Süddeutsche Zeitung

Präsidentenwahl bei 1860 München:Hoffen auf den Mann aus der Matrix

Und der Nächste, bitte: Der 51-jährige Marketing-Kaufmann Gerhard Mayrhofer könnte auf Wunsch des Verwaltungsrats Präsident des TSV 1860 München werden. Doch was ist sein Programm? Es geht ihm um die Marke des Klubs - und um ein neues Stadion.

Von Markus Schäflein

Otto Steiner wählte seine Worte mit Bedacht, er wollte ja demonstrieren, dass er aus dem vergangenen Desaster seine Lehren gezogen hatte. Bloß nicht nochmal dieselben Fehler offenbaren wie zuletzt, als der Aufsichtsrat des Fußball-Zweitligisten TSV 1860 München um den Vorsitzenden Steiner den Münchner Bürgermeister Hep Monatzeder als Präsident vorgeschlagen hatte, der dann auf der Delegiertenversammlung durchgefallen war. Weil Monatzeder selbst Steiners Gremium angehört hatte, reichten die Vorwürfe nämlich von Einfallslosigkeit bis zu Vetternwirtschaft.

Erhielte der zweite Vorschlag bei der Mitgliederversammlung am 14. Juli erneut keine Mehrheit, kämen die Räte um einen Rücktritt diesmal wohl nicht mehr herum. Also sprach Steiner nun, da es in der Geschäftsstelle an der Grünwalder Straße den neuen Kandidaten zu präsentieren galt: "Wir haben einen von der Professionalität und der Intensität her beispiellosen Prüfungsprozess gemacht."

Insgesamt 28 Kandidaten, 18 davon von Mitgliedern auf Anfrage vorgeschlagen, habe das Gremium (das nach der Satzungsreform nun in identischer Besetzung Verwaltungsrat heißt) geprüft. "Wir haben eine Art Sichtungskommission gebildet und die alle durchtelefoniert", sagte Steiner. Eine "Matrix aus Kriterien und Eigenschaften" habe man erstellt und dann für jeden Kandidaten "einen Bogen ausgefüllt".

Eine Matrix (lateinisch für Gebärmutter) ist eine Tabelle, die Zusammenhänge darstellt und Rechen- und Gedankenvorgänge erleichtert (beziehungsweise, wie im gleichnamigen Film, eine hochkomplexe Computersimulation ermöglicht). Und der Verwaltungsrat gebar Gerhard Mayrhofer, der intern offenbar schon seit vielen Wochen zu den Favoriten gezählt hatte.

Der 51-jährige Marketing-Kaufmann arbeitete für zwei große Telefonanbieter und leitet derzeit die Agentur "Marken und Menschen". Markenbildung sei "eine seiner Kernkompetenzen", sagte Steiner, und auch die Marke 1860 wolle Mayrhofer, wen wundert's, stärken. "Dabei liegt ihm das Thema Stadion sehr am Herzen."

Mayrhofer, Vereinsmitglied seit den siebziger Jahren, sei sogar zwischenzeitlich unter dem Präsidenten Karl-Heinz Wildmoser mal aus dem Verein ausgetreten - aus Protest gegen die Arena, jawoll, die er von Anfang an für eine schlechte Idee gehalten habe. Mit einem wuchtigen Satz war das zweite Monatzeder-Fettnäpfchen übersprungen. "Es ist Grundeinstellung jedes Verwaltungsratsmitglieds und aller Präsidiumskandidaten, dass wir ein eigenes Stadion irgendwie ermöglichen müssen", sagte Steiner, "weil wir in der Arena auf keinen grünen Zweig kommen."

Präsident soll kein Übervater mehr sein

Gerne hätte man Mayrhofer selbst gleich zu diesem und anderen Themen gehört, er war allerdings nicht anwesend - er soll sich an diesem Dienstag vorstellen. Bereits am Sonntagabend hatte sich der Kandidat allerdings Vertretern der Fan-Organisationen, Arge und Pro1860, präsentiert. Beide Gruppen erhielten übrigens je einen Vizepräsidenten im vorgeschlagenen Präsidium: Pro1860 den Versicherungsmakler Erik Altmann, 42, den stellvertretenden Leiter der Fußball-Abteilung, der die Vereinsstrukturen modernisieren soll. Und der Bauunternehmer Peter Helfer, 45, ist Vorsitzender eines Arge-Fanklubs in Dachau und soll sich um Mitglieder- und Fanbetreuung kümmern.

Der Verwaltungsrat machte von der Möglichkeit der neuen Satzung Gebrauch, die Zahl der Vizepräsidenten auf drei zu erhöhen; so kann auch der Steuerberater Heinz Schmidt, 52, der zuletzt mit Monatzeder durchgefallen war, erneut kandidieren. "Er hat seine sehr guten Kompetenzen als Schatzmeister in der kurzen Zeit schon gezeigt", sagte Steiner.

"Wir wollten ein Signal setzen, dass wir das Präsidentenamt nicht mehr als Übervater sehen, der alles regiert", sagte Steiner. Das war ein Gruß an Dieter Schneider, den bei vielen Anhängern beliebten früheren Präsidenten, dessen Rückkehr aufs Parkett Steiner tunlichst unterbinden will - weil Schneider als Bedingung für eine neue Kandidatur den Rücktritt von Steiner und seinen Gremiumskollegen nannte, die ihn aus dem Amt gedrängt hatten. So durfte man dann auch viel hineindeuten, wenn Steiner erzählte von Mayrhofers "Botschaft an die Arge, dass sich die Qualität der Arbeit eines Präsidenten nicht daran bemisst, wie viele Fanklubs man besucht".

Weil sich die Qualität der Arbeit eines Gremiums daran bemisst, ob von ihm vorgeschlagene Kandidaten gewählt werden, wartet Steiner nach dem Scheitern Monatzeders gespannt auf den 14. Juli. Die Zenith-Halle ist angemietet, bis zu 2000 Mitglieder werden zu der Versammlung erwartet. Bis dahin stehen noch mindestens zwei öffentliche Vorstellungstermine Mayrhofers aus. Dann darf er auch mal selber reden - bevor er die Marke 1860 poliert, muss er sich erst einmal selbst ins Licht rücken.

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SZ vom 25.06.2013/jbe
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