Süddeutsche Zeitung

Olympische Spiele:Immer wieder Takahashi

Korruption gab es häufig im IOC. Doch der Skandal um mutmaßlichen Stimmenkauf in Tokio könnte vor den Spielen 2021 vor Gericht landen.

Die Sommerspiele 2020 in Tokio heißen im Sommer 2021 immer noch so: "Tokio 2020". Auch vor und nach dem Spektakel soll alles bleiben, wie für 2020 geplant: von der Qualifikation bis zu den Folgewettkämpfen. All das haben das Internationale Olympische Komitee (IOC) und seine japanischen Spiele-Partner so langsam wieder im Griff, die Hochglanz-Sause soll jetzt halt ein Jahr später die Menschheit beglücken: "Spiele der Hoffnung"! Als Licht am Ende des Corona-Tunnels wird das Megaevent seit seiner Verlegung angepriesen, es geht wieder mit vollem PR-Dampf voran.

Bleibt die Frage, ob sich auch die Strafbehörden an den neuen Zeitplan halten. Seit Jahren hängt ja eine schwere Gewitterwolke namens Korruption über Tokio 2020, und diese könnte sich nun vor den vertagten Spielen entladen. Dann droht Olympia das nächste Image-Desaster.

Seit 2016 wird zur Vergabe der Spiele an Tokio ermittelt, federführend ist die Pariser Finanzstaatsanwaltschaft Parquet National Financier (PNF). Die Arbeiten sind weit gediehen. Im Fokus stehen 1,8 Millionen Euro, geflossen in zwei Tranchen kurz vor und kurz nach Tokios Kür im Herbst 2013, an eine Beraterfirma namens Black Tidings in Singapur, laut Betreffzeile für die "Tokio 2020 Olympiabewerbung". Black Tidings zählt zum Schattengeflecht des von Interpol gesuchten Senegalesen Papa Massata Diack, dem Sohn des langjährigen IOC-Mitglieds und Leichtathletik-Weltverbandschefs Lamine Diack. Letzterer steht seit 2015 in Frankreich unter Hausarrest.

Die Diacks sollen afrikanische Wähler blockweise für zahlende Bewerber besorgt haben. Lamine galt als Blockführer, der Sohn soll über seine Agenturen Schmiergelder kanalisiert haben. Er wirkte als Marketingberater der vom Vater dirigierten IAAF. Der Verdacht zu Tokio deckt sich mit dem zur Vergabe der 2016-Spiele an Rio de Janeiro; dort werden Stimmkäufen über die Diacks eingeräumt. Tage vor Rios Kür bei der IOC-Session 2009 flossen 1,5 Millionen Dollar eines brasilianischen Milliardärs via Karibik an die Agentur Pamodzi - und auch die gehörte Massata Diack.

Auch bei der WM 2006 war der Strippenzieher aktiv

Unterm wachsenden Ermittlungsdruck trat Tokios Organisationschef Tsunekazu Takeda bereits im März 2019 zurück. Für Takeda, IOC-Mitglied und Boss von Japans Olympiakomitee, rückte der frühere Ministerpräsident Yoshiro Mori nach.

Jetzt enthüllt das japanische Magazin Facta, dass die Tokio-Bewerber eine äußerst schillernde Figur als Lobbyisten beauftragt hatten, einen, der auch die Bande zu Diack pflegte: 8,2 Millionen Dollar flossen an die Firma des Sportagenten Haruyuki Takahashi. Und weitere 1,3 Millionen kassierte das Kano Sportinstitut von: Yoshiro Mori, der heute das Organisationskomitee TOCOG anführt. Auch Takahashi gehört der Geschäftsleitung an.

Das ist neu, wohl auch für die Strafermittler. Dem Millionen-Empfänger Takahashi haftet in der Sportwelt ein Ruf an, der aus der Ära der Geldkoffer-Träger stammt. Seit den 1970er-Jahren pflegte Takahashi für den japanischen Marketingkonzern Dentsu die Verbindung mit dem deutschen Strippenzieher Horst Dassler; an dessen Skandalagentur ISL hielt Dentsu 49 Prozent. 2001 ging die ISL bankrott, ein Strafverfahren zeigte, dass sie mindestens 142 Millionen Schweizer Franken Schmiergeld an Sportfunktionäre bezahlt hatte. Schon damals auf der Bestechungsliste: Lamine Diack. Im ISL-Prozess wurde auch enthüllt, dass die Agentur bis zuletzt Millionen von Dentsu erhielt - merkwürdigerweise wanderten Teilbeträge nach Asien zurück. Als Gläubiger die ISL bereits umstellt hatten, flossen noch Millionen auf ein Konto in Hongkong, das Takahashi zugerechnet wurde. Er bestritt, wie jeder Betroffene, stets jedes Fehlverhalten.

Der Mann, der das anrüchige Marketinggeschäft des Weltsports aufzubauen half, war das Gesicht von Dentsu. Wo immer der Intimus höchster Würdenträger in IOC und Fifa auftrat, rochen die Geschäfte streng. Bei der WM 2006 in Deutschland vergab die Fifa das Hospitality-Geschäft mit Toptickets, Hotels und Rundum-Service für Sponsoren und Gäste an eine neue Agentur: Die ISE, gegründet von Takahashi, schlug erfahrene Mitbewerber aus dem Feld und zahlte 270 Millionen Franken für 350 000 Ticketpakete der ersten Kategorie. Zwei Drittel wurden flott verkauft, die ISE holte etwa 400 Millionen Euro rein.

