Süddeutsche Zeitung

Wada-Strafe wegen Staatsdoping:Russland kann sich alles erlauben

Russische Sportler dürfen trotz des dreisten und wiederholten Betrugs an Olympia teilnehmen. Die Strafe der Welt-Anti-Doping-Agentur ist kaum mehr als ein Wimpel-Verbot.

Jetzt ist es amtlich: Vierjähriges Wimpel-Verbot für Russland! Auf diese Formel lässt sich die Sanktion der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) gegen das russische Staatsdoping-Komplott bringen. Vier Jahre lang dürfen russische Sporthelden nicht unter ihrem Nationalbanner, sondern nur als "neutrale Sportler" starten. Und das, wird im Wada-Verdikt bedeutungsschwer herausgestellt, gelte auch nur für solche Athleten, die nicht in den Staatsdoping-Skandal verwickelt waren. Wer verwickelt war, darf gar nicht mitmachen.

Doch dieser Vorbehalt ist völlig unerheblich. Just der Sachverhalt, der nun sanktioniert wird, hat dafür gesorgt, dass niemand je herausfindet, wer alles ins Leistungsbetrugssystem eingebunden war. Moskaus Sportsachwalter haben Tausende Labordaten manipuliert, und das bis Januar 2019.

Alles läuft so, wie es das Internationale Olympische Komitee (IOC) eingefädelt hat, die wahre Macht im Sport. Die Wada-Entscheidung ist jetzt quasi die Blaupause jenes fürsorglichen Täterschutzes, den das IOC selbst schon einmal direkt praktiziert hatte: als es die Staatssünder vor den Winterspielen 2018 in Pyeongchang, nun ja, sanktionierte. Am Ende stand selbstverständlich doch ein Team Russland im Ring: benannt als "Olympische Athleten aus Russland" (OAR)!

So ähnlich wird es auch im Sommer 2020 bei den Sommerspielen in Tokio sein. Erneut - und erwartungsgemäß - können die Russen bestens leben mit einem IOC-Urteil, das diesmal halt formal die Wada sprechen musste. Wladimir Putins Medaillen-Strategen dürften fürs öffentliche Bild eine notwendige Phase der Empörung einlegen - mehr nicht. Und die Wada darf, nachdem sie den Komplett-Ausschluss des dreisten Wiederholungstäters Russland von den Spielen für nicht anwendbar hält, dieses erst 2018 implementierte Höchststrafmaß gleich wieder abschaffen. Oder besser: abwarten? Vielleicht wird ja auch mal West-Samoa frech. Dann kann der Sport mit aller ihm zur Verfügung stehenden Härte bestrafen.

Dass Russlands nationale Anti-Doping-Agentur Rusada gesperrt bleiben soll bis 2023? Fällt kaum ins Gewicht. In der Praxis kann dort sowieso kein externer Dopingfahnder russische Sünder überraschend aufspüren. Die Athleten sind gern irgendwo hinterm Ural in militärischen Anlagen untergebracht. Bis all die Formalitäten erledigt sind, ist der ausländische Fahnder bekannt wie ein bunter Hund. Zum anderen hat sich just Rusada-Chef Juri Ganus als wortstarker Kritiker des Staatsdopings profiliert.

Falls das Teil der russischen Selbstinszenierung war, muss man im Lichte der milden Strafe sagen: Der Plot wäre voll aufgegangen. Zumal Russland ja nun auch noch die Option hat, mit Einsprüchen beim obersten Sportgerichtshof Cas die Rechtsgültigkeit des Wada-Urteils zu blockieren, auch über die Tokio-Spiele hinaus. Sollte aber Ganus tatsächlich der große Aufrührer gegen die eigenen Kollegen sein, wurde er mit der Suspendierung seiner Behörde jetzt sehr elegant kaltgestellt. Zur Erinnerung: Frühere Kollegen mussten um Leib und Leben fürchten, Amtsvorgänger Grigorij Rodtschenkow ist 2016 im US-Zeugenschutzprogramm untergetaucht.

Und was schließlich das kunstvoll eingeschränkte Veranstaltungsverbot für große Sportevents in Russland angeht: Auch das wird, wenn es so weit ist, auf den üblichen sportinternen Wegen wieder glatt gebügelt werden.

Bleibt die einzige, wirklich substantielle und höchst spannende Frage: Woraus ist er gemacht, dieser gewaltige Stein, den Russland unter dem abgebrühten Ex-Geheimdienstler Putin im Brett des olympischen Sports hat? Diese Frage stellen sich Beobachter von Skandal zu Skandal immer drängender: was Russland gegen die handelnden Sportorganisationen und/oder ihr Führungspersonal in der Hand haben muss, um sich einfach alles erlauben zu können.

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