ordneten die Schalker Autoritäten bei ihrem Standgerichtsverfahren am Sonntag als Anstiftung zur Unruhe in ohnehin unruhigen Zeiten ein. Die gibt es nicht nur deshalb, weil der Klub nach sieben Spieltagen auf einem Abstiegsplatz steht: Schon länger heißt es, Teile der Mannschaft seien mit Reis' Spielschema nicht einverstanden und hielten es für zu riskant. Nun hatte es einer offen ausgesprochen.

Die Ironie daran ist folgende: Als Baumgartl, 27, im Sommer aus einem Engagement bei PSV Eindhoven nach Gelsenkirchen kam, stand Reis just wegen seiner mitreißenden Spielweise im Rang eines neuen Lieblingstrainers, dem vielleicht ein ähnlich langes Leben im schwierigen Amt beschieden sein könnte, wie es früher der Ausnahmeschalker Huub Stevens hatte führen dürfen. Mit der auf dem kompletten Platz praktizierten offenen Manndeckung hatte Reis das Team zu unerwarteten Höchstleistungen mobilisiert. So viel Gemeinschaft zwischen Publikum und Mannschaft wie in der Rückrunde der vorigen Bundesligasaison hatte es zuletzt in seligen Eurofighter-Zeiten Ende des vorigen Jahrhunderts gegeben. Der längst verabschiedete Simon Terodde, 35, verlängerte aus emotionaler Verbundenheit spontan sein Engagement. Beinahe euphorisch begaben sich Klub, Trainer und Anhängerschaft in die Zweitklassigkeit.

Trainer Reis spürte schon zu Saisonbeginn die Rückkehr des "alten Schalke"

Doch Irritationen in der Beziehung zwischen dem Klub und dem Überzeugungsruhrgebietler Reis (in Wahrheit stammt er aus dem fränkischen Wertheim) waren schon zu vernehmen, als die Saison noch jung war. Da sprach er auf einmal geheimnisvoll von der Rückkehr des "alten Schalke", weil er im sogenannten Umfeld kritische Tendenzen spürte.

Dabei will Schalke 04 doch endlich modern werden. Vor ein paar Wochen veröffentlichte der Verein feierlich "das erste Schalker Sportkonzept", an dem Fachabteilungen, Sportwissenschaftler, Finanz- und Marketingleute angeblich monatelang gearbeitet hatten, Oliver Kahns "FC Bayern Ahead" in Königsblau. Besonders wichtig, heißt es da, sei der Aspekt der "Persönlichkeitsentwicklung" eines jeden Spielers, "denn auf Schalke soll immer eins im Mittelpunkt stehen: der Mensch".

Ob sich Timo Baumgartl umgehend ein Exemplar des Manifests besorgt hat? Auch bei Sportvorstand Peter Knäbel, 56, wissen im Moment nicht mal die Beteiligten, ob er als Mensch noch im Mittelpunkt der Planungen des Aufsichtsrates steht. Es gibt, ganz nach Art des alten Schalke, allerlei Gerüchte. Knäbel wurde schon nachgesagt, er wolle beim DFB den Job haben, den nun Andreas Rettig bekleiden wird. Knäbel versichert, er arbeite mit derselben Motivation an der Rückkehr in die erste Liga wie nach dem ersten Abstieg, als es in Gelsenkirchen buchstäblich um Sein oder Nicht-Sein ging. Zurzeit ist er ohnehin unentbehrlich: Da der Vereinschef Bernd Schröder den Hut hatte nehmen müssen, amtiert nur noch ein Restvorstand.

Für Thomas Reis wird es darauf ankommen, sich mit passablen Resultaten aus den Spielen in Paderborn und gegen Hertha in die Länderspielpause zu retten. Dann soll ein halbes Dutzend dringend vermisster Spieler aus dem Krankenstand zurückkehren, und dann dürfte auch Timo Baumgartl wieder die Eselsohren absetzen und an seinen Platz zurückkehren.

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