Dann geschah Bizarres: Die ISE gab das verbliebene Drittel des Kontingents zurück, 110 000 Tickets - ohne Geld zurückzuverlangen. Nach der WM blieb der Verbleib zigtausender Karten für WM-Topspiele im Gegenwert eines bis zu dreistelligen Millionenbetrags ungeklärt; jahrelang sondierten deutsche Behörden die Grau- und Schwarzmärkte erfolglos.

Und nun das: Takahashi warb für Tokio! Befragt von Reuters räumt er gar ein, IOC-Wahlleute beschenkt zu haben - in kleinem Umfang. Zu seiner Klientel zählte auch der alte Freund Diack - der nun auf seinen Prozess wartet. Der hätte im Januar beginnen sollen, wurde aber auf Juni vertagt. Nun könnte er noch rechtzeitig vor den Spielen 2021 beendet sein: Mit einem Urteil, das Stimmkäufe für Tokio festhält?

Das wäre heikel für das IOC. Korruptionsfälle gab es oft, doch auch für Tokio standen die Chancen bisher bestens, dass der Knall erst nach den Spielen kommt. Dann, wenn die Flamme erloschen und die Sportkarawane weitergezogen ist. So, wie es auch schon bei früheren Spielen in Japan war, in Nagano 1998. Damals brauchte der Milliardär Yoshiaki Tsutsumi die Spiele unbedingt, um seine Privatländereien auf Staatskosten an die Schnellbahn anzubinden. Er finanzierte mit 20 Millionen Dollar das Lieblingsprojekt des IOC-Bosses Juan Antonio Samaranch, das Olympische Museum in Lausanne. Als der Korruptionsgestank nach dem drögen Event die Behörden alarmierte, lösten sich alle Bewerberakten in Rauch auf: Das Olympia-Archiv in Nagano brannte ab.

1999 gab es die Affäre um Salt Lake City - eine Blaupause?

Tsutsumi aber verlor seine IOC-Ehrenmitgliedschaft erst 2005, als er wegen Bilanzbetrug ins Gefängnis wanderte.

Das Debakel um Nagano spielt in Olympias Blütenträumen so wenig eine Rolle wie andere Affären; stets konnte sich der Ringe-Konzern auf geschäftsschonende Terminsetzungen verlassen: Fast immer traten schmutzige Deals erst nach der Party zutage. Die Spielevergabe 2014 an Putins Sommersitz Sotschi und 2018 an Pjeongchang, wo der allgewaltige Samsung-Konzern des (zwischendurch wegen Korruption inhaftierten) IOC-Mitglieds Kun He Lee eine Schlüsselrolle spielte, wurden nie untersucht. In Rio ließen sich die Dinge weniger gut kaschieren, Brasiliens Chefolympier Carlos Artur Nuzman sitzt inzwischen ebenso hinter Gittern wie der Gouverneur und auch der Bürgermeister von Rio. Aber 2016: Da durfte das Trio noch stolz die Sommerspiele eröffnen.

Nun liegt in Tokio ein Szenario vor, das den Rio-Spielen gleicht, vertraute Firmen und Figuren der olympischen Schattenwelt tauchen auf. Sollte gerichtlich geklärt werden, dass die Spiele mithilfe korrupter IOC-Leute nach Tokio gelangten, und käme so ein Urteil schon vor der Flamme am Spieleort an - dann würde alles anders werden. Auch dafür gibt es eine Blaupause: Als 1999 die Korruptionsaffäre um Salt Lake City 2002 aufflog, geriet das IOC an den Rand des Untergangs. Auch damals waren die Mitglieder über einen Nebenfond des Bewerberkomitees finanziert worden: Cash und Luxustrips, Jobs und Stipendien. Der US-Senat lud IOC-Boss Samaranch vor, Sender und Sponsoren machten Druck: Die einen bangten ums Publikum, die anderen um Geld und Kunden. Washington hatte den US-Topsponsoren mit dem Entzug von Steuervergünstigungen gedroht.

Bisher wurde ignoriert, wie defensiv das IOC mit der Tokio-Affäre umgeht. Ein Beispiel: Seit Jahren weigert sich der Senegal, Diack junior an Interpol auszuliefern. 2018 honorierte das IOC diese Blockadehaltung, indem es die Jugendspiele 2022 an Senegals Hauptstadt Dakar vergab.

Die großen Geldgeber, vorneweg der US-Sender NBC, der damals wie heute das meiste Geld beisteuert, können sich keine globale Korruptionsdebatte um die Ringe leisten, auch Tokio und das IOC nicht. Bald dürften also die Drähte glühen, um den Diack-Prozess im Juni weiter hinauszuzögern. Ob dabei hilft, dass der Prozess in Paris stattfindet? Das ist der Veranstalter der Sommerspiele 2024.

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SZ vom 05.04.2020
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