Süddeutsche Zeitung

Personal der DFB-Teams:Dichtes Gedränge hinter dem Flaggschiff

Der deutsche Fußball muss sich mit ein paar offenen Fragen beschäftigen - und steht vor der nächsten Luxusdebatte: Wen darf die U21 behalten, wen braucht Bundestrainer Joachim Löw in der A-Mannschaft?

Von Christof Kneer

Für die Welt da draußen muss das entsetzlich aussehen. Da werden erst Deutschlands Männerfußballer in Brasilien Weltmeister, zwei Wochen später werden Deutschlands U19-Fußballer in Ungarn Europameister, und wieder ein paar Wochen später beenden Deutschlands U21-Fußballer die EM-Qualifikation im Stadion von Magdeburg auf ziemlich dreiste Weise ungeschlagen. Nicht zwei, nicht vier, nein, acht zu null siegte die von Horst Hrubesch trainierte U21 am Dienstagabend im letzten Gruppenspiel gegen allerdings merkwürdig derangierte Rumänen.

Dass diese furchterregenden Deutschen demnächst auch einen U21-Europameister stellen, ist damit aber noch nicht gesagt. Auch die Gruppensieger müssen sich noch in einem Playoff-Duell für die U21-EM 2015 in Tschechien qualifizieren - und die Welt da draußen, sofern sie noch im Wettbewerb vertreten ist, fürchtet sich jetzt also vor diesem Freitag.

An diesem Freitag werden die Playoffs ausgelost, und nach allen bisher bekannten mathematischen Wahrscheinlichkeiten wird es sich vermutlich nicht vermeiden lassen, dass irgendeine Nation die Deutschen als Gegner erwischt.

"Obwohl es in der Tabelle um nichts mehr ging, waren die Jungs gegen Rumänien total konzentriert, das war absolut überzeugend", sagt Hansi Flick, der neue DFB-Sportdirektor, über das 8:0 in Magdeburg. Flick ist gebürtiger Pragmatiker, er ist bestimmt keiner, der Deutschland für unschlagbar hält, aber nicht mal ein Pragmatiker kann sich wehren gegen die schönen Bilder, die er aus Magdeburg mitgenommen hat.

"Ich habe im Stadion viele Trainer getroffen", sagt Flick, "die waren alle ziemlich beeindruckt." Flick wird künftig noch mehr Zeit als früher auf Autobahnen und Flughäfen verbringen, das Junioren-Hopping ist Teil seines neuen Jobs. Am Montag war er bei der U19 in Oberhausen, am Dienstag bei der U21 in Magdeburg - und Anfang Oktober, das weiß er jetzt schon, wird er im Stadion in Essen sitzen.

In Essen wird die U21 ihr Playoff-Heimspiel austragen. Je nach Auslosung könnte es passieren, dass die A-Nationalelf am selben Abend ein paar Stadien weiter spielt, auf Schalke gegen Irland, in der EM-Qualifikation. Für Hansi Flick wäre das kein Gewissenskonflikt mehr, er würde dann kraft neuen Amtes zur U21 gehen. Aber wohin gehen dann Antonio Rüdiger, Shkodran Mustafi, Matthias Ginter und Erik Durm?

Sonderregeln fürs A-Team

"Der Jogi hat ja inzwischen fast meine komplette Viererkette", hat Horst Hrubesch gerade gesagt. Es war keine Klage, es war eine Feststellung, die so trocken dahergeflogen kam wie früher seine Kopfbälle. Es könnte noch ein Glück werden für den deutschen Fußball, dass Hrubesch ein ebenso uneitler Mensch ist wie Hansi Flick; die beiden gebürtigen Pragmatiker werden entscheidende Rollen spielen, wenn es darum geht, den Luxus seriös zu moderieren.

Es sind ja keine leicht zu beantwortenden Fragen, die sich stellen: Was wäre nächsten Sommer zum Beispiel wichtiger: dass die vier Viererkettentalente mit Joachim Löw zum EM-Qualifikationsspiel nach Gibraltar (16.6.) fliegen oder, im Fall der Qualifikation, mit Horst Hrubesch zur U21-EM nach Tschechien (17.6 - 30.6.)?

"Grundsätzlich gilt: Wir möchten mit der bestmöglichen Mannschaft in ein Turnier gehen", sagt Flick. Er wird das auch gegenüber den Vereinstrainern in der Bundesliga vertreten, "die Vereine profitieren ja auch davon, wenn Talente wie jetzt die U19-Europameister mit ganz neuem Standing und vor Selbstvertrauen strotzend zum Klub zurückkommen". Aber Flick war lange genug Löws Assistent, um die Sonderregeln zu kennen, die fürs A-Team gelten. "Die A-Mannschaft muss immer Priorität haben", sagt er, "sie ist das Flaggschiff, das den ganzen DFB zieht, sie hat einfach eine übergeordnete Rolle."

Es ist eine Luxus-Debatte, die der DFB da führt, aber es ist auch eine Debatte mit Vorgeschichte. Bei der vergangenen U21-EM, im Sommer 2013, hat Hrubeschs Vorgänger Rainer Adrion gleich mehrfach Verzicht geübt; er hat ja nicht mit allen spielberechtigten Jungprofis gerechnet, Toni Kroos, Mario Götze und auch Ilkay Gündogan waren viel zu sehr A-Nationalspieler, um ein Thema für die U21 zu sein, aber Marc-André ter Stegen, André Schürrle und Julian Draxler hätte Adrion sich gut in seiner Elf vorstellen können; sie waren aber schon mit der A-Elf für eine lustige Tingeltour nach Amerika gebucht.

"Das war eine spezielle Lage, weil die A-Elf wegen des Champions-League-Finales auf alle Bayern- und BVB-Spieler verzichten musste", sagt Flick, "die A-Elf braucht eben auch auf so einer Reise eine gewisse Qualität, weil sie den deutschen Fußball in der Welt vertritt."

Im Juni 2015 wird Löws A-Elf deutsche Interessen in Gibraltar vertreten, der Pragmatiker Hrubesch ahnt wohl schon, dass er zumindest nicht vier Viertel der obigen Viererkette berufen kann. Aber Hrubesch weiß auch, dass immer noch so viel Luxus in seinem Kader steckt, dass es Robin Knoche, Christian Günther, Emre Can, Johannes Geis, Moritz Leitner, Jonas Hofmann, Leonardo Bittencourt, Max Meyer und Kevin Volland bestimmt nicht alle auf einmal zu Joachim Löw schaffen werden.

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SZ vom 11.09.2014/jbe
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