Süddeutsche Zeitung

Corona bei Olympia:Sportler haben das Recht auf ein Gefühl von Sicherheit

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Die Corona-Angst der deutschen Athleten vor den Sommerspielen wächst. Olympia-Starter sollten ab einem gewissen Zeitpunkt bevorzugt geimpft werden.

Kommentar von Johannes Aumüller

Viele deutsche Sportler sind wegen der Sommerspiele in Tokio in großer Sorge, und nun haben sie das in deutlichen Worten zusammengefasst. In einem achtseitigen Positionspapier trug der Verein "Athleten Deutschland" Forderungen an das Internationale Olympische Komitee und den Deutschen Olympischen Sportbund zusammen, deren Umsetzung es bräuchte, um bei den Spielen die notwendige Sicherheit zu gewährleisten. Die Sportler dürften "nicht in ein Dilemma gezwungen werden, in dem sie zwischen Teilnahme und ihrer sowie der Gesundheit anderer abwägen müssen", lautet eine Kernbotschaft.

Genau das ist aktuell aber der Fall. Es ist klar, dass sich das Infektionsrisiko in Tokio nicht auf null senken lässt. Es zeigt sich aber auch, dass der organisierte Sport es bisher nicht hinbekommt, das Risiko auf ein angemessenes Maß zu reduzieren. Jüngst erwiesen sich ein Fecht-Weltcup und die Hallen-EM der Leichtathleten als Superspreading-Events, bei denen sich Dutzende Sportler ansteckten. Bei den Olympischen Spielen mit ihren besonderen Charakter-Eigenschaften, mit mehr als 10 000 Teilnehmern und ihrem Gefolge, ist die Gefahr groß, dass Ähnliches passiert. Entsprechend nachvollziehbar ist es, wenn die deutschen Athleten vom IOC eine rote Linie einfordern: unter welchen Bedingungen die Spiele stattfinden können und unter welchen nicht.

Dabei wird sich in diesem Kontext zwangsläufig eine Debatte verschärfen: die Frage nach einer vorzeitigen Impfung der Olympia-Sportler, die zumindest einige Sorgen mindern würde. In verschiedenen Ländern, etwa China, ist dies bereits geschehen, in Deutschland und anderen europäischen Nationen noch nicht. Die Impfversorgung läuft bekanntlich schleppend, und Sportler zählen zu Recht nicht zu einer priorisierten Gruppe. Die Athleten halten sich mit Forderungen zurück. Aber schon seit geraumer Zeit wird diskutiert, ab wann es angemessen wäre, auch Sportler zu impfen. Es geht um die Frage, wie viel es einer Gesellschaft wert ist, wenn ihre Repräsentanten um Gold, Silber und Bronze kämpfen - und kulminiert in dem Argument, dass es doch nicht weiter von Gewicht sei, wenn rund tausend von zig Millionen Impfdosen vorab halt an Sportler gingen.

Doch, das wäre von Gewicht, nicht nur mathematisch, sondern auch symbolisch. Solange noch Mitglieder einer Risikogruppe nicht geimpft sind und solange Erzieher oder Polizistinnen auf einen Termin warten müssen, kann es gar keine Option sein, Sportler frühzeitig zu impfen. Sollten diese Gruppen allerdings einmal alle versorgt sein, wäre es durchaus angemessen zu fragen, warum eigentlich 50-jährige Investmentbanker oder Journalisten vor einer jungen Kunstturnerin oder Schwimmerin die Impfung erhalten sollten; da sollte man Olympia-Startern eine bevorzugte Rolle zugestehen.

Aber unabhängig davon ist absehbar, dass es für viele Sportler mit einer Impfung bis Tokio nichts mehr wird. Die Zeit bis zu den Spielen ist knapp, und es sind noch diverse intensive Trainingsphasen und Qualifikationswettkämpfe zu bestreiten, vor denen ein Leistungssportlerkörper eine Impfung mitsamt etwaiger Nebenwirkungen eher nicht als wohltuend empfindet. Das IOC muss für die Spiele solche Rahmenbedingungen schaffen, dass auch ungeimpfte Sportler sie als sicher empfinden können. Ansonsten kann es die Spiele halt nicht geben.

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