Süddeutsche Zeitung

Pferdesport:Sechs Monate Startverbot

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Die Hoffnungen auf ein schnelles Comeback von Olympiasiegerin Jessica von Bredow-Werndl nach der Geburt ihrer Tochter haben sich zerschlagen: Der Weltverband pocht auf die Mutterschutzregel - die Aktiven finden sie ungerecht.

Von Gabriele Pochhammer

Mit gespitzten Ohren galoppiert das Pferd mit seiner Reiterin durch den sonnigen Herbsttag, ein Bild wie gemalt, zu sehen in den sozialen Medien. Es besagt: Jessica von Bredow-Werndl, Europameisterin und Olympiasiegerin im Dressurreiten, ist nach der Geburt ihrer Tochter Ella bereit, in den Leistungssport zurückzukehren. Doch an diesem Wochenende beim internationalen Festival in Ludwigsburg fehlt die Frau, die in den vergangenen beiden Jahren die Dressurvierecke dieser Welt beherrscht hat. Gerne hätte sie sich nach der Babypause im Sattel gezeigt.

Doch die Internationale Reiterliche Vereinigung (FEI) und regelbedingt damit auch die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) erteilten ihr ein Startverbot. Der Grund: Bredow-Werndl hatte sechs Monate Mutterschaftsurlaub bei der FEI beantragt, den muss sie jetzt einhalten, obwohl die 36-Jährige sich nach einer unkomplizierten Geburt längst wieder fit fühlt. Die FEI-Regel empfindet sie als "schlichtweg ungerecht" und nicht nachvollziehbar, eine Meinung, die von vielen Reiterkollegen, auch männlichen, geteilt wird.

Eigentlich war es eine gutgemeinte Idee: Reiterinnen, die ein Kind bekommen, sollen die Chance erhalten, nach ihrer Pause möglichst dort wieder einzusteigen, wo sie vor der Schwangerschaft standen. Dabei geht es um Punkte für die Weltrangliste. Sie werden bei internationalen Starts gesammelt und verfallen jeweils nach einem Jahr. Jeden Monat wird die Rangliste neu berechnet, die alten Punkte fallen aus der Wertung und werden durch die aktuellen ersetzt. Um den Mutterschutz in Anspruch zu nehmen, muss die Reiterin bei der FEI einen Antrag stellen und angeben, wann sie pausieren möchte, mindestens sechs Monate, höchstens ein Jahr. In dieser Zeit verfallen ihre Punkte nicht vollständig, sondern nur zu 50 Prozent. Die andere Hälfte bleibt stehen. Dafür hat die Reiterin in dieser Zeit ein Startverbot, sie kann sich auch nicht mehr anders entscheiden, wenn sie sich früher fit fühlt. Exakt dieselbe Regel gilt im Falle einer längeren Krankheit. Jessica von Bredow-Werndl hätte zwar auf die Ranglistenpunkte verzichtet, hätte aber dennoch nicht starten dürfen. Sie gilt als "nicht nennbar", wie ein Schreiben der FEI ihr und auch der deutschen FN mitteilte. Da keine Aussicht bestand, rechtzeitig vor dem Turnier in Ludwigsburg noch eine andere Entscheidung des FEI-Tribunals herbeizuführen, verzichtete Bredow-Werndl vorläufig auf rechtliche Schritte.

Springreiterin Janne Friederike Meyer-Zimmermann verlor alle ihre Weltranglistenpunkte

Bereits im Frühjahr hatte die Springreiterin Janne Friederike Meyer-Zimmermann ähnliche Probleme. Sie hatte im Januar ihren Sohn Friedrich bekommen und startete 14 Tage vor Ablauf der Sechs-Monate-Frist auf einem Turnier im spanischen Oliva. Sie hatte keine Startgenehmigung der FN erhalten, aus oben genannten Gründen. "Wir hatten ihr gesagt, dass sie nicht genannt werden kann, solange sie im Mutterschutz ist", so FN-Sportchef Dennis Peiler. Meyer-Zimmermann ritt trotzdem und bezahlte dies nicht nur mit dem Verlust ihrer Weltranglistenpunkte aus der gesamten Halbjahres-Periode, sondern wurde nachträglich von den Prüfungen in Oliva disqualifiziert. "Wegen Verstoßes gegen mehrere Regeln", wie es etwas nebulös in der FEI-Datenbank heißt.

Für die Profireiterin Meyer-Zimmermann, die in der Nähe von Hamburg einen Turnier- und Handelsstall betreibt, kam das einem Berufsverbot gleich. Sie rutschte in der Weltrangliste von Platz 107 auf 270, was bedeutete, dass sie kaum noch Starts bei wichtigen Turnieren bekam. Die Rückkehr in die erste Reihe gelang ihr nur mit Hilfe von Bundestrainer Otto Becker, der ihr aus seinem Kontingent Startmöglichkeiten verschaffte. So gelang Meyer-Zimmermann zweimal eine doppelte Nullrunde in Nationenpreisen, in der kommenden Woche wird sie beim Nationenpreisfinale in Barcelona zur deutschen Mannschaft gehören.

Zusammen mit anderen Kolleginnen engagiert sich Bredow-Werndl in der Initiative Equal Equest für Chancengleichheit im Reitsport

Meyer-Zimmermann hat zusammen mit anderen Reiterinnen die Initiative Equal Equest gegründet, eine Initiative für Chancengleichheit im Reitsport. Ihr gehört außer Jessica von Bredow-Werndl auch Meredith Michaels-Beerbaum an, für die 2009, als sie ihre Tochter Brianne erwartete, zum ersten Mal diese Regel angewendet wurde. Meyer-Zimmermanns Forderung: "Jede Frau sollte in der Lage sein, selbstbestimmt und flexibel zu entscheiden, wie viel Zeit sie nach der Geburt ihres Kindes braucht." Unterstützt werden die Reiterinnen vom deutschen Verband, der einen Änderungsvorschlag beim Weltverband eingebracht hat. Er sieht vor, Schwangerschaft und krankheitsbedingten Ausfall nicht mehr gleich zu behandeln. Eine Reiterin sollte sich nicht vorher festlegen müssen, wann und wie lange sie ihre Babypause nimmt. Es müsse möglich sein, dass sie sich je nach persönlichem Befinden noch während der Babypause anders entscheidet. Ihre Punkte sollten in der Zeit, in der sie nicht startet, zu 100 Prozent erhalten bleiben. Nationale Starts sollten jederzeit möglich sein.

Für verletzungs- oder krankheitsbedingte Pausen von vier bis zwölf Monaten sollen wie bisher 50 Prozent der Punkte gutgeschrieben werden. "Weniger als vier Monate macht keinen Sinn", sagt FN-Generalsekretär Soenke Lauterbach. Er befürchtet sonst Missbrauch der Regel durch eine vorgeschobene Krankheit, wenn vielleicht nur die Pferde nicht in Form sind. Der Vorschlag wird erst bei der FEI-Generalversammlung 2023 behandelt und tritt frühestens 2024 in Kraft. Falls die FN genügend Mitstreiter findet.

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