Süddeutsche Zeitung

Radsport:Im Schatten des Kannibalen

Zum Tod des Italieners Felice Gimondi, der auch in der Ära von Eddy Merckx Spuren hinterließ

Es war 1968, nach der Katalonien-Rundfahrt, als Felice Gimondi begriff, dass er etwas ändern musste. Gimondi, ein hochbegabter Radfahrer aus der Provinz Bergamo, hatte nun mal das Pech, dass ihn das Schicksal in dieselbe Generation verpflanzt hatte wie Eddy Merckx, den Kannibalen, der der Konkurrenz bloß ein paar wenige Erfolge übrig ließ und oft nicht einmal die. "Es war, als würde ich ständig mit dem Kopf gegen eine Wand rennen", erinnerte sich Gimondi später in der Merckx-Biografie des Reporters Daniel Friebe; und so habe er damals, nach der nächsten bitteren Pleite in Katalonien, sein Ego ein für alle Mal tief verbuddelt: "Ich musste meinen Fahrstil völlig ändern", sagte er. "Du durftest Merckx nie als Erster attackieren, sonst würde er dich einholen und aussehen lassen wie einen Idioten." Ab sofort, beschloss Gimondi, würde er den Belgier nicht mit den Beinen herausfordern, sondern mit dem Kopf. Das war frustrierend, weil Gimondi wusste, dass dieser Kampf meist doch vergeblich sein würde. Aber er fühlte sich auch - zum ersten Mal seit langer Zeit - wieder befreit.

Die großen Geschichten des Radsports handeln oft von großen Siegern und tragischen Helden, aber Felice Gimondi hat es geschafft, auch so seine Spuren zu hinterlassen. Das Bemerkenswerte an seiner Vita war, was er trotzdem gewann, im Schatten des Kannibalen: einmal die Tour de France, einmal die Spanien-Rundfahrt und drei Mal den Giro d'Italia; alle drei großen Landesrundfahrten also, das haben nur sechs weitere Fahrer geschafft. Und doch war da immer dieser Makel: "Wie wenn Antonio Salieri der Meistgeliebte sein möchte, während Mozarts Musik erklingt", wie der italienische Sportjournalist Giacomo Pellizzari einmal schrieb. Na und? "Man kann auch etwas leisten, wenn man als Zweiter oder Fünfter ins Ziel kommt. Entscheidend ist, dass man alles gegeben hat", entgegnete Gimondi immer wieder. Und wenn sich doch eine Gelegenheit bot, wenn der Kannibale mal fastete, war Gimondi da, und dann schmeckte der Sieg umso süßer.

Bei der Straßenrad-WM 1973 zum Beispiel. Merckx war dem Feld davongeeilt, wie so oft, aber eine Gruppe um Gimondi, den Spanier Luis Ocaña und den Belgier Freddy Maertens holte ihn wieder ein. Diesmal, das spürte Gimondi bald, hatte Merckx sich zu sehr verausgabt. Und Gimondi gehorchte nicht seinen Beinen, sondern dem Kopf: Er bündelte die Kräfte für den Zielsprint, erst da fuhr er allen davon. Beim Giro 1976 bezwang Gimondi den alternden Kannibalen dann zum zweiten Mal - 1969 war der Belgier wegen einer Positivprobe aus dem Rennen genommen worden. Auch Gimondi wurde in seiner Karriere mehrmals erwischt, 1975 bei der Tour etwa, aber der Sport regelte das damals viel inkonsequenter als heute: mit einer zehnminütigen Zeitstrafe. Seiner Verehrung tat das keinen Abbruch. Gianni Brera, der langjährige Radsport-Dichter der Gazzetta dello Sport, taufte Gimondi einmal "Red Cloud" - wie den Indianerhäuptling, der Amerikas Ureinwohner einst in den aussichtslosen Kampf gegen die Siedler führte.

Gimondi wuchs in Sedrina auf, in der Lombardei, der Vater war LKW-Fahrer, die Mutter Postbotin. Der kleine Felice klaute manchmal ihr Rad, und weil er nicht nur frech, sondern auch sehr schnell war, musste er bald die Briefe austragen. Er schulte seine Fähigkeiten im nahegelegenen Valsassina-Tal in den Voralpen, er war sehr früh sehr gut am Berg und im Zeitfahren - die perfekte Mischung für die großen Rundfahrten. Und Gimondi hatte diese Gabe, die Gegner zu lesen - ein Blick, ein unrunder Tritt, und er spürte, wem er davonfahren konnte. So überrumpelte er 1965 alle Favoriten bei seiner ersten Tour de France, für die er kurzfristig als Ersatzmann ins Team gerückt war; Gimondi war nicht einmal 23 Jahre alt. Und so legte er später ab und zu auch den großen Merckx aufs Kreuz: mit Köpfchen. Und verlor vielleicht auch deshalb im echten Leben, als Versicherungskaufmann, nie den Halt, wie manch anderer Ex-Profi.

Nebenbei gewann Gimondi auch die großen Eintagesklassiker mindestens einmal, Paris -Roubaix, Mailand - Sanremo, die Lombardei-Rundfahrt. Nicht nur er hob sich dank Merckx auf ein neues Niveau, auch der Belgier strengte sich umso mehr an, weil er wusste, dass ihm dieser Indianerhäuptling im Nacken saß. "Ein Teil von mir ist mit ihm gegangen", sagte Merckx, als am Wochenende bekannt wurde, dass Gimondi im Sizilien-Urlaub an einem Herzinfarkt gestorben war. Er wurde 76 Jahre alt.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4567572
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 19.08.2019
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